Eine der wichtigsten Unterscheidungen in der Literatur ist die zwischen den Ein-Buch-Schreibern und den Viel-Buch-Schreibern. Viel-Buch-Schreiber gibt es wie Sand am Meer. Das Viel-Buch-Schreiben ist die übliche, allgemein verbreitete literarische Praxis. Die Ein-Buch-Schreiber, die ihr ganzes Leben lang Buch für Buch an einem einzigen großen Lebensbuch schreiben, sind eher selten. Zu ihnen gehören auffallend viele österreichische und französische Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Zu ihnen gehört auch der in Frankreich lebende Österreicher Peter Handke.

Das neue, 560 Seiten lange Buch Die morawische Nacht von Peter Handke ist deswegen kein wirklich neues Buch. Die lange Erzählung einer Bus-, Flug- und Fußreise durch Europa auf den Spuren seines eigenen Lebens und Schreibens ist vielmehr, was leicht vorauszusehen war: eine Fortsetzung seines Lebensbuches, zu dem bereits die vorangegangenen Kapitel Langsame Heimkehr, Die Wiederholung, Versuch über die Jukebox, In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem Haus, Mein Jahr in der Niemandsbucht und Der Bildverlust gehören.

Ein Ende oder Ziel dieses Lebensbuches ist nicht abzusehen. Um »Fortschritte« im gebräuchlichen, also abendländischen Sinn des Wortes scheint es dabei nicht zu gehen. Wenn es überhaupt ein Ziel gibt, dann ist es allenfalls die Fortsetzung, das Weitererzählen selbst. Möglicherweise geht es dabei auch ein wenig – es handelt sich bei den Ein-Buch-Autoren schließlich vorwiegend um solche des katholischen Kulturraumes – um das Weitersprechen der Litanei.

Damit ist noch nicht viel gesagt, aber vielleicht doch das Entscheidende. Denn auch darin ähneln sich alle genannten Bücher von Peter Handke: Ihre jeweilige (und von Buch zu Buch immer halsbrecherischere) Erzählkonstruktion ist nur ein Vorwand für ein – von jedem schwer verdaulichen realistischen Erzählstoff weitgehend befreites – Vor-sich-hin-Erzählen, Vor-sich-hin-Räsonieren und Vor-sich-hin-Zaubern. Orte, Namen, Landschaften und Figuren – die gesamte irdische Dekoration verblasst in Peter Handkes Büchern angesichts dieses Willens zum reinen, auch rein absichtslosen Erzählen.

Der Preis dafür ist eine gewisse Unschärfe. Leser und Autor sind derartig mit den nahen Einzelheiten der sogenannten »nebendraußen« liegenden Welt beschäftigt, dass ein umfassendes Bild sich nicht einstellt. Der Karst, das spanische Hochplateau, die balkanische Enklave – die alten Stammgebiete der Bücher Peter Handkes kommen auch in diesem neuen wieder nur in der Miniaturaufnahme ausgesuchter und erlesener Winzigkeiten ins Bild. Ihre Topografie, ihr Zeitkolorit, ihre Eigengeschichte verschwinden im alles sich anverwandelnden Erzählstrom.

»Eine Geographie der Träume« nennt Handke dieses Verfahren, das ihm nur einmal Unglück brachte, als er seine viel bewunderte Geo-Poesie in der Winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien im Balkankriegsjahr 1996 in den Dienst serbischer Geopolitik stellte. Mit der Morawischen Nacht will er sich von dieser verstörenden Parteinahme verabschieden: »Schuldig gemacht, so noch immer seine Vorstellung, hatte er sich doch, indem er das Nationaldichterspiel, und wenn auch halbherzig, mitspielte, bleibend schuldig. Und warum hatte er mitgespielt? Vielleicht, weil er seinerzeit, für eine kleine Weile, in der Tat an etwas wie eine andere Nation glaubte, überhaupt an grundandere Nationen, und meinte, die mitverkörpern zu können.«

Die Welt ist flach. Alles Schöne ist verschwunden