Wie er so dasteht und zur ruandischen Regierung spricht im Tropengarten des Luxushotels, mit seiner randlosen Studentenbrille, seiner Digitalkamera und dem jugendlichen Gesicht sieht er aus wie eine fernöstliche Ausgabe von Bill Gates im tiefsten Afrika: Wang Wenning aus China ist 40 Jahre alt und zum ersten Mal in seinem Leben in Ruanda. Es gibt nicht viele Chinesen hier, nur etwa 200 leben in der Hauptstadt Kigali, sie betreiben Restaurants oder arbeiten im Straßenbau. Wang ist gekommen, um das zu ändern. »In zwei Jahren werden hier 2000 chinesische Geschäftsleute sein«, kündigt er an. Er hat sich in Afrika der Einfachheit halber den britischen Vornamen William gegeben.

An einen hageren, hochgewachsenen Mann richtet Wang seine Worte. Der hört ihm aufmerksam zu, dann beugt er sich hinunter zum viel kleineren Chinesen und reicht diesem die Hand. Es ist Paul Kagame, der Präsident von Ruanda, der das Land befreit und den furchtbaren Völkermord 1994 beendet hat. »Ich werde Ihre Arbeit in Ruanda unterstützen«, sagt er knapp, und die umstehenden Minister nicken beifällig. William Wang, der Unternehmensberater aus Peking, hat eine Mission. Er bringt chinesische Unternehmer nach Afrika. Er ist Gründer und Chef von Africainvest, der einflussreichsten chinesischen Firma, deren Ziel es ist, die Wirtschaftsbeziehungen zum »vergessenen Kontinent« zu revolutionieren.

Vorhin erst hat Wang im Ballsaal des Hotels zu 400 Geschäftsleuten und Diplomaten gesprochen, die zu einer internationalen Investorenkonferenz nach Ruanda gekommen sind. Von der Zukunft Ruandas hat er geredet, von den ökonomischen Chancen und touristischen Potenzialen dieses »wunderschönen Landes« – und tosenden Beifall geerntet. Anschließend stand ein Ministerialdirigent des holländischen Entwicklungshilfeministeriums auf, ein Hüne mit grau-blondem Haar, der erklärte, er habe eine Million Euro an Zuschüssen für Projekte zu vergeben und bitte kleine Unternehmer um Bewerbungen. Mehr sagte er nicht. Als er sich wieder setzte, war es still im Saal.

Die Reaktionen auf die beiden Ansprachen zeigen, wie sehr sich Afrikas Verhältnis zur Außenwelt verändert hat. Die Botschaft aus Ruanda lautet: Adieu, Europa! Willkommen, China! Überall zwischen Daressalam und Dakar denken die politischen und wirtschaftlichen Eliten um. Sie fühlen sich von den Chinesen als gleichwertige Partner behandelt, nicht mehr als bloße Almosenempfänger. Das hat sie selbstbewusst gemacht. Sie schauen nach Osten und sagen zu den Emissären des Nordens: »Wir brauchen euch nicht mehr!«

Die Wirtschaftsoffensive Chinas in Afrika hat um die Jahrtausendwende begonnen. Vor allem geht es um den Zugriff auf die reichen Rohstoffvorkommen des Erdteils, um Öl, Erdgas, Eisenerz, Kupfer, Bauxit, Uran und andere Bodenschätze. Aber den staatlichen chinesischen Rohstoffkonzernen, die in Afrika investieren, folgen immer schneller chinesische Privatunternehmen aus unterschiedlichsten Industriebranchen wie Telekommunikation, Agrobusiness und Textil. Gleichzeitig geht es um langfristige Handelsabkommen, Aufbauhilfe und gewaltige Infrastrukturprojekte.

Rund 750.000 Chinesen sind in Afrika schon im Einsatz. Manager, Ärzte, Agronomen, fliegende Händler, Importeure, Kleinstunternehmer und ein Heer von Kontraktarbeitern auf zahllosen Großbaustellen. Sie hinterlassen allerorten die Zeichen der neuen chinesischen Präsenz: Militärkasernen in Accra, Textilienmärkte in Nairobi, Präsidentenpaläste in Windhuk oder Libreville, Reisfarmen in Westafrika, Fußballstadien in Daressalam, Lomé und anderen Kapitalen, einen riesigen Hotel- und Ferienkomplex in Sierra Leone, das neue Außenministerium in Kigali.

Die Chinesen renovieren koloniale Eisenbahnlinien und teeren Tausende von Straßenkilometern, sie bauen Flughäfen, Krankenhäuser, Staudämme, Pipelines, Raffinerien. Sie bewirken einen Innovationsschub, wie ihn der Schwarze Kontinent seit dem Ende der Kolonialzeit nicht erlebt hat. Kritiker reden von einer neokolonialen Eroberung der neuen Supermacht China. Optimisten sagen, in dieser Süd-Süd-Kooperation zwischen Asien und Afrika entfalte die Globalisierung ihr emanzipatorisches Potenzial.