FacebookNackt unter Freunden

Mehr als 70 Millionen Menschen treffen sich im digitalen Freunde-Netz von Facebook – und offenbaren der Werbeindustrie ihre Vorlieben. Götz Hamann beschreibt seine ersten sechs Wochen. von 

Es ist der 28. November. »Tag eins« eines Selbstversuchs. Mein Name ist Götz Hamann, und ich bin dabei, mich zu entblößen. Ausziehen muss ich mich dafür nicht. Ich plaudere. Schreibe. Beschreibe. Gebe preis. Dies ist der Tag, an dem ich im Internet ein persönliches Profil bei Facebook anlege – und Teil einer weltumspannenden Bewegung werde.

Man nennt Facebook ein Soziales Netzwerk, und es wächst schneller als jedes andere. Bis heute haben sich fast 60 Millionen Menschen dort angemeldet, die meisten aus den USA, aber schon in den nächsten Monaten soll eine Version in deutscher Sprache folgen. Ende dieses Jahres könnte Facebook dann weltweit fast 200 Millionen Mitglieder haben – bei 500 Millionen Dollar Umsatz. Das zumindest erwarten Experten bei Forrester, einer großen amerikanischen Marktforschungsfirma. Eigentlich kennt man solche Zahlen. Nie exakt. Meist übertrieben. Doch Facebook und MySpace sind in den vergangenen zwei Jahren schneller gewachsen, als es selbst Optimisten erwartet haben. In Deutschland sind vor allem zwei Netzwerke namens StudiVZ und SchülerVZ erfolgreich. Sie gehören beide der Verlagsgruppe Holtzbrinck (wie auch die ZEIT), und sie erreichen fast alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland.

Bei Facebook muss ich als Erstes einen Lebenslauf ausfüllen: geboren am 11. Dezember 1969, männlich, studiert an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Direkten Zugriff auf diese persönlichen Daten hat erst einmal niemand – außer Facebook. Aber es ist ja erst der Anfang. Es ist der erste Tag.

An diesem ersten Tag lasse ich noch viele Felder frei: Stehe ich auf Frauen oder Männer? Was denke ich politisch? Glaube ich an Gott? Habe ich eine Beziehung? Meine Handynummer und meine Adresse soll auch niemand erfahren! Aber jedes Mal keimt die stille Frage, ob das in Ordnung ist. Oder verstoße ich gegen eine ungeschriebene Etikette und werde Außenseiter sein, sobald ich den ersten Kontakt zu jemandem suche? Später wird klar, viele machen es wie ich, wobei generell gilt: Je jünger jemand ist, umso mehr gibt er preis.

Zu alt bin ich aber nicht. Immerhin. Facebook ist kein Kindergarten. Nicht einmal ein Jugendheim. 40 Prozent der Nutzer sind älter als 35 Jahre.

29. November. Lauter weiße Felder haben die Leute von Facebook eingerichtet. Sie signalisieren: »Du hast längst nicht genug von dir aufgeschrieben.« Meine Hobbys könnte ich eintragen, welche Musik ich mag, welche Filme. Beschreiben soll ich mich auch. Oberflächlich betrachtet, ist Facebook eine Mischung aus Dingen, die es längst gibt: Die persönliche Seite kann wie ein schlichter Lebenslauf aussehen. Oder aber wie ein Poesiealbum nach der Pubertät. Facebook beinhaltet ein E-Mail-Programm. Ein elektronisches Adressbuch. Jeder muss sein persönliches Netzwerk aufbauen und abbilden, denn erst wenn Freunde und Kollegen mitmachen, bekommt Facebook einen Sinn. Und seit Millionen Menschen genau das tun, sind Soziale Netzwerke zu einem zentralen Ort der Kommunikation im Internet geworden. »Es scheint, als ob Soziale Netzwerke für viele eine Antwort auf die Erosion von Familie, Kirche, Vereinen und Parteien sind«, sagt Klaus-Peter Schulz, Deutschland-Chef der Werbeagentur BBDO.

Andere mögen denken: Wie lächerlich! Wenn man reden will, warum ruft man nicht an? Oder schreibt eine Mail? Aber so einfach ist es eben nicht. Soziale Netzwerke im Internet kann man ablehnen, aber nicht mehr ignorieren, weil so viele Menschen nun einmal mit Hilfe der Netzwerke ihre Beziehungen pflegen. Auch deshalb haben die Manager des Softwarekonzerns Microsoft vor Kurzem für winzige 1,6 Prozent an Facebook satte 240 Millionen Dollar gezahlt. Damit ist die Internetfirma hochgerechnet 15 Milliarden Dollar wert, was in etwa dem Börsenwert des deutschen Handelskonzerns Metro und des Stahlkonzerns ThyssenKrupp entspricht.

