Was wäre die Popkultur ohne ihre Toten? Tote belegen Spitzenplätze in den Hitparaden, Tote steigern den Umsatz. Tote verkaufen inzwischen mehr Platten als die Lebenden, weil nur die Toten über die magische Fähigkeit verfügen, ein heillos zersplittertes Publikum zu einen. Elvis brach im vergangenen Elvis-Jubeljahr noch einmal tapfer Rekorde, und dass die Beatles das diesjährige Weihnachtsgeschäft nicht mit einer weiteren Grabbeigabe anheizten, liegt allein daran, dass die Archive nach Jahren der Plünderung leer sind. Längst haben die Wiedergänger auch das Kino heimgesucht: Ray Charles, Johnny Cash, Kurt Cobain, die Reihe der posthumen Huldigungen nimmt kein Ende. Demnächst läuft Todd Haynes’ Film über Bob Dylan an – kein Toter, aber eine lebende Legende.

Jetzt also Ian Curtis. 27 Jahre – so lange ist es mittlerweile her, dass er sich in seiner Küche erhängte – war einer der letzten Geheimnisträger des Pop. Die wenigen Fotos, die es von ihm gibt, zeigen ihn als davonhuschende Gestalt im Trenchcoat, die zweieinhalb Langspielplatten, die er mit seiner Band Joy Division hinterlassen hat, genießen Kultstatus, haben jedoch nie ein Massenpublikum erreicht. Kein Wunder, alles an Curtis signalisiert Verschwinden, Abkehr, Verweigerung, im Pantheon der Antihelden ist er der Schattenmann, als habe er der Nachwelt nichts hinterlassen wollen als seine düstere, von Todessehnsüchten gezeichnete Musik. Dass nun auch dieses flüchtige Halbwesen ans Licht gezerrt wird, riecht nach Romantikerschändung – warum lässt man nicht wenigstens die Gruftis in Ruhe tot sein?

Der Argwohn ist verständlich, aber unberechtigt. Control, das Spielfilmdebüt des Holländers Anton Corbijn, hat alles, was es braucht, um auf dem heutigen Markt zu bestehen: einen mythenbeladenen Stoff, einen Regisseur mit Meriten als Rockfotograf, einen jungen Hauptdarsteller, dessen interpretationsoffenes Gesicht sich auf der Leinwand genauso gut macht wie in den Fotostrecken der Hochglanzmagazine. Corbijn ist kein Anfänger, er kennt die Verwertungsgesetze des Imagegeschäfts von seinen stilprägenden Arbeiten für U2 und Depeche Mode her. Als junger Mann hat er Ende der Siebziger Curtis sogar noch selbst zu einer Fotosession getroffen. Indem er eine Geschichte, die bislang vorwiegend im Kopf spielte, bebildert, kommt er dem Bedürfnis der iPod-Generation nach überlebensgroßen Gesten entgegen. Und doch nähert Corbijns Film sich seinem Gegenstand angenehm unhagiografisch. Statt noch eine Heiligengeschichte abzuliefern, begnügt er sich mit einer Skizze in Schwarz-Weiß.

Dieser Film ist weniger Biopicture als Hommage an ein versunkenes England. Gleich zu Beginn schwenkt die Kamera über Wohnblöcke von ausgesuchter Tristesse, am Ende kräuselt sich Krematoriumsrauch gen Himmel, dazwischen liegen Stationen einer Krankheit zum Tode, die von schwärmerischer Literatur- und Popmusikrezeption genährt wird. Wir schauen dem jungen Curtis (Sam Riley) dabei zu, wie er Gedichte von Wordsworth rezitiert, wir sehen ihn zu den Klängen eines David-Bowie-Stücks rauchen, wir erleben mit, wie er das Mädchen von nebenan heiratet, weil man das als Sohn der untersten Mittelklasse im britischen Norden eben so macht. Gezeigt wird indes kein Martyrium, sondern ein halber Ken-Loach-Film. Mit viel Sinn für Lokalkolorit lässt Corbijn seine Figuren vor rauchgeschwärzten Klinkerfassaden agieren, er begleitet sie zum Biertrinken ins Pub und registriert ihre Überlebensstrategien. Irgendwann steht in Großbuchstaben »HATE« hinten auf der Jacke, doch der Job beim Arbeitsamt ist noch immer nicht gekündigt.

Die Pillen, die man den Omas aus dem Giftschränkchen klaute

Erst vor dem Hintergrund (post-)industriellen Niedergangs entfaltet sich das eigentliche BandGeschehen. Jetzt sehen wir den Film-Ian-Curtis bei seinem Versuch, den beengenden Verhältnissen um ihn herum zu entkommen. Er zieht aus seiner Kleinstadt hinaus ins große Manchester, gründet eine Kapelle, die sich erst ostblockdüster Warsaw nennt und später Joy Division, er erprobt sich in der Rolle des einsam-heroischen Jugendverschwenders und nimmt dabei mehr und anderes als nur die Pillen, die er früher Omas aus den Giftschränkchen klaute, was seiner fragilen Gesundheit auf Dauer nicht zuträglich ist.

Corbijn zeigt seinen Helden als großen Selbsterfinder, der über seinem Medikamentenmissbrauch und einer beginnenden Epilepsie trübsinnig wird, doch auch hier – der Plot folgt den Erinnerungen der Witwe Deborah Curtis – hält sich der Regisseur mit Interpretationen zurück. Statt einem legendären Typen beim Legendärwerden zuzusehen, beschränkt er sich auf die Außenansicht einer nicht ganz exemplarischen New-Wave-Jugend.