Manchmal stolpert eine Debatte mit all ihren Pros und Contras, ihren Sowohl-als-auchs über eine einzige Zahl – und dann ist es, als habe diese Zahl alle Argumente und Bedenken mit zu Fall gebracht. Also: Die deutsche Frau ist im Durchschnitt 26 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind bekommt. Diese Zahl veröffentlichte das Statistische Bundesamt vor einigen Tagen. In den sechziger Jahren war sie 23 Jahre alt. Die afghanische Mutter ist vermutlich 17 und war in den sechziger Jahren 15. Allerdings gibt es dort noch kein Statistisches Bundesamt, das solche Richtwerte verbreitet.

Hierzulande kann man hingegen von Amts wegen überprüfen, ob man mit seinem ganz privat geführten Leben im gesellschaftlichen Schnitt liegt. Schon 27 und noch immer kein Kind? Das passiert schnell. Bundesamtlich betrachtet, darf man ab sofort sagen: Normal ist es nicht. Alle Gebär-Bummelstreikenden über 26 befinden sich gewissermaßen im roten Bereich. Sie haben den Durchschnitt verpasst. Das letzte Wort hat die Natur. Und die Frauen sind ihr ausgeliefert. Ehe man dreimal den Job und zweimal den Mann gewechselt hat, ist man acht Jahre überm Schnitt und hat sich die Chance zur späteren Zweit- oder Drittfamiliengründung, die jedem Mann jederzeit offensteht, vermasselt. Da kann leicht Panik aufkommen.

Dieser Artikel möchte zur Entspannung beitragen und einer übereilten Rückkehr in afghanische Verhältnisse vorbeugen. Es gibt keinen Grund zur Panik. Im Gegenteil: Die Bummelei, fast jede Art von Bummelei, ist eine Kulturleistung, ein unbedingt zu verteidigender Zugewinn an Freiheit und Selbstbestimmung. Die Freiheit zur Gebär-Bummelei im Speziellen ist ein immenser Zugewinn an weiblicher Autonomie. Man darf sich Zeit lassen.

Das widerspricht allerdings dem Zeitgeist, der aufs Gaspedal drückt und nicht mehr locker lässt. Chinesischunterricht im Kindergarten, Einschulung mit fünf Jahren, Abitur im Schnellkochtopf, Turbo-Studium, Turbo-Karriere, Turbo-Familiengründung. Mit hängender Zunge erreicht man gerade noch rechtzeitig die eigene Beerdigung (oder Turbo-Beerdigung – die Angehörigen haben schließlich keine Zeit für langwierige Festivitäten). Nach der Logik der Beschleunigung wäre es wohl sinnvoll, die Reproduktionsphase (sofern sie in Zukunft überhaupt noch an den Menschen und seine Biologie gebunden ist) ganz aus dem Arbeitsleben auszulagern und wieder ins Teenager-Alter vorzuverlegen, um lästige Produktivitäts- und Geschwindigkeitseinbußen zu minimieren: Früher Fischer fängt den Fisch.

Solche ungeschriebenen Regeln eines profitmaximierten Privatlebens gelten inzwischen auch für Frauen. Wer in der Hochleistungsgesellschaft mithalten will und es versäumt hat, in jungen Jahren ein paar Kinder in die Welt zu setzen, bekommt deswegen häufig überhaupt keine mehr. Die Kinderlosigkeit in Deutschland, auch das hat die aktuelle Studie des Statistischen Bundesamtes noch einmal bestätigt, steigt mit dem Bildungsstand. Je kostspieliger eine Ausbildung war, desto seltener wird sie später aufs Spiel gesetzt und in der Sandkiste vergraben. Deswegen werden junge Akademikerinnen häufig bedrängt: Bekommt die Kinder früh, möglichst noch im oder vor dem Studium, um später ungehindert arbeiten zu können. Mehr Tempo, meine Damen.

Wir haben allen Grund, uns dieser Hetze zu widersetzen, uns einen Moment zurückzulehnen und die Segnungen der Empfängnisverhütung zu preisen. Keine Frauengeneration vor uns hat solche Freiheiten gehabt wie wir. Es sind gerade erst ein paar Jahre vergangen in der jahrmillionenlangen Menschheitsgeschichte, in denen wir wählen, studieren, empfängnisverhüten und eigenes Geld verdienen dürfen. Diese Jahre haben unser Frauenleben zu dem besten seit Frauengedenken gemacht. Die Kehrseite solcher Freiheit sind zunehmende Kinderlosigkeit und immer spätere Mutterschaft. Nun diese Kehrseite zu beseitigen, indem man die Freiheit wieder einkassiert, ist Resignation oder Restauration, wahrscheinlich beides.

Im Hamsterradrennen des beschleunigten Lebens und Gebärens wird die Freiheit wieder beschnitten. Eine junge Studentin, die den Nutzen jedes Seminars, jedes verträumten, unsystematisch verbrachten Lesenachmittags abwägt, weil der Nutzen die Fremdbetreuung ihrer beiden Kleinkinder rechtfertigen muss, wird in ihrem Studium keine unvorhergesehenen Erfahrungen mehr machen. Sie wird nichts ausprobieren, wird sich jeden interessanten Irrweg versagen. Sie wird auf dem kürzesten Weg, in der kürzesten Zeit maximale Ergebnisse erreichen müssen. Das umfassende humanistische Bildungsideal, ohnehin ein bedrohtes Gut, bleibt auf der Strecke. Nein, die Freiheit zum Trödeln, zum Abseitigen, zum scheinbar Sinnlosen ist eine zu kostbare Errungenschaft, um sie dem Statistischen Bundesamt oder sonst wem zuliebe zu opfern.