Was die Internetfirma so wertvoll macht, »ist das Versprechen, dass man Werbung direkt adressieren kann. An jeden Einzelnen. Dass man Werbung verschicken kann, die tatsächlich interessiert«, sagt Karen Heumann, Vorstand für Strategie und Entwicklung in Deutschlands erfolgreichster Werbeagentur Jung von Matt. »Es wäre ein Riesenschritt nach vorne.«

475 Milliarden Dollar werden auf der Welt in diesem Jahr voraussichtlich für Werbung ausgegeben. Und noch immer gilt für den Großteil dieser Summe, dass ihre Wirkung in den Augen von Konzernbuchhaltern nicht ausreichend belegt ist. Genau das versprechen die Betreiber von Sozialen Netzwerken nun zu ändern. Ihr erstes Argument lautet: Menschen verbringen dort viel Zeit. Beispielsweise nutzen mehr als 50 Prozent der 4,6 Millionen Mitglieder ihre Seite bei StudiVZ täglich. Die meisten mehrmals. Damit ist das Netzwerk in nur zwei Jahren zum wohl am intensivsten genutzten Internetangebot im Land geworden. Schüler und Studenten verabreden sich dort, sie schreiben sich, stellen sich dar, halten Kontakt zu Familie und Freunden überall auf der Welt. Und was für StudiVZ gilt, trifft auf die großen Netzwerke aus den USA genauso zu.

»Unter den populärsten zehn Internetangeboten der Welt war vor zwei Jahren noch kein Soziales Netzwerk. Jetzt sind es vier: Facebook, MySpace, Hi5 und Orkut«, sagt Jia Shen. Er ist Cheftechniker von RockYou, einer Firma aus dem Silicon Valley, die neue Werbeformen für Soziale Netzwerke entwickelt. Finanziert wird RockYou unter anderem von Sequoia Capital, deren Manager oft eine gute Nase für Innovationen bewiesen. Sie gehörten zu den ersten Anteilseignern der heutigen Internetkonzerne Google und Yahoo!. Shen sagt über die Entwicklung seiner Firma RockYou: »Wir arbeiten bereits regelmäßig für das Hollywood-Studio Sony Pictures. Andere dürfen wir nicht nennen, beispielsweise die bekannten Hersteller von Brause und Turnschuhen.«

Das sind zwar nur Pilotprojekte. Aber wenn sich die Erwartungen der Werbewirtschaft an Facebook und Co. erfüllen, könnte sich die Verteilung der 475 Milliarden Werbe-Dollar merklich ändern, könnten sich die bereits sichtbaren Trends verstärken – zulasten vor allem von Radio und Zeitschriften. »Außerdem wird Werbung in Sozialen Netzwerken, wenn sie erfolgreich ist, wahrscheinlich einen Teil des klassischen Direktmarketings, also der Werbebriefe, ersetzen«, sagt Michael Trautmann, Mitbesitzer der Werbeagentur KemperTrautmann in Hamburg.

In meinem Facebook-Profil lassen mich derweil die ganzen leeren Felder gedanklich nicht los. Ist zwar nur ein Angebot, das ich weiterhin zögerlich übergehe. Aber der innere Druck steigt. Schließlich will ich dazugehören, und so gebe ich doch Bücher an, die mir zuletzt gefallen haben: Das Beben von Martin Mosebach, Der Fürst von Niccolo Machiavelli. Andere Nutzer sind noch weitaus offener. Und deshalb könnten Facebook und Co. für die Werbungtreibenden ein Paradies werden.

30. November. Jetzt gilt es. Werde ich in der Lage sein, ein Netzwerk aufzubauen? Wer meiner Freunde ist schon dabei? Wer von den Leuten, die für meine Arbeit wichtig sind? Ich tippe die ersten Namen: Heiko Strebel. Heike Grusemann. Markus Hippeli. Kein Treffer. Aber nach und nach finde ich doch zwei oder drei Dutzend, vor allem aus Unternehmen. Einigen wenigen sende ich eine Nachricht, lade sie in mein Netzwerk ein.

Unbedingt brauche ich noch ein Foto von mir, nur darf es auf keinen Fall ein Passfoto sein. Irgendetwas ohne Schlips. Nicht zu leger, denn man findet zwar barbrüstige Männer, aber deren berufliche Kontakte sind sicher nicht die meinen.

