Onlinezeitungen

Der praktische Futurist

Michael Rogers soll der »New York Times« den Weg in die digitale Zukunft weisen. Seine These: In fünf Jahren gehört die Onlinezeitung zum Alltag

Michael Rogers arbeitete schon im Silicon Valley, als – so seine Worte – »das Internet noch mit Dampf betrieben wurde«. Nun sitzt der practical futurist im 28. Stock des neuen Hauptquartiers der New York Times, wo Licht und Klimaanlage wie von Geisterhand geregelt werden, eine atemberaubende Aussicht auf Manhattan zu seinen Füßen. Und spielt mit Gadgets, kleinen elektronischen Geräten, viele davon Neuheiten oder Prototypen. Nein, natürlich spielt er nicht, er erforscht, wie Technik die Zukunft der New York Times bestimmt.

Wie die »virtuelle Tastatur«: Rogers stellt ein schwarzes Kästlein auf den Tisch, und auf Knopfdruck erscheint eine Tastatur aus rotem Licht. Ein Computerauge in dem Kästlein registriert die Tippbewegungen. Ein ähnliches Gerät kann einen virtuellen Bildschirm produzieren, auf dem sich irgendwann einmal eine Zeitung lesen lässt. »Mein Job ist es, eine Landkarte der Technik zu erstellen«, sagt Rogers. Diese Landkarte soll den Weg in eine Zukunft weisen, in der die Times im Internet Geld verdient.

Der schlanke, bebrillte Rogers sieht aus, wie man sich einen Computerfreak vorstellt, aber seine Eloquenz straft das Klischee Lügen. Der 53-Jährige hat in Kalifornien Physik und kreatives Schreiben studiert. »Nach der Uni hatte ich zwei Angebote: von Intel und vom Rolling Stone.« Natürlich ging er zu dem Popmagazin, landete dann aber doch im Silicon Valley. Er arbeitete für Lucasfilm an einem Killerspiel. Dann gründete er das Magazin Outside und ging schließlich zu Newsweek, wo er Vizepräsident für Neue Medien bei der Muttergesellschaft Washington Post Co wurde. Von dort warb ihn die New York Times ab. Hier nun ist er Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung, hat 14 Mitarbeiter und ist auch für die Website About.com zuständig.

Rogers glaubt, er müsse der Zeit bis zu fünf Jahre voraus sein. Denn in fünf Jahren werde es US-weit kostenloses oder sehr preiswertes drahtloses Internet geben, im WiMAX-Standard, »das ist WiFi auf Anabolika«, sagt Rogers (WiFi ist eine spezielle Funkverbindung). Der Prozess beginne 2009, wenn der analoge Fernsehempfang abgestellt werde und die Telefongesellschaften diese Frequenzen für das Internet einsetzen würden. »Dann werden Leute mit weiterentwickelten PDAs – Personal Digital Assistants wie Palm oder Blackberry – im Bus oder Park Zeitung lesen können.«

Und darauf müsse sich die Times einstellen. In fünf Jahren, sagt Rogers, werde es mindestens zehn verschiedene Versionen der Zeitung geben, eine auf Papier, die übrigen elektronisch. Auf dem Fernseher im Wohnzimmer, auf dem Computer, auf modernen Handys wie dem iPhone, als Video oder auf Geräten, die überhaupt erst noch entwickelt werden. So wie die biegbare glasfreie Folie, an der Forscher an der Universität von Arizona gerade arbeiten. »Leider kann diese Folie bisher einen Text nur in Schwarz-Weiß abbilden, die Leser wollen aber Farbfotos«, meint er. Auch eine Times- Ausgabe, die ohne Browser auf dem Bildschirm lesbar ist, sei denkbar.

Der Futurist arbeitet dazu mit Microsoft, Adobe, Google oder Amazon zusammen – etwa am Kimble , einem energiesparenden Lesegerät von Amazon. Denn die Times würde gerne ihre aufwendig recherchierten Serien als Minibücher zweitverwerten. »Aber der Kimble ist mit 400 Dollar noch zu teuer für den Massenmarkt, der Preis muss auf 100 Dollar sinken.«

Auch die Journalisten werden technisch auf der Höhe der Zeit gehalten. »Unsere Reporter haben nun Kameras mit GPS, so weiß die Times immer, wo sie sich befinden«, beschreibt er eine eher zweischneidige Überwachungstechnik. Dann zaubert er ein Gerät hervor, das Tonaufnahmen und zeitgleiche Notizen erlaubt. »Das habe ich neulich auf einer Technologiemesse gesehen – ist für Reporter sehr praktisch.«

