Musikfilm
Der Rebell, der aus der Wohnküche kam
Bislang hat Anton Corbijn Rockstars nur fotografiert. Jetzt hat er seinen ersten Film gedreht: »Control«, die Geschichte von Ian Curtis, dem legendären Sänger der Band Joy Division
Was wäre die Popkultur ohne ihre Toten? Tote belegen Spitzenplätze in den Hitparaden, Tote steigern den Umsatz. Tote verkaufen inzwischen mehr Platten als die Lebenden, weil nur die Toten über die magische Fähigkeit verfügen, ein heillos zersplittertes Publikum zu einen. Elvis brach im vergangenen Elvis-Jubeljahr noch einmal tapfer Rekorde, und dass die Beatles das diesjährige Weihnachtsgeschäft nicht mit einer weiteren Grabbeigabe anheizten, liegt allein daran, dass die Archive nach Jahren der Plünderung leer sind. Längst haben die Wiedergänger auch das Kino heimgesucht: Ray Charles, Johnny Cash, Kurt Cobain, die Reihe der posthumen Huldigungen nimmt kein Ende. Demnächst läuft Todd Haynes’ Film über Bob Dylan an – kein Toter, aber eine lebende Legende.
Jetzt also Ian Curtis. 27 Jahre – so lange ist es mittlerweile her, dass er sich in seiner Küche erhängte – war einer der letzten Geheimnisträger des Pop. Die wenigen Fotos, die es von ihm gibt, zeigen ihn als davonhuschende Gestalt im Trenchcoat, die zweieinhalb Langspielplatten, die er mit seiner Band Joy Division hinterlassen hat, genießen Kultstatus, haben jedoch nie ein Massenpublikum erreicht. Kein Wunder, alles an Curtis signalisiert Verschwinden, Abkehr, Verweigerung, im Pantheon der Antihelden ist er der Schattenmann, als habe er der Nachwelt nichts hinterlassen wollen als seine düstere, von Todessehnsüchten gezeichnete Musik. Dass nun auch dieses flüchtige Halbwesen ans Licht gezerrt wird, riecht nach Romantikerschändung – warum lässt man nicht wenigstens die Gruftis in Ruhe tot sein?
Der Argwohn ist verständlich, aber unberechtigt. Control, das Spielfilmdebüt des Holländers Anton Corbijn, hat alles, was es braucht, um auf dem heutigen Markt zu bestehen: einen mythenbeladenen Stoff, einen Regisseur mit Meriten als Rockfotograf, einen jungen Hauptdarsteller, dessen interpretationsoffenes Gesicht sich auf der Leinwand genauso gut macht wie in den Fotostrecken der Hochglanzmagazine. Corbijn ist kein Anfänger, er kennt die Verwertungsgesetze des Imagegeschäfts von seinen stilprägenden Arbeiten für U2 und Depeche Mode her. Als junger Mann hat er Ende der Siebziger Curtis sogar noch selbst zu einer Fotosession getroffen. Indem er eine Geschichte, die bislang vorwiegend im Kopf spielte, bebildert, kommt er dem Bedürfnis der iPod-Generation nach überlebensgroßen Gesten entgegen. Und doch nähert Corbijns Film sich seinem Gegenstand angenehm unhagiografisch. Statt noch eine Heiligengeschichte abzuliefern, begnügt er sich mit einer Skizze in Schwarz-Weiß.
Dieser Film ist weniger Biopicture als Hommage an ein versunkenes England. Gleich zu Beginn schwenkt die Kamera über Wohnblöcke von ausgesuchter Tristesse, am Ende kräuselt sich Krematoriumsrauch gen Himmel, dazwischen liegen Stationen einer Krankheit zum Tode, die von schwärmerischer Literatur- und Popmusikrezeption genährt wird. Wir schauen dem jungen Curtis (Sam Riley) dabei zu, wie er Gedichte von Wordsworth rezitiert, wir sehen ihn zu den Klängen eines David-Bowie-Stücks rauchen, wir erleben mit, wie er das Mädchen von nebenan heiratet, weil man das als Sohn der untersten Mittelklasse im britischen Norden eben so macht. Gezeigt wird indes kein Martyrium, sondern ein halber Ken-Loach-Film. Mit viel Sinn für Lokalkolorit lässt Corbijn seine Figuren vor rauchgeschwärzten Klinkerfassaden agieren, er begleitet sie zum Biertrinken ins Pub und registriert ihre Überlebensstrategien. Irgendwann steht in Großbuchstaben »HATE« hinten auf der Jacke, doch der Job beim Arbeitsamt ist noch immer nicht gekündigt.
Die Pillen, die man den Omas aus dem Giftschränkchen klaute
Erst vor dem Hintergrund (post-)industriellen Niedergangs entfaltet sich das eigentliche BandGeschehen. Jetzt sehen wir den Film-Ian-Curtis bei seinem Versuch, den beengenden Verhältnissen um ihn herum zu entkommen. Er zieht aus seiner Kleinstadt hinaus ins große Manchester, gründet eine Kapelle, die sich erst ostblockdüster Warsaw nennt und später Joy Division, er erprobt sich in der Rolle des einsam-heroischen Jugendverschwenders und nimmt dabei mehr und anderes als nur die Pillen, die er früher Omas aus den Giftschränkchen klaute, was seiner fragilen Gesundheit auf Dauer nicht zuträglich ist.