Brust oder Hemd. Es ist eine der sozialen Grenzen, die man zieht. Und so könnte, wer auf all die persönlichen Daten der Sozialen Netzwerke zugreifen kann, einen wirklich außerordentlichen Überblick bekommen, wer die Jugend der Welt ist, wer die jungen Erwachsenen auf den ersten Stufen der Karriereleiter sind. Facebook kennt die Namen, das Alter, den Wohnort, die Ausbildung (meist Universität), über die Zeit auch viele Vorlieben und Interessen. Und Facebook kennt die persönlichen Netzwerke. So entsteht ein Muster der gesellschaftlichen Schichten – und eine riesige Datenbank des Geschmacks.

Der Werber Michael Trautmann sagt: »Die Zahl der Medien nimmt stetig zu. Wenn man die kaufkräftigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen wieder an einem oder zwei Orten erreichen könnte, dann würde uns das sehr helfen.« Und so könnten wohl auch die Kunden der Agentur, es sind unter anderem Media Markt, Siemens und Audi, über kurz oder lang in Sozialen Netzwerken werben.

Datenbanken wie die von Facebook gab es noch nie, weder in einem Land noch im internationalen Maßstab. Deshalb versuchen Wissenschaftler bereits, sie zu nutzen. Sie sehen Facebook als riesiges Labor für gesellschaftliche Zustände und Verhältnisse. Es erlaubt einen Blick auf die Mittelschichten dieser Welt und einen Teil der künftigen Elite. Jason Kaufman von der Universität Harvard und Andreas Wimmer von der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) haben beispielsweise angefangen, mit Hilfe von Facebook-Daten zu untersuchen, wie die persönlichen Bande den Geschmack beeinflussen. Das ist auch wirtschaftlich wichtig, denn Geschmack wird zu Konsum. Ist also Absatz. Umsatz.

Sicher werde ich in Kürze eine Anzeige des Internethändlers Amazon zu sehen bekommen, die mir den neuen Roman Der Mond und das Mädchen von Martin Mosebach anpreist. Machiavelli schreibt ja nichts mehr.

1. Dezember. Zwei Kollegen schicke ich an diesem Tag eine Nachricht und lade sie ein, ein kleines Zusatzprogramm namens Foodfight mit mir zu spielen, was so viel wie Tortenschlacht heißt. Eigentlich eine nette Vorstellung: Man bewirft die Fotos seiner Kollegen mit Kuchen oder Grillgut und kann zusehen, wie Rippchen mit Soße langsam an ihnen hinabgleiten.

Digitale Bildbearbeitung macht so etwas möglich. Ich bin fest davon überzeugt – aber meine Lust auf kindische Gemeinschaft wird bitter enttäuscht. Facebook ist eben auch ein Hort fehlgeschlagener Experimente. Bei Foodfight schickt man sich bloß briefmarkengroße Bildchen, auf denen Biobananen oder Schlagsahne zu sehen ist. Wie langweilig! Und albern! Aber bis ich das erkenne, habe ich noch mehr von mir preisgegeben. Das gehört zu den Spielregeln. Wer die Rippchen werfen will, muss zunächst einige Marktforschungsfragen beantworten:

Wie viel gebe ich für Weihnachtsgeschenke aus?

Welche Jobbörse nutze ich im Internet?

Welche Autoversicherung habe ich?

Von welchem Onlinebuchhändler würde ich Freunden einen Geschenkgutschein schicken?

Welche Spielkonsole möchte ich haben?

Habe ich ein Haustier?

Wo kaufe ich meine Musik im Internet?

Und schon hatte ich mir die Rippchen verdient. Hätte ich Hummer werfen wollen, ich hätte noch mehr Fragen beantworten müssen.

3. Dezember. Das mit der Tortenschlacht ärgert mich noch immer. Und überhaupt. Was macht der Entwickler dieses albernen Programms eigentlich mit meinen Daten? Und Facebook erst?

5. Dezember. Ich bin nicht der Einzige, den die Frage umtreibt. Es hat sich eine Interessengruppe gegründet, die sich »Facebook, hör auf, in meine Privatsphäre einzudringen« nennt. Grundsätzlich gilt: Wer dem Sozialen Netzwerk aus den USA beitritt, darf sich der Werbung nicht komplett verweigern. Facebook kann die persönlichen Daten für Werbezwecke nutzen. Bei deutschen Angeboten können Nutzer genau das ausschließen.

