Es ist der 28. November. »Tag eins« eines Selbstversuchs. Mein Name ist Götz Hamann, und ich bin dabei, mich zu entblößen. Ausziehen muss ich mich dafür nicht. Ich plaudere. Schreibe. Beschreibe. Gebe preis. Dies ist der Tag, an dem ich im Internet ein persönliches Profil bei Facebook anlege – und Teil einer weltumspannenden Bewegung werde.

Man nennt Facebook ein Soziales Netzwerk, und es wächst schneller als jedes andere. Bis heute haben sich fast 60 Millionen Menschen dort angemeldet, die meisten aus den USA, aber schon in den nächsten Monaten soll eine Version in deutscher Sprache folgen. Ende dieses Jahres könnte Facebook dann weltweit fast 200 Millionen Mitglieder haben – bei 500 Millionen Dollar Umsatz. Das zumindest erwarten Experten bei Forrester, einer großen amerikanischen Marktforschungsfirma. Eigentlich kennt man solche Zahlen. Nie exakt. Meist übertrieben. Doch Facebook und MySpace sind in den vergangenen zwei Jahren schneller gewachsen, als es selbst Optimisten erwartet haben. In Deutschland sind vor allem zwei Netzwerke namens StudiVZ und SchülerVZ erfolgreich. Sie gehören beide der Verlagsgruppe Holtzbrinck (wie auch die ZEIT), und sie erreichen fast alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland.

Bei Facebook muss ich als Erstes einen Lebenslauf ausfüllen: geboren am 11. Dezember 1969, männlich, studiert an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Direkten Zugriff auf diese persönlichen Daten hat erst einmal niemand – außer Facebook. Aber es ist ja erst der Anfang. Es ist der erste Tag.

An diesem ersten Tag lasse ich noch viele Felder frei: Stehe ich auf Frauen oder Männer? Was denke ich politisch? Glaube ich an Gott? Habe ich eine Beziehung? Meine Handynummer und meine Adresse soll auch niemand erfahren! Aber jedes Mal keimt die stille Frage, ob das in Ordnung ist. Oder verstoße ich gegen eine ungeschriebene Etikette und werde Außenseiter sein, sobald ich den ersten Kontakt zu jemandem suche? Später wird klar, viele machen es wie ich, wobei generell gilt: Je jünger jemand ist, umso mehr gibt er preis.

Zu alt bin ich aber nicht. Immerhin. Facebook ist kein Kindergarten. Nicht einmal ein Jugendheim. 40 Prozent der Nutzer sind älter als 35 Jahre.

29. November. Lauter weiße Felder haben die Leute von Facebook eingerichtet. Sie signalisieren: »Du hast längst nicht genug von dir aufgeschrieben.« Meine Hobbys könnte ich eintragen, welche Musik ich mag, welche Filme. Beschreiben soll ich mich auch. Oberflächlich betrachtet, ist Facebook eine Mischung aus Dingen, die es längst gibt: Die persönliche Seite kann wie ein schlichter Lebenslauf aussehen. Oder aber wie ein Poesiealbum nach der Pubertät. Facebook beinhaltet ein E-Mail-Programm. Ein elektronisches Adressbuch. Jeder muss sein persönliches Netzwerk aufbauen und abbilden, denn erst wenn Freunde und Kollegen mitmachen, bekommt Facebook einen Sinn. Und seit Millionen Menschen genau das tun, sind Soziale Netzwerke zu einem zentralen Ort der Kommunikation im Internet geworden. »Es scheint, als ob Soziale Netzwerke für viele eine Antwort auf die Erosion von Familie, Kirche, Vereinen und Parteien sind«, sagt Klaus-Peter Schulz, Deutschland-Chef der Werbeagentur BBDO.

Andere mögen denken: Wie lächerlich! Wenn man reden will, warum ruft man nicht an? Oder schreibt eine Mail? Aber so einfach ist es eben nicht. Soziale Netzwerke im Internet kann man ablehnen, aber nicht mehr ignorieren, weil so viele Menschen nun einmal mit Hilfe der Netzwerke ihre Beziehungen pflegen. Auch deshalb haben die Manager des Softwarekonzerns Microsoft vor Kurzem für winzige 1,6 Prozent an Facebook satte 240 Millionen Dollar gezahlt. Damit ist die Internetfirma hochgerechnet 15 Milliarden Dollar wert, was in etwa dem Börsenwert des deutschen Handelskonzerns Metro und des Stahlkonzerns ThyssenKrupp entspricht.