Corbijn zeigt seinen Helden als großen Selbsterfinder, der über seinem Medikamentenmissbrauch und einer beginnenden Epilepsie trübsinnig wird, doch auch hier – der Plot folgt den Erinnerungen der Witwe Deborah Curtis – hält sich der Regisseur mit Interpretationen zurück. Statt einem legendären Typen beim Legendärwerden zuzusehen, beschränkt er sich auf die Außenansicht einer nicht ganz exemplarischen New-Wave-Jugend.
Es ist das Milieu, das in diesem Film die Hauptrolle spielt. Was sich aus dem aufbrechenden Konflikt zwischen den ungleichen Eheleuten (wunderbar in der Rolle des tapferen Heimchens: Samantha Morton) entwickelt, ist ein urbritisches Kleinfamilien-Drama: Zwischen Teegebäck und Windeln kommt es zum Dauerstreit, tagsüber trennt der Held sich von seiner Frau, um nachts wieder unter die wärmende Decke zu kriechen. Was dabei leider auf der Strecke bleibt, sind einige Kontexte, ohne die es Joy Division kaum zur Kultband gebracht hätten. Tony Wilson, der Kopf des Factory-Labels, kommt über die angedeutete Rolle als Impresario und Förderer nicht hinaus, Martin Hannett, der dem Joy-Division-Sound als Produzent seine metallische Kälte gab, taucht gar nicht erst auf. Von der berühmten Manchester-Szene, der Michael Winterbottom in seinem Film 24 Hour Party People ein Denkmal gesetzt hat, bleiben nur ein paar hingetupfte Impressionen.
Und die fremden Unterhosen, die beim Weg zum Selbstmord stören
Kaum überzeugend auch die Psychologie: Warum es genau so kommt, wie es kommen muss, bleibt, aufs Ganze gesehen, ein Rätsel. Doch sollte man von einem kleinen Film wie diesem nicht zu viel verlangen; was ihm an musikhistorischer Prägnanz abgeht, macht er als Fallstudie wieder wett.
Wo Winterbottom den Rausch bloß als Rausch nimmt, erzählt Corbijn die Genese einer Haltung. Mindestens so wichtig wie die Gesten sind dabei die Interieurs: das utopische Grau eines vorelektronischen Jugendzimmers, das Telefon an der Flurwand, der herbe Charme britischer Wohnküchen, in denen die Wäsche zum Trocknen unter der Decke hängt, sodass man sogar mit seinen Selbstmordabsichten erst einmal an den Unterhosen anderer vorbei muss. Anton Corbijns Debüt ist ein Stück Independent-Kino, in dessen Bildern das Selbstgebastelte des Spätsiebziger-Aufbegehrens auflebt. Weil der Protest noch nicht im Laden erhältlich war, blieb seinen Helden nichts anderes, als ihn sich zu erwerkeln. Und weil keine Kameras dabei waren, inszenierte man sich eben als Held seines eigenen Films.
So stilsicher erzählt war das bislang in keinem Historiengemälde Hollywoodscher Machart zu sehen, es ist, als habe der Starfotograf Corbijn in seinen Fünfzigern noch einmal zu den Anfängen als schmutziger Schwarz-Weiß-Ästhet zurückkehren müssen, um seinem Sujet Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Man sollte
Control
als
Young Man’s Guide to Joy Division
nehmen: Ein Veteran der Rockstarinszenierung zeigt, wie das Gestern sich zum Heute verhält, und stellt für die iPod-Jugend die Frage, was dabei auf der Strecke blieb. Offenbar eine Menge. Was wäre die Popkultur ohne ihre Toten? Die nächste Legendenverfilmung kommt bestimmt.
Zum Thema:
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- Datum 10.1.2008 - 08:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.01.2008 Nr. 03
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"Bislang hat Anton Corbijn Rockstars nur fotografiert. Jetzt hat er
seinen ersten Film gedreht" sagt der Artikel in der Kurzeinleitung.Das stimmt nicht ganz, denn Anton Corbijn hat sehr wohl bereits mit dem Medium bewegtes Bild gearbeitet. Denn neben der Fotografie drehte er bereits ab Mitte der 1980er regelmäßig Musikvideoclips und auch Konzertfilme. Bekannt wurden vor allem die Arbeiten für Depeche Mode (u.a. "Enjoy the silence", "Walking in my shows", "Barrel of a gun", Konzertfilm "Devotional") und U2 ("One"). Auch für Herbert Grönemeyer (u.a. "Bleibt alles anders" und "Mensch"), Metallica und Nirvana hat er bereits Clips gedreht. Viele seiner Videoclips wurden unlängst auf einer DVD der Reihe "The Work of Director..." zusammengestellt.Die Beschreibung, Corbijn habe bisher "nur fotografiert" greift also etwas kurz.---
StGB §328, Absatz 2.3:
Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine nukleare Explosion verursacht.
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