Was mehr als 85.000 Mitglieder gegen Facebook aufgebracht hat, geht viel weiter als normale Werbung. Es trägt den Namen Beacon – Leuchtfeuer. Die Manager von Facebook haben Verträge mit 60 Internetanbietern geschlossen. Darin steht, dass, wenn ein Facebook-Mitglied beispielsweise eine Kinokarte bei der Firma Blockbuster im Internet bestellt, dies in seinem Facebook-Profil angezeigt wird. Alle Freunde können das sehen und auch, ob man einen Flug bei Travel Ticker bucht, Filme bei Sony kauft oder Pornoartikel bei Redlight bestellt. Anfangs verweigerte Facebook sogar die Möglichkeit, diese Funktion auszustellen.

Erst nach wochenlangen Protesten lenkte die Firma ein, und Gründer Mark Zuckerberg entschuldigte sich für sein Leuchtfeuer: »Wir haben viele Fehler gemacht, als wir diese Funktion entwickelt haben. Und dann hat es zu lange gedauert, das Produkt anzupassen, nachdem uns so viele Nutzer geschrieben haben. Ich bin nicht stolz darauf, wie wir mit der Situation umgegangen sind.« Zuckerberg ist 23 Jahre alt und hat Facebook vor vier Jahren während seines Harvard-Studiums entwickelt. Noch heute sieht er aus wie ein schlaksiger Student, doch nichts konnte ihn von seinem Weg abbringen, jedes Angebot, sein Unternehmen zu verkaufen, hat er abgelehnt, und auch jetzt bleibt er seinem großen Ziel treu. Er will die persönlichen Daten der Mitglieder in ein maximal großes Geschäft verwandeln. »Wir haben die rechte Balance nicht hinbekommen«, sagt Zuckerberg. Aber: »Wir glauben daran, dass viele Informationen nicht bei Facebook vorhanden sind, die unsere Nutzer miteinander teilen wollen.«

18. Dezember. Es dauert, Seth Goldstein, den Gründer von Social Media, in Kalifornien ans Telefon zu bekommen. Seine Firma vermarktet nicht nur die enttäuschende Tortenschlacht namens Foodfight, sondern Hunderte kleiner Programme, die man seinem Facebook-Profil hinzufügen kann. Wenn sie Spaß versprechen, verbreiten sie sich schnell. Manchmal millionenfach. So haben beispielsweise 8,5 Millionen Nutzer ein Programm namens Happy Hour heruntergeladen, bei dem man seinen Freunden einen virtuellen Cocktail zukommen lassen kann. Nach wenigen Monaten hat dieses Spielchen zwar seinen Reiz verloren, die Nutzungszahlen sinken rapide, aber auch mit Happy Hour sammelte Social Media immens viele Daten. Auf die Frage, was er damit vorhat, sagt Goldstein: »Wir nutzen sie noch nicht. Wir verdienen kein Geld damit.« Es gebe eine rechtliche Grauzone und Streit zwischen Facebook und Firmen wie Social Media. Bisher ist unklar, ob externe Anbieter die Daten nutzen dürfen, die sie in Facebook erheben. Und so sitzt Goldstein auf einem riesigen Datenberg, aus dem er keine verwertbaren Informationen ziehen darf. Aber er ist optimistisch: »Vielleicht wird das eine echte Goldmine.«

Der Köder ist offenbar immer gleich – Spaß haben. In nichts, so scheint es, stecken Entwickler so viel Energie wie in die Frage, was die Nutzer von Facebook lustig finden. So sind Tausende von Spielen entstanden wie: »Hast du Klasse?«, »Was für ein Trinker bist du?«, »Welche Filme magst du?«, »Wie hoch ist deine Lebenserwartung?«, »Was für eine sexuelle Persönlichkeit hast du?«. Es ist wie in drittklassigen Zeitschriften mit all den Persönlichkeitstests: total sinnlos, und trotzdem vertreiben sich Millionen damit die Zeit. Wie populär ein solches Quiz wird, hängt auch davon ab, ob man sein Ergebnis mit dem seiner Freunde vergleichen kann.

19. Dezember. Spaß ist aber nicht alles. Einige Programmierer tun auch etwas für die Armen und die Umwelt. Ihre Projekte tragen Namen wie Donate Rice, iRipple und Carbon Diet Plan. Für jede dieser Ideen haben sich Sponsoren gefunden. Die Firmen, beispielsweise die australische Brauerei Cooper’s, sagen zu, jedes Mal zu spenden, wenn sich jemand ihre Werbung anschaut, meistens während eines Spiels. Die Spende reicht mal für eine Schale voll Reis, mal für sechs Tage sauberes Wasser oder einen Mikrokredit von 100 Dollar für einen Tag. Dafür sorgen, dass das Geld ankommt, werden am Ende bewährte Organisationen wie das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, Oxfam und die Grameen Bank.

