Rund 40 Milliarden Dollar für den venezolanischen Linkspopulisten Hugo Chávez, 50 Milliarden für das Regime von Mahmud Ahmadineschad in Teheran, 125 Milliarden für Wladimir Putins »gelenkte Demokratie« und fast 300 Milliarden Dollar für die luxusverliebten Scheichs am Persischen Golf – so fasst Brad Setser, US-Ökonom und Mitglied im renommierten Council on Foreign Relations, die Folgen der Hausse am Ölmarkt zusammen.

In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Preis für den Rohstoff annähernd verdoppelt. Während die Verbraucher in großen Teilen der Welt mehr für ihr Benzin und Heizöl bezahlen müssen, füllen sich die Kassen der Ölproduzenten. Jetzt kostete das Fass (159 Liter) der gängigen Ölsorte erstmals mehr als 100 Dollar. Die Weltwirtschaft scheint dies gut zu verkraften. Die westlichen Industriestaaten benötigen für die gleiche Wertschöpfung weniger Erdöl als früher, und die Zentralbanken haben gelernt, mit Ölschocks umzugehen. Dennoch hat der Preisanstieg weitreichende Folgen – für die Verteilung von Macht und Einfluss in der globalen Ökonomie.

Von einem »gewaltigen, nie da gewesenen Ressourcentransfer« aus den Industriestaaten in einige Schwellen- und Entwicklungsländer spricht Edwin Truman, Wissenschaftler am Peterson Institute for International Economics in Washington. Es ist eine Geschichte, wie sie in einem Lehrbuch für angewandte Dialektik stehen könnte: Der Energiehunger der Welt, vor allem der USA, nährt jene, die den Machtanspruch der Amerikaner infrage stellen oder grundlegend andere Vorstellungen über die Aufgabenverteilung zwischen Staat, Markt und Gesellschaft haben als in liberalen Demokratien üblich.

Auch wenn vor allem der steigende Energiekonsum der aufstrebenden Staaten Asiens die Nachfrage vergrößert, bleiben die USA der mit Abstand größte Ölverbraucher. Eine hohe Nachfrage führt normalerweise dazu, dass das Angebot ausgeweitet wird, was die Preise in der Regel wieder niederdrückt. Am Ölmarkt funktioniert dieser Mechanismus nur bedingt. Jahrelang haben die Erdölstaaten kaum Geld in neue Förderanlagen investiert. Zudem wird der Markt von wenigen Akteuren dominiert, die sich absprechen und die Preise hoch halten können. Obwohl es strittig ist, wann der Zeitpunkt sein wird: Irgendwann geht der Rohstoff zur Neige – und die Aussicht darauf treibt den Preis. Selbst wenn es stimmt, dass in diesen Tagen Spekulanten den Ölpreis verzerren, erwartet kaum ein Experte, dass Rohöl auf Dauer billiger wird. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet damit, dass der Ölpreis in zehn Jahren auf 200 Dollar je Fass steigen könnte. BILD

Die Arithmetik eines solchen Booms sprengt das Vorstellungsvermögen. Allein in der Erde der Arabischen Halbinsel stecken nach Schätzungen der Investmentbank Morgan Stanley noch mindestens 500 Milliarden Fass Öl. Zum aktuellen Preis von 100 Dollar macht das 50.000 Milliarden Dollar – das entspricht in etwa dem Fünffachen der jährlichen Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten. Bewahrheitet sich die DIW-Prognose, steigt die Summe auf 100.000 Milliarden. Und nach Setsers Berechnung bringt ein nur um einen Dollar höherer Ölpreis den Mullahs in Teheran zusätzliche Einnahmen in Höhe von einer Milliarde Dollar im Jahr.

Vielleicht ist es ausgleichende Gerechtigkeit, was rohstoffreichen Schwellen- und Entwicklungsländern nun widerfährt. In den Jahren niedriger Rohstoffpreise nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie auf dem Weltmarkt benachteiligt. In der Entwicklungspolitik galten geringe Erlöse für Rohstoffexporte bei hohen Preisen für die Einfuhr von Fertigwaren als Grund für die Modernisierungsdefizite der Dritten Welt. Die These von der säkularen Verschlechterung der Handelsbedingungen – der Terms of Trade – hat der argentinische Ökonom Raúl Prebisch 1949 formuliert. Die Situation hat sich grundlegend geändert. »Die Terms of Trade haben sich verbessert, und das ein paar Jahre in Folge. Das gab es seit Jahrzehnten nicht mehr«, sagt Heiner Flassbeck, Chefökonom bei der Entwicklungsorganisation der UN.