Das Wichtigste aber sei, den Werbekunden die neuen Geräte wirklich als Plattform schmackhaft zu machen. Denn derzeit flössen nur sieben Prozent der Werbedollar ins Internet, obwohl die Leser dort 20 Prozent ihrer Zeit verbrächten, sagt Rogers. »Deshalb machen die Medienkonzerne nur zehn Prozent ihres Umsatzes im Netz.« Die Leser wiederum hätten den Konsens aufgekündigt, für Zeitungsartikel zu bezahlen. Stattdessen seien Blogs nun in Mode, obwohl die bekannteren dieser Online-Kommentarserien sowieso von Journalisten geschrieben würden. »Aber wenn die Leser nicht für Artikel im Internet zahlen wollen, dann werden die Medien künftig zu 100 Prozent von der Werbung finanziert werden, und das ist erst recht nicht gut.« Aber das werde sich irgendwann sowieso ändern. »Früher war auch das Fernsehen kostenlos, und alle dachten, so bleibt es auch. Dann kam der Privatsender HBO, und heute bezahlen wir alle dafür zwölf Dollar im Monat, ohne zu murren.«

Trotz aller Begeisterung hat sich Rogers einen kritischen Blick auf die neue Technik bewahrt. Eine seiner Sorgen ist, dass die inhaltliche Neutralität des Netzes unter die Räder komme. Denn die Firmen, die das Internet bereitstellen, könnten auch die Inhalte kontrollieren. Der amerikanische Kabelbetreiber Comcast etwa könne mittels einer Technik namens Deep Pocket Inspection erkennen, ob die Kunden BitTorrent nutzen, eine Website, mit der sich Filme herunterladen lassen. Auch die Times verfüge über eine Technik, mit der sich der Standort des Lesers bestimmen lasse, wenn er die Zeitung am Computer liest. Auf diese Weise lässt sich dann Werbung zielgerichtet, bezogen auf eine Stadt oder Region und ihre Menschen, platzieren.

Nicht alles, was neu ist und glitzert, macht die New York Times mit. Als die dreidimensionale Online-Erlebniswelt Second Life aufkam, errichtete die Nachrichtenagentur Reuters dort ein virtuelles Hauptquartier. Die Web-Gemeinschaft war hingerissen von dem neuen Angebot, in dem Menschen mit einem virtuellen Alter Ego agieren sollen. »Wir haben uns dagegen entschieden«, sagt Rogers. Und in der Tat ist die erste Begeisterung für Second Life einer realistischeren Betrachtung gewichen. Und sowieso: Das reale Hauptquartier der Times ist schon technisiert genug. Im Aufzug, auf dem Weg nach draußen, sucht eine Redakteurin vergebens die Knöpfe. Der Aufzug wird zentral gesteuert.

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Leser-Kommentare

  1. "Der Futurist arbeitet dazu mit Microsoft, Adobe, Google oder Amazon zusammen – etwa am Kimble, einem energiesparenden Lesegerät von Amazon."Das ist der Amazon Kindle:http://www.amazon.com/Kindle-Amazons-Wireless-Reading-Device/dp/B000FI73MADas ist ein Kimble:http://imdb.com/title/tt0106977/Oder das:http://www.kleinz.net/kimble/index.shtml

  2. Das "Killerspiel" was Herr Rogers angeblich mitentwickelt hat, war höchst wahrscheinlich das Spiel Labyrinth von 1986 ... und in dem Spiel ging es, wie der Name schon andeutet um ein Labyrinth. Ego Shooter gab es damals noch nicht mal wirklich, auch wenn Lucasfilm um diese Zeit herum einen Vorläufer dieses Genres programmiert hat.
    BitTorrent ist keine Website wo man Filme runterladen kann, sondern die Bezeichnung eines Kommunikationsprotokolls, genauso wie HTTP und FTP eines sind.
    Der Redaktion der Zeit hätte ich wahrlich sorgfältigere Recherche zugetraut.

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  • Von Eva C. Schweitzer
  • Datum 25.4.2008 - 02:09 Uhr
  • Serie audio
  • Quelle DIE ZEIT, 10.01.2008 Nr. 03
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