20. Dezember. Verbraucher zu Botschaftern der eigenen Sache zu machen entpuppt sich als eines der interessantesten Werbeexperimente.

Seit Längerem bin ich selbst Teil eines solchen Experiments – ohne es gleich zu bemerken: Es geht um MyMusic, auch eines dieser kleinen Zusatzprogramme. Im Ruhezustand hat es auf dem Bildschirm die Größe einer Zigarettenschachtel. Doch die Schachtel hat es in sich. Denn greift man hinein, kann man unter Hunderttausenden von Liedern wählen. Johnny Cash, Nelly Furtado, The Fray: Was ich auch hören möchte, praktisch alles ist nur einen Klick entfernt. Zwar ist die Tonqualität schlecht. Aber für die handelsüblichen Computerlautsprecher reicht es. Und es kommt noch besser. Zu den meisten Liedern gibt es das passende Video. Im nächsten Schritt kann MyMusic mit der eigenen Musiksammlung verbunden werden, sofern diese auf dem Computer gespeichert ist. Richtig spannend wird es, sobald einige Freunde das Gleiche tun. Denn dann kann man auch in deren Musiksammlung stöbern. Kann lästern. Aber sich vor allem Anregungen holen – oder seine Freunde auf neue Musik aufmerksam machen.

»Musik lernt man am ehesten durch Freunde kennen«, sagt Jim DeLorenzo. Er kümmert sich darum, ein Geschäftsmodell für MyMusic zu entwickeln. Zuvor war DeLorenzo beim US-Verband der Musikindustrie, und als er hörte, dass Manager der Branche ein Start-up gründen und MyMusic herausbringen wollten, machte er mit. Vor Kurzem hat auch Steve Case, Milliardär und Gründer des Internetdienstes AOL, in die Firma investiert.

Tatsächlich versucht MyMusic vor allem zu werben, indem es Nutzer darauf aufmerksam macht, was ihre Freunde hören. Ein anderes Mal werden Lieder aufgelistet, die unter allen MyMusic-Nutzern populär sind. Und dann wieder versucht MyMusic die Nutzer dazu zu bewegen, Freunden die eigene Lieblingsmusik zu empfehlen. All das soll zum Onlinekauf bewegen: damit man neue Musik nicht nur innerhalb von MyMusic hören, sondern überallhin mitnehmen kann. In guter Qualität.

3. Januar. Milliarden Dollar wird man mit MyMusic wohl nie umsetzen, geschweige denn verdienen. Und je mehr Geschäftsmodelle man sich anschaut, umso stärker wird der Eindruck: Es geht auf absehbare Zeit für die meisten Anbieter eher um Münzen als um Scheine. Klaus Hommels sieht das ähnlich. Früher war er Manager beim Internetkonzern AOL. Heute investiert er sein eigenes Geld in Start-ups – und das mit großem Erfolg. Unter anderem gehörte er zu den frühen Anteilseignern von Skype, mit dem einige Hundert Millionen Menschen übers Internet telefonieren.

Der mit Auszeichnungen versehene Privatinvestor sagt, dass auch er in den Sozialen Netzwerken ein großes Potenzial sehe. »Aber nur, wenn man die Daten von Facebook mit dem wirklichen Surfverhalten der Mitglieder im Internet zusammenbringt. Dann kann man ihre wahren Interessen erfassen. Dann bekäme man sehr, sehr aussagekräftige Profile.« Deshalb weise der Versuch von Facebook mit dem Leuchtfeuer, bei dem es mit anderen Internetanbietern zusammenarbeitet, um das reale Konsumverhalten der Mitglieder bei Facebook zu sammeln, in die richtige Richtung. »Es gibt aber bessere Techniken dafür«, sagt Hommels, der daran auch glauben muss, weil er in eine Firma namens Wunderloop investiert hat. Diese hat eine eigene Technik entwickelt, um Menschen im Internet zu folgen.

