Österreich Der Prophet des Unterganges

Die literarische Rettung des Walther Rode, Anwalt, Polemiker und Chronist des österreichischen Weges in den Abgrund

Im Rotlichtmilieu fühlte sich die Wiener Polizei schon vor hundert Jahren daheim. Gern legten sich damals die Beamten ins gemachte Bett. »Madeln, verführt’s mir den dicken Kommissär«, lautete die Devise im berühmtesten Bordell der kaiserlichen Residenzstadt, »aber nehmt’s kein Geld von ihm.« Dank dieser intimen Beziehungen zur Obrigkeit war es Regine Riehl jahrelang gelungen, ihr Etablissement in der Grünentorgasse unbescholten und ohne Einmischung der Behörde zu führen. Ihre Freudenmädchen hielt sie wie Leibeigene: Außer Dienst wurden sie, ihrer Kleidung beraubt, in Verliese gesperrt, für Disziplin sorgte eine Hundepeitsche.

Als die resolute Puffmadame im November 1906 nach Enthüllungsberichten in der Presse endlich vor Gericht gestellt wurde, füllten prominente Zuhörer den Verhandlungssaal: Schriftsteller wie Karl Kraus oder Felix Salten (dem schon damals die gerade erschienenen Bekenntnisse der Josefine Mutzenbacher zugeschrieben wurden), Sexualforscher und klingende Namen aus der journalistischen Zunft. In dem Sensationsprozess hatte auch ein wortgewaltiger, gerade erst 30-jähriger Rechtsanwalt seinen ersten großen Auftritt vor der Wiener Justiz. Walther Rode vertrat als Nebenkläger einige der geschundenen Frauen, für die er erfolgreich Entschädigungen von der Bordellwirtin erkämpfte.

Dem streitbaren Advokaten war aber vor allem daran gelegen, die doppelbödige Moral der arrivierten Gesellschaft in der Donaumonarchie mit auf die Anklagebank zu setzen: »Wie viele sind im Innersten damit einverstanden, dass ihnen ein Harem bereit steht, in dem auf Disziplin gesehen wird!« Polizei, Bürokratie und die vornehme Klientel des Freudenhauses, so prangerte Rode an, seien ebenso für das Elend dieser geschundenen Prostituierten verantwortlich gewesen wie deren Kupplerin.

»Nicht nur das bösartige Gericht, das Gericht an sich empört mich«

Die ungestüme Anklagerede im Riehl-Prozess war erst ein Vorgeschmack auf die vielen juristischen Duelle, die Rode in den nächsten zwei Jahrzehnten in Wiener Schwurgerichtssälen ausfechten sollte. Angriffslustig und mit donnernder Stimme verteidigte der massige Advokat einen Verleger erotischer Literatur ebenso wie einen ruthenischen Anarchisten, er stand kroatischen Abgeordneten bei, die ihre politische Integrität in dem Vielvölkerstaat zu retten versuchten, oder den Opfern der Militärjustiz des Ersten Weltkrieges, die um ihr Leben kämpften. Auch in den großen Presseverfahren der Ersten Republik spielte er eine zentrale Rolle. Er war ein gefürchteter Prozessgegner, der, hatte er einmal vor den Schranken des Gerichts Aufstellung genommen, keine Zurückhaltung mehr kannte.

Fast jedes Tribunal verwandelte er in eine flammende Abrechnung mit der Justiz und dem politischen System. Vom Speziellen gelangte dieser Barrikadenjurist schnell zum Allgemeinen, von den Paragrafen des Strafgesetzbuches zu einer Paränese wider die moralische Verkommenheit. Schonungslos attackierte er Richter, Staatsanwälte, Beamte und staatliche Würdenträger und begleitete jeden seiner juristischen Frontalangriffe mit einer Flut von Pamphleten, die er in Bücher, Broschüren und Zeitungskommentaren in Umlauf brachte. Beseelt von der Überzeugung, in einem Unrechtsstaat der Klassenjustiz die Stirn bieten zu müssen, übernahm er mit wütendem Pathos die Funktion eines unheiligen Großinquisitors. »Der Pamphletist übt in der Gesellschaft das Amt des Zensors aus«, beschrieb er seine Mission. »Er übt dieses Amt durch Gottes Gnade, vermöge ungeschriebener ewiger Verfassung. Das sage ich besonders jenen Idioten, die da glauben, ich sei ein Stänkerer.«