Die glitzernde Skyline der sudanesischen Hauptstadt Khartoum zeugt von den sprudelnden Petrodollar, ebenso die Villen der Ölmillionäre in Baku und die gewaltigen Bauprojekte am Golf, wo ganze Städte in den Wüstensand gesetzt werden. Die Summen sind so groß, dass nicht einmal die prestigesüchtigsten Ölregenten sie komplett ausgeben können, ohne ihre Wirtschaft zu destabilisieren.

Auch das ist ein Grund dafür, dass riesige Fonds gegründet wurden, die Geld im Ausland anlegen. Die Investmentgesellschaften der im Golfkooperationsrat zusammengeschlossenen Staaten Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Katar, Bahrain und Oman verwalten nach Schätzungen über 1500 Milliarden Dollar. Damit lassen sich theoretisch alle Unternehmen des Dax 30 in Deutschland aufkaufen – und es bliebe noch Geld übrig.

Das Besondere an diesen Fonds: Sie werden überwiegend von Staaten kontrolliert. Auch die Industrieländer verfügen über gewaltige Vermögen, doch werden diese zumeist von privaten Investoren gehalten. Für Simon Johnson, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, beginnt ein neues Kapitel in der Wirtschaftsgeschichte. Klassische Anlagevehikel wie Hedge- oder Aktienfonds seien »letztlich ein Produkt des 19. Jahrhunderts, als riesige Ströme privaten Kapitals um die Welt bewegt wurden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bestimmen zunehmend staatliche Akteure das Geschehen.«

Einst finanzierte privates Kapital die Industrialisierung – und festigte die Vormachtstellung des Westens. Der Rohstoffboom stärkt die Gegenkräfte. Extremfälle sind Iran und Venezuela, die mit den USA und Europa im Clinch liegen. Ahmadineschad kann dem Sanktionsdruck der USA trotzen, weil die Öleinnahmen die Staatskasse füllen. Und es ist unwahrscheinlich, dass es Chávez bei einem Ölpreis von 10 Dollar gelungen wäre, mittels großzügiger Zahlungen an befreundete Staaten zur regionalen Größe aufzusteigen. Zum Vergrößern des Ausschnitts klicken Sie bitte auf die Grafik BILD

Die eigentliche Verschiebung der Gewichte vollzieht sich auf anderer Ebene. Lange Zeit haben sich die Ölstaaten damit zufriedengegeben, Staatsanleihen zu halten. Das ist politisch unbedenklich, weil der Erwerb einer Anleihe keine Kontrollrechte mit sich bringt. Jetzt wollen sie mehr: die Glanzstücke der westlichen Finanzdistrikte. Der Staatsfonds von Abu Dhabi hat für 7,5 Milliarden Dollar einen Anteil von 4,9 Prozent an der Citigroup gekauft, die staatlich kontrollierte Börse Dubai erwarb 28 Prozent an der Londoner Börse. Auch die Banken Barclays, UBS und Merrill Lynch holten Staatsfonds an Bord. Im Hauptquartier der Kingdom Holding, der Beteiligungsfirma des saudischen Prinzen al-Walid ibn Talal reihen sich die Logos der Firmen, deren Anteile der Monarch hält, wie Trophäen an den Wänden. Noch verzichten die neuen Investoren darauf mitzubestimmen. Man will die Politiker im Westen nicht provozieren – und durch den Erwerb kleiner Beteiligungen erst mal lernen, wie das Geschäft funktioniert. Doch der Tag wird kommen, an dem ein Staatsfonds eine westliche Bank übernehmen will.

Kann sich der Westen dagegen wehren? Die Antwort lautet: nur begrenzt. Die meisten Industrieländer verfügen über Instrumente, die es ihnen ermöglichen, Staatsfonds aus strategischen Branchen wie der Rüstungsindustrie zu verbannen. Deutschland will diesen Schutz ausbauen. Doch die neuen Geldgeber gänzlich auszugrenzen wäre nur um den Preis einer Abschottung der Märkte möglich. Das würde wirtschaftlichen Schaden anrichten – zumal jetzt, da das Geld aus dem Osten durchaus benötigt wird, weil die Finanzkrise das Eigenkapital vieler Banken aufzehrt. Ohne frische Mittel müssten die Institute die Kreditvergabe einschränken, was die gesamte Wirtschaft belasten würde. Selbst der für seine kritische Haltung gegenüber