7. Januar. Das Jahr 2008 werde für Facebook und alle Firmen in seinem Umfeld »ein weiteres Jahr der Erprobung«, sagt Max Levchin und bleibt dabei sehr gelassen. Levchin hat vor Jahren ein Bezahlsystem für kleine Beträge im Internet entwickelt. Es heißt PayPal und wurde im Jahr 2002 für 1,5 Milliarden Dollar an den Internetkonzern eBay verkauft. Levchin müsste seither nicht mehr arbeiten, aber auch er erprobt mit seiner aktuellen Firma namens Slide mehrere Werbemittel für Soziale Netzwerke. Wie recht Levchin mit seiner Einschätzung hat, dass Facebook noch eine Weile brauchen wird, sehe ich jeden Tag. Neckermann schickt mir wiederholt Werbung für billige Turnschuhe und Frauenpullover. Und dann fragt mich eine mir vollkommen unbekannte Firma namens Netbiz in einer Anzeige, ob ich von zu Hause aus arbeiten und Geld verdienen will. »Wir suchen Menschen, die ernsthaft interessiert sind, in ihrem Leben etwas zu verändern.« Eine weitere Recherche ergibt: Netbiz vermittelt Jobs im Direktvertrieb – zum Beispiel von Kosmetikartikeln.

8. Januar. Sechs Wochen dauert dieser Selbstversuch nun. Und am ehesten war er für mein Privatleben nützlich. Ich kann jetzt alle Musik hören, die ich will. Und das legal. Außerdem konnte ich die Weihnachtsfotos eines Freundes sehen, der im Ausland lebt. In Facebook hat er sie mir gezeigt, und auch deshalb werde ich wohl dabeibleiben.

Linksammlung

www.myspace.com
Größtes Soziales Netzwerk der Welt, bunt, chaotisch

www.xing.com
Netzwerk für Geschäftskontakte, börsennotiert

www.studivz.de
5 Mio. Studenten gruscheln hier (grüßen und kuscheln)

www.schuelervz.de
Für 2 Mio. Schüler Treffpunkt nach der Schule

www.poppen.de
Deutsche Sozialnetze, Platz 14: Hier geht es ausschließlich um Sexkontakte

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Leserkommentare
    • gerry80
    • 11. Januar 2008 17:35 Uhr

    Warum wurde der Artikel nicht über das StudiVZ geschreiben. Warum hat der Autor nicht seine Erfahrungen über dieses deutsche soziale Netzwerk dokumentiert.
    Schließlich hat in diesem Zeitraum des Tests eine wesendliche Veränderung in den Geschäftsbedingungen von StudiVZ stattgefunden. In Zukunft wird dort dem Nutzerverhalten angepasste Werbung erlaubt sein. Dabei ist es traurig zu beobachten, wie aus der eigentlich idealistischen Idee versucht wird, eine Geldmelkmaschine zu machen.
    Von wem? Von dem Verlagshaus, zu dem auch die Zeit gehört. Damit ist wohl auch der Grund, warum nicht über das StudiVZ berichtet wurde offensichtlich.
    Aber was kann man dagegen tun? Es gibt Programme, die die Werbung im StudiVZ herausfiltert. Vielleicht sollte ich das Zeitabo kündigen. Das ist eine konkrete Maßnahme, wie ich dem Verlag Einnahmen entziehen könnte. Aber auf das StudiVZ verzichten möchte auch ich bei aller Ablehnung der Machenschaften nicht mehr...

  1. Um den wirtschaftlichen Wert des StudiVZs
    bandenmäßig zu senken - hier
    die
    Anleitung,
    wie ihr verhindert, dass man euch Werbung
    schickt:
    1. Ganz unten auf der Seite findet ihr die
    Rubrik Datenschutz.
    Klick.
    2.
    Unter Datenschutz findet ihr auch
    Datenschutz-Erklärung. Klick.
    3. Scrollt
    nach ganz unten. Gut versteckt
    findet ihr schließlich die
    Einstellungen zur Verwendung meiner Daten.
    Klick.
    4. Drei Häkchen müssen weg. Änderungen
    speichern nicht vergessen.
    Viel Spaß ohne Werbung!
    Copy & Paste an alle deine Freunde!!!!!

  2. Achja, dann noch Flashblock und Adblock und (fast) das  gesamte Netz ist werbefrei...:-)

    • noodles
    • 11. Januar 2008 19:39 Uhr

    StudiVZ ist ja bekanntlicher Weise auch nicht besser, als facebook. Das Geschäftsprinzip ist das annähernd gleich.Wie wärs, wenn man zu www.kaioo.de wechselt, einer eingetragenen wohltätgen Vereinigung, die eine studivz-facebook-ähnliche Plattform anbietet. Alle Werbeeinnahmen werden wohltätigen Zwecken gespendet. Wohin die Einnahmen gehen, wird von denNutzern demokratisch bestimmt.