Er war im Wien der Habsburger und der jungen Republik ein öffentlicher Ruhestörer, der es in der Kunst der literarischen Erregung zu hoher Meisterschaft brachte und dem die Zeitgenossen Beifall zollten. Der befreundete Essayist Anton Kuh begeisterte sich über seine »Ethik des Exzesses« und seinen »Berserker-Ingrimm«, während Kurt Tucholsky in der Berliner Weltbühne über den Sammelband Justiz schwärmte: »Das ist eine Herzerfrischung … Nehmt euch ein Beispiel an diesem Österreicher hier!«

Doch das ausufernde Werk des unbeugsamen Polemikers geriet schon wenige Jahre nach seinem frühen Tod 1934 in der selbst gewählten Schweizer Emigration in vollkommene Vergessenheit. Die Nazis warfen seine Bände bereits 1933 bei ihren Bücherverbrennungen ins Feuer, und als der austrofaschistische Ständestaat 1937, in seinem letzten Jahr, Rodes bekannteste Schrift, Knöpfe und Vögel , sein Lesebuch für Angeklagte, verbot, fanden sich in den Buchhandlungen bereits keine Exemplare mehr, die beschlagnahmt hätten werden können.

Während jedoch vor allem in den vergangenen beiden Jahrzehnten immer mehr aus der großen Schar der ermordeten, vertriebenen und verbrannten Dichter von einer neuen Lesergeneration wiederentdeckt wurden, blieb das in seiner radikalen Justizkritik durchaus noch zeitgemäße Werk von Walther Rode weiterhin verschollen.

Dabei hätte es vermutlich sein Bewenden gehabt, wäre nicht eines Tages dem bibliophilen Wiener Rechtsanwalt Gerd Baumgartner bei einem seiner Streifzüge durch die Antiquariate ein abgegriffener Band aus dem Rowohlt Verlag ins Auge gefallen. Sein Autor sagte ihm nichts, allerdings erregte der Titel seine Neugier: Justiz. Es war jenes Buch, dessen »Mut, Charakterstärke, Angriffsgeist und Einsicht in das Wesen der Justiz« Tucholsky einst gelobt hatte. »Ich habe den Frontalangriff gegen das thronende Gericht in die Rechtspflege eingeführt«, heißt es im Vorwort. »Nicht nur das bösartige oder das dumme Gericht, das Gericht an sich empört mich.«

Der mittlerweile emeritierte Anwalt, der hauptsächlich in Zivilverfahren tätig war, begeisterte sich schnell für die feurige Anklage. In den nächsten 20 Jahren stöberte er insgesamt 18 Bücher und Broschüren auf, die Rode im Lauf der Jahre veröffentlicht hatte. Nach Kanzleischluss wälzte er in der Nationalbibliothek alte Zeitungsbände und fand in 50 verschiedenen Publikationen mehr als 500 Beiträge, die der streitbare Jurist verfasst hatte. Mühsam rekonstruierte der Privatforscher aus den spärlichen Spuren, die der als Walther Rosenzweig geborene Sohn eines Bankdirektors aus Czernowitz in Wien und in der Schweiz hinterlassen hatte, auch eine Biografie des Vergessenen. Nachdem er es in der Donaumetropole zunächst zu Ruhm und Ansehen gebracht hatte, musste Rode zunehmend mit den Konsequenzen seiner publizistischen Kreuzzüge kämpfen. Seine Schriftsätze verstaubten bei den Behörden, seine Mandanten bekamen vor Gericht die Folgen seines Furors zu spüren. Schließlich führte eine Welle von Angriffen auf die parasitären Existenzen aus der Beamtenschaft dazu, dass die Vereinigung der Finanzjuristen beschloss, die Kanzlei des störrischen Anwaltes zu boykottieren. Verbittert warf Rode das Handtuch und zog als freier Schriftsteller in das Tessin. Er sei, meinte sein Freund Anton Kuh, »auf einem Weg Schriftsteller« geworden, welcher »der einzig statthaft sein sollte: aus Notwehr«. Doch mit dem plötzlichen Tod endet die Spur abrupt, der weitere Lebensweg seiner Witwe lässt sich nicht mehr verfolgen. Es hat sich kein Nachlass bewahrt, von dem einst stadtbekannten Aufrührer ist lediglich ein einziges Foto überliefert.

»Meinetwegen Deutschland über alles – nur nicht über uns«

Das Gesamtwerk von Walther Rode der Vergessenheit entrissen zu haben ist eine beachtliche Leistung, die dem Spurensucher Gerd Baumgartner gelungen ist. Diese literarische Rettung verdankt sich aber auch der Großzügigkeit des Wiener Immobilienverwalters Georg Wiesbauer, einem weiteren Mitglied der Geheimloge der Rode-Verehrer, der die Herausgabe einer vierbändigen Ausgabe erst finanziell ermöglichte. Ein Verlag auf sich allein gestellt hätte höchstens einen Auswahlband veröffentlichen können, wodurch allerding die Wiederentdeckung des verschollenen Streitschriftstellers erheblich beeinträchtigt worden wäre.

Denn Rodes rabiates Weltgericht erschließt sich erst in den vielen Facetten seiner Polemiken. Vor allem weil er unerbittlich die »wahre, völkermordende Natur« der Habsburger-Monarchie anprangerte, verlieh ihm der befreundete Journalist Karl Tschuppik schon früh den Ehrentitel »Prophet des Unterganges«. Doch zunehmend von den alten Beharrungskräften in der neuen Republik desillusioniert, wurde Rode auch zu einem Chronisten, der präzise den österreichischen Weg in den Abgrund beschrieb. Bereits 1923, als die Befürwortung eines Anschlusses an Deutschland in dem überlebensverzagten Land auch unter Sozialdemokraten noch weit verbreitet war, prophezeite er: »Meinetwegen Deutschland über alles – nur nicht über uns. Leider wird es nicht zu verhindern sein, dass uns Deutschland eines Tages annektiert – aber drängen wir uns nicht dazu.«

In seinem letzten Lebensjahr bäumte sich Rode, nachdem in Berlin die Nazis und in Wien die Austrofaschisten an die Macht gelangt waren, noch einmal mit ganzer Sprachkraft gegen die Zeitläufte auf, in denen er in düsterer Voraussicht die unausweichliche Katastrophe erkannte. Er verfasste eine wutbebende »Schmäh- und Zornschrift« gegen Hitler, die in Zürich erschien, und brandmarkte in dem Prager Emigrantenblatt Aufruf den Bürgerkrieg gegen die österreichische Sozialdemokratie als den »Kirchweihexzess eines Dorftrottels«: »Schon das Aussehen dieser Unglücksvögel verbürgte die Katastrophe. Die Physiognomie dieser kleinen, niedrigen gottverlassenen Gnome.«

Gleichzeitig verdichtete sich seine pessimistische Perspektive, während viele noch an ein rasches Ende des braunen Spuks glauben wollten. Den Emigranten, auf die seine Leserschaft nun reduziert war, riet er, »warten, aber – nicht hoffen!«: »Für das Bestehen eines Regimes kommt es darauf an, ob man es gewähren läßt oder nicht, ob es sich kriegerisch behaupten kann. Es kommt nicht auf die Idee des Regimes an.« Und in einem Brief an den geflohenen Chefredakteur der Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus resigniert er im Mai 1933: »Zwar kann das nicht lange dauern, wird aber. Diese Arschgefickten bilden sich ernstlich ein, die Welt begänne mit ihnen. Ihre Städte werden dem Erdboden gleich gemacht, und sie in die Sklaverei verkauft werden.«

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

Walther Rode: Werkausgabe, herausgegeben von Gerd Baumgartner. Band 1: Österreichs fröhliche Agonie; Band 2: Lesebuch für Angeklagte; Band 3: Pamphlet gegen Hitler; Band 4: Gerd Baumgartner: Walter Rode – Leben und Werk; Löcker Verlag, Wien 2007, pro Band 34,80 Euro

 
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