Biografie Immer pleite, aber gut gekleidet

Ein Besuch im Wohnhaus des Isländers Halldór Laxness, über den eine neue Biografie erschienen ist

Solang man nicht aus dem Fenster sieht, ist das Haus gar nicht so außergewöhnlich, das sich der isländische Dichter Halldór Laxness hat bauen lassen. Gjulfrasteinn, das Haus am Schluchtenstein, ist das Heim eines arrivierten Kulturschaffenden aus den vierziger Jahren, schlicht, modern, mit viel Holz und viel Kunst – den gezügelten Formkämpfen nordischer Neuexpressionisten, die heute weniger irritieren als des Nobelpreisträgers Kollektion internationaler Nippespüppchen. Die Zimmerpflanzen dürfte Laxness (wenn er so was je getan hat) noch selbst gewässert haben, auch sonst ist samt surrendem Kühlschrank alles so, wie es der Hausherr bei seinem Tod 1998 hinterließ. Der Salon, in dem Islands heimlicher Präsident jahrzehntelang Landesgäste empfing, ist eher ein großes Wohnzimmer, Gjulfrasteinn wirkt bescheiden repräsentativ, angenehm, leicht abgewetzt. Das Haus eines bürgerlichen Schriftstellers.

Aber die Fenster! Sie öffnen sich in eine traumartige Unwirtlichkeit, in ein Land aus fast nichts. Vergnomte Birken, bräunliche Bergflanken, wo nicht mal Ziegen weiden. Gerade noch, dass ein paar Islandpferde die ein oder andere Grasmatte als Weide kenntlich machen. Durch die Fenster von Gjulfrasteinn erscheint das Land als Täuschung, als surreale Wildnis, und das schneeweiße Haus sieht aus wie der kristallisierte Wagemut des 1902 geborenen Halldór Gudjonsson, der ein paar Steinwürfe von hier auf dem Hof Laxnes aufwuchs. Der Autor und Verleger Halldór Gudmundsson hat Laxness eine große Biografie gewidmet, angestachelt nicht zuletzt durch dessen wahnwitzigen Lebensplan: dass ein Bauernjunge in diesem steinigen Weltwinkel beschließt, berühmt werden. Tollkühner waren auch die altnordischen Helden nicht.

Sich schöngeistig zu betätigen war keinem Isländer um 1900 in die Wiege gelegt. 6000 Einwohner hatte Reykjavík zu der Zeit, erst ab 1911 gab es eine Universität. Warum will da ein hochbegabter Junge ausgerechnet schreiben? Eine Antwort drängt Island jedem auf, der heute als Erhabenheitstourist komfortabel durch die wunderliche Ödnis reist: Was soll man hier denn sonst tun? Was konnte ein ambitionierter, fantasievoller Junge auf dieser noch tief im 19. Jahrhundert dämmernden Insel, wo die Bauern in Torfhäusern lebten, denn anderes wollen, als am uralten Ruhm anzuknüpfen, an der Blütezeit der Dichtung, den spätmittelalterlichen Sagas?

So könnte man denken. Gudmundsson allerdings unternimmt derartige Spekulationen nicht. Er gründelt nicht in Laxness’ Leben, sondern lässt die oft entlegenen Archiven entrissenen Dokumente und Fotos sprechen, die er in einen mitreißenden Erzählfluss bettet. Auffällig neutral bleibt der Biograf hinter den in Nahaufnahme geschilderten Bewegungen, Projekten, Reisen Laxness’, aus denen dennoch ein von Anfang an zwiegesichtiges Porträt entsteht. Da ist einerseits der »letzte Nationaldichter Europas«, der fast nur über Island schreibt, von der mythischen Ära (Die glücklichen Krieger) über den finsteren dänische Kolonialismus des 17. Jahrhunderts (Die Islandglocke) bis zur Atomstation des Kalten Krieges. Der das ganze isländische 20. Jahrhundert durchlebt, der 1944, im Jahr der Unabhängigkeit, jenes Haus plant, um sich endgültig hier niederzulassen.

Laxness’ Werk und Person spiegeln den Weg der Insel in Freiheit und Wohlstand – und doch ist der Dichter Islands ein moderner Autor. Gudmundssons Buch entwirft wie nebenher die exemplarische Biografie eines Intellektuellen im 20. Jahrhundert, eines Suchenden im ideologischen Zickzack zwischen Katholizismus und Kommunismus, Bürgerlichkeit und Künstlertum, Politik und Tao. Der in dieser Hinsicht ein Suchender, oft Irrender blieb und nur im Schreiben ganz zu sich kam. Die literarische Synthese dieses Charakters markierte Island, spätestens mit dem Nobelpreis 1955, wieder auf der kulturellen Weltkarte. Und Gudmundsson schreibt wohl deshalb so vorsichtig, weil Laxness nach wie vor der kulturelle Übervater der Nation ist.

Tatsächlich ergibt sich ein keineswegs immer sympathisches Bild. Frühe Fotos zeigen einen blasierten Jungen mit Gehstock und Monokel, der »Halldór frá Laxnesi, Poeta« (Halldór von Laxnes, Dichter) auf seine Visitenkarte drucken lässt. Da hatte er in Reykjavík ein paar Artikel veröffentlicht, einen Roman verfasst, die Bilder entstanden aber in Kopenhagen, wo der vor Selbstvertrauen strotzende Siebzehnjährige sein Glück versuchen wollte. Ein fleißiges, schweres Bohemeleben begann hier. In den folgenden Jahren reiste Laxness viel, arbeitete noch mehr und verdiente wenig, was seine persönlichen Ansprüche aber nicht beeinträchtigte: »Ich war immer pleite, aber gut gekleidet.«

In den Dreißigern und Vierzigern schürte Laxness seine Karriere, pflegte Kontakte, regte Übersetzungen an. Man ahnt, dass dieser Mann kein Familienmensch werden konnte, seine Angehörigen blieben Trabanten des ehrgeizigen, immerhin vierfachen Vaters. Opportunistisch war er nie. Als sich der von den Nazis erst geschätzte Autor 1937 weigerte, eine kritische Rezension mit einer »arischen« Achtungsnote zu widerlegen, führte dies zu einem finanziell sehr nachteiligen Verbot im »Dritten Reich«. Auf dem linken Auge sah der parteilose Kommunist Laxness unschärfer. Mehrmals bereiste er die Sowjetunion, 1938 verfolgte er angetan den Schauprozess gegen Bucharin.

Helmut Qualtinger hat 1951 in einer großartigen Posse den fiktiven Eskimodichter Kobuk gespielt (Werke unter anderem Brennende Arktis , Heia Musch MuschSchlittenhundroman). Viel spricht dafür, dass Laxness nicht nur Kobuks Vorbild war, sondern anfangs selbst ganz berechnend die raue Exotik Islands literarisch inszenierte, sein erster Auslandserfolg hieß Der tausendjährige Isländer . Wer jedoch die spätere, reife Islandglocke (wie alle seine Werke neu übersetzt beim Steidl-Verlag) liest, kann erfahren, wie Laxness die Kraft, die Härte und den Stolz einer unerzählten Vergangenheit in die ästhetische Wucht eines modernen Romans umschmiedet. Fast erstaunlich, dass aus dem Jüngelchen in Poeten-Pose ein echter Dichter werden konnte. Seine literarische Kraft, so muss es wohl sein, hat seinen Ehrgeiz einfach irgendwann übertroffen.

In seinen Memoiren ist Laxness in das alte Island zurückgetaucht, das er besang und bekämpfte, vor dem er in die Moderne floh. Die hat das einst entlegene Mosfelltal längst eingeholt, zur Peripherie Reykjavíks gemacht. Auf der kindheitsmythischen Hauswiese parkt Laxness’ alter Lincoln, ein Märchen von einem Auto. Vielleicht wechseln Islands Fabelwesen nur die Gestalt. An der Nordküste hat man kürzlich die älteste, immerhin vierhundertjährige Isländerin gefunden, eine Islandmuschel (Arctica Islandica). Ihre stille, bescheidene Ewigkeit hätte Laxness – dem alten Laxness – wahrscheinlich sehr gefallen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 10.01.2008 Nr. 03
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    • Schlagworte Literatur | Island | Biografie | Sowjetunion | Europa | Kopenhagen
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