    • Theta
    • 11. Januar 2008 22:53 Uhr

    "Aber jedes Mal keimt die stille Frage, ob das in Ordnung ist. Oder verstoße ich gegen eine ungeschriebene Etikette und werde Außenseiter sein, sobald ich den ersten Kontakt zu jemandem suche?"    An der Stelle kam ich ins Staunen. Sowas hab ich noch nie gehört oder gelesen, geschweige denn plage ich mich damit rum. Die Felder, die optionale sind kann man ausfüllen oder nicht, ist wurscht und wer mekert kommt auf die ignoreliste oder wird wiederum schräg angemacht. Vielleicht liegts am Altersunterschied? Bin 23Vermutlich verhalten sich die älteren Generationen im Internet genauso wie im realen Leben.Und wer keine Jugend ohne Internet kennt, der weiß, dass es im Internet keinen Gruppenzwang gibt. Und übrigens auch keinerlei Moral oder Ethik.    Und hier sind wir bei einem entscheidenden Punkt: Es handelt sich also um "Soziale Netzwerke" denen man werde genau weiß, ob hinter dem Account wirklich die Person steckt für die sie sich ausgibt, nicht mal weiß wieviele Bot-Accounts es da gibt. Von der Absicht der User mal ganz zu schweigen. (Quizfrage: möchte die Person xy mit mir befreundet sein oder mich ins Bett kriegen?) Im Internet kann man sich wunderbar verstellen...Entsprechend freue ich mich bereits jetzt schon auf die Ergebnisse der Wissenschaftler lol xDWer ernsthaft meint, soziale Kontakte auf Basis des Internets verhalten sich genauso wie im realen Leben bzw. seien mit (gesellschaftlichen) Regeln versehen, der gehört an einen Psychologen überwiesen.Man lese doch einfach nur die Kommentare hier auf Zeit.de, ich möchte garnicht wissen, wieviel davon Propaganda, Trollversuche oder einfach nur schlichtes Lügen ist. "Ich bin XJahre alt und habe durch meinen Beruf bereits YJahre erfahrung im Berei Z und kann daher sagen... -ja ne is klar *lach*"Im der Wirklichkeit ist sowas doch sehr viel schwieriger. Und zieht auch nicht selten (reale) Konsequenzen nach sich.   Was mich nun auch zu dem Punkt bringt, dass ich mir nicht Vorstellen kann, wo der Nutzen bzw. Sinn solcher Onlineplattformen sein soll, gar wo denn nun das Neue und Revolutionäre sein soll.   Oke so viele Accounts (Ständig wird von "usern" gesprochen, dabei kann doch niemand wirklich sagen wieviele verschiedene!! Personen daran beteiligt sind, theoretisch könnte eine Person 1Millionen Accounts haben...) mag es vllt vorher nicht gegeben haben, aber mal so rum überlegt: Wieviele fallen denn da schon allein deswegen raus, weil man mit ihnen nie und nimmer in Kontakt treten möchte? Da kann ich doch genauso gut bei google irgend ein interessensgebiet eingeben und dahinter "forum" schreiben, schon bekomm ich eine ganze Auswahl an Foren wo überall ebenfalls zigtausende Accounts registriert sind. Alles gleichgesinnte.Diese Foren machen dann auch die Usergruppen bei Facebook völlig sinnlos. Von der Moderation und Gestalltungsfreiheit mal abgesehen.    "Soziale Netzwerke" gab es bereits um das Jahr 1991 rum. Denn zu der Zeit waren die Universitäten bereits gut vernetzt und so kam es dann, dass über einer der vielen Newsgroups sich das frischgebackene Linux verbreitete. Der unterschied zu damals: heute haben viel mehr Menschen Internetzugang, entsprechend ist die Zahl der User hoch gegangen, das ist aus meiner Sicht nichts erstaunliches.   Wo liegt also nun der Sinn solcher "sozialen Netzwerke"? Im finden von Menschen?Selbst wenn man die oben erwähnten Zweifel, wie der authentizität ausblendet, bleibt die Frage, warum man eine solche Plattform benötigt, um Menschen zu finden die man a) bereits kennt (zb. von Freundn oder Klassenkameraden hat man häufig schon die Telefonnummer oder Namen => dastelefonbuch.de) b) von jemanden, der etwas ähnliches macht wie ich => google (siehe beispiel mit den foren) c) fremde Menschen => Disko/Kneipe/Straße?   Wenn ich zb. neue Leute kennenlernen möchte, dann gehe ich dorthin wo ich normalerweise meinen Spaß habe. zb. bei einen Onlinegame, da kann man gemeinsam was machen und chatten und es macht einfach Fun. => Was kann man bei Facebook denn so alles machen?   In den Medien liest und hört man nun sehr sehr viel über Web2.0 und Co. Sei es über tausende Blogs (die eh kein Aas ließt), Second Life (wo es genauso langweilig ist wie im rl) oder eben solch soziale Netzwerke. Der Tenor ist dabei zu 90% immer gleich: es ist  "In", sich daran zu beteiligen, es mache angeblich Spaß und angeblich sind so extrem viele bereits dabei, dass schon ein "Zwang" entstanden ist und man kann sich dem ganzen nicht entziehen.   Dazu meine Geschichte:Von Second life habe ich zum ersten mal übers TV gehört, weder von Freunde und Bekannte, noch in den Internetforen und Chats in denen ich unterwegs bin, kam es zur sprache. (soviel zu Thema "allgegenwärtig")Bei Facebook und Co ist es nicht wesentlich anders, nur dass man ab und zu von einem hört, dass er sich da mal registriert hat, nur um einen Monat später es wieder sein zu lassen.Auch hier in Foren und Chats fast nichts zu lesen.Dafür um so mehr in den Medien, wie zb. auch hier. Auf mich wirkt es so, als wenn sich die Medien gegenseitig versuchen in dem gejubel zu übertrumpfen, damit man sich auch gegenüber den anderen Medien ja als fortschrittlich präsentieren kann.   Mit anderen Worten: ein Hype, produziert von TV, Zeitung und Radio.   Oder hab ich etwas an diesen Plattformen nicht verstanden? Erklärt es mir!   Nach längerem überlegen: Vielleicht mag es für die Leute, die ohne Internet aufgewachsen sind oder kaum Interneterfahrung haben (sei es, weil sie es selten nutzen oder gerade erst dabei sind) interessant zu sein, dass was er die ganze Zeit auch ohne das Internet macht, nun mit Internet zu machen, ohne dabei etwas wirklich neues zu erleben. Quasie Internet für den einfachen Bürger der auch beim Internetsurfen, nichts mit dem Internet zu tun haben möchte.

  3. Datenkraken sind nicht nur nervig, was Werbung angeht. Sie sind auch gefährlich. Aus den dort ganz öffentlichen Daten lassen sich Informationen ziehen, die so manchen noch ruinieren werden.

  4. ... neue techniken werden erfunden und beeinflussen unser verhalten. das war schon immer so.man fasst sich natuerlich an den kopf, wenn man liest wieviel geld manche leute mit erfindungen wie facebook machen. aber ist das so erstaunenswert? geld regiert die welt (leider). wieso sollte das internet da eine ausnahme sein. wenn ich eine zeitschrift aufschlage oder den fernseher einschalte sieht es doch nicht anders aus, nur schein sich darueber keiner mehr aufzuregen.bezueglich 'Bei Facebook muss ich als Erstes einen Lebenslauf ausfüllen' – man muss dort garnichts was man nicht will, und wer nichts ueber sich preis geben moechte muss auch kein mitglied werden. plattformen wie facebook koennen doch nicht dafuer verantwortlich gemacht werden was jeder einzelne entscheidet, ueber sich im internet zu veroeffentlichen.leider gibt es viel zu viele schwachsinnige applications in facebook. das ist unbestreitbar. was mich an diesem artikel ein wenig stoert ist, dass die guten seiten dieser netzwerke kaum erwaehnt werden. als auswanderer am anderen ende des globus nutze ich facebook taeglich um mit freunden weltweit in kontakt zu bleiben, und habe dort neulich erst wieder jemanden gefunden, den ich seit 25 jahren nicht gehoert oder gesehen habe.ein anderer grund warum ich bei facebook mitmache ist ausserdem weil ich wissen wollte um was es dort geht und wie es funktioniert. die geschwindigkeit und lebensdauer solcher phaenomene finde ich schwindeleregend und auch beaengstigend – andererseits aber auch faszinierend.ich moechte mir das kommunizieren per internet nicht mehr aus meinem alltag wegdenken. und so lese ich eben diese zeitung gerade am bildschirm und anstatt mir 1kilo zeitung am kiosk zu kaufen.lang lebe das internet!

  5. 8. ...

    So ganz versteh ich die Datenschutz-Aufregung auch nicht (ohne unkritisch zu sein). Was hat denn bspw Studivz. von mir? Es reicht eine Email-adresse um sich anzumelden. Das wars. Der Rest ist freiwillig und mit meinen Freunden kommunizieren kann ich trotzdem.

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