Und Hanuman? Hanuman, der Affengott? Was hält der eigentlich davon? Zugegeben, inbrünstiger, als die fünf Australier am Chillum saugen, kann man Cannabis gar nicht zu sich nehmen. Aber ein kicherndes Kiffergelage mitten in Hanumans Tempel? Ausgerechnet auf dem Anjaneya-Hügel, wo der von Millionen Hindus verehrte Diener Ramas zur Welt gekommen sein soll? Gleich wird der Tempelwächter die Kerle hinauswerfen, was denn sonst. Doch der lächelt bloß. Lächelt wie eine indische Sphinx und nimmt selbst tiefe Züge. Sein nur mit Holzperlenketten bekleideter Oberkörper hat die Farbe von altem Messing. Und mit den langen Locken und der dicken goldenen Uhr sieht er aus wie ein Kerl, der Schlag bei Frauen hat. Jedes Mal, wenn die Haschpfeife die Runde gemacht hat, haut er auf einen Gong. Dann lacht er und greift von Neuem in eine Tüte voller Ganja.

Es dauert nicht lange, bis sich nur noch einer der Burschen auf den Beinen halten kann. Es ist ein kahl geschorener Hüne mit einer einsam baumelnden Haarsträhne am Hinterkopf. Bedächtig tritt er durch die Tempeltür ins Freie. In seiner linken Hand hält er einen Schokoriegel, den er gerade für 50 Rupien vom Tempelwächter gekauft hat. Die andere umklammert ein Didgeridoo. Glasigen Blicks stiert der Mann aus Brisbane minutenlang auf die Welt unter ihm. Dann öffnet er langsam seinen Mund. »Magisch«, flüstert er, als sei es sein Mantra. »Magisch. Magisch. Alles magisch.«

Dieses Wort hört man hier unentwegt. Und das ist verständlich. Denn die Landschaft rund um das südindische Hampi präsentiert sich auch ohne Ganjarausch wie im Traum. Gerade hat sich eins der letzten Monsungewitter verzogen, nun dampft sie in der Abendsonne wie eine Laune der Geologie. Zwischen Palmenhainen windet sich die Silberschlange des Tungabhadra-Flusses, und in alle Himmelsrichtungen ragen Hügel, die von Granitbrocken übersät sind. Manche liegen wie Meteoriten herum, andere haben sich zu kleinen Gebirgen verkeilt, wieder andere ragen übereinandergestapelt als kühne Türme in die Luft. Als hätte ein Riesenkind vergessen, seine Bauklötze aufzuräumen.

Zu allem Überfluss stehen auch noch Dutzende von Tempelruinen in diesem Kindergarten der Natur. Sie alle sind Reste des 1565 untergegangenen Vijayanagar. Verteilt auf 26 Quadratkilometer, bilden sie das größte Ruinenfeld Indiens. Die einstige »Stadt des Sieges« war die Kapitale von Vijayanagara, dem letzten und mächtigsten hinduistischen Königreich, das sich über die ganze Südhälfte des Subkontinents erstreckte. Zwei Jahrhunderte lang widerstand es dem von Norden her anstürmenden Islam. Doch als sich die Sultanate verbündeten, endete Vijayanagars Herrlichkeit in einer entsetzlichen Schlacht. Auf Hunderten von Elefanten retteten die Hindu-Herrscher ihre Schätze. Die Metropole aber ging in Flammen auf.

Am Fuß des Hanuman-Hügels erwarten Rikschafahrer ihre Kundschaft mit der schläfrigen Aufmerksamkeit von Krokodilen. Sobald ein Besucher aus dem Gesteinswirrwarr der Erhebung tritt, lassen sie nicht von ihm ab, bis er in einem ihrer Gefährte Platz genommen hat. Dann braust man durch Bananenfelder ins Herz der einstigen Großstadt. Es ist der nur wenige Kilometer südlich gelegene Tempelbezirk an den Ufern des Tungabhadra-Flusses. Aus der Ferne wirken seine überreich geschmückten Ruinen, als habe sich ein kunstsinniges Termitenvolk ein Denkmal setzen wollen. Dann tritt man näher und schmökert in den fein gemeißelten Säulen und Wänden wie in opulenten Comics. Tempeltänzerinnen mit Ballonbrüsten und üppigen Schenkeln prangen im Stein, Krieger, sich aufbäumende Elefanten und immer wieder der tanzende Schiwa. Man schaut und schlendert und staunt und vergisst sogar die klebrige Schwüle.

Doch so leicht gibt die indische Gegenwart sich nicht geschlagen. Allenthalben ziehen willensschwache Wasserbüffel mit Zuckerrohr beladene Karren herum. Voll bekleidete ernste Menschen baden im heiligen Wasser des Flusses. Sie scheinen gar nicht zu bemerken, dass gleich neben ihnen auf einer halb versunkenen Säulenhalle Frauen die Seifenlauge aus ihrer Wäsche prügeln. Ein Stück weiter krakeelen Bauchladenmänner; und überall gehen Kühe ihrer Aufgabe nach, da zu sein.

Im Zentrum der verstreuten Tempelanlagen liegt das Dorf Hampi. Man betritt es auf einer breiten Straße, die von zweistöckigen Pfeilerhallen gesäumt wird. Hier standen einst die Honoratioren Vijayanagars und verfolgten die Prozessionen zum Virupaksha-Tempel am Ende der Magistrale. Die heutigen Bewohner haben ihre Läden in die Relikte gezwängt. Manche der Alkoven wurden mit Werbelettern bepinselt, andere mit Ziegelsteinen und Zement eigenhändig erweitert, um Platz zu schaffen für die Manifestationen des internationalen Rucksacktourismus. Denn der hat Hampi fest im Griff. Ringsum sieht man Internet-Cafés und Reisebüros, Schmuck- und Klamottenstände, ayurvedische Massagebuden und Kioske, die vom Klopapier bis zum Nutella-Glas fast jedes Traveller-Bedürfnis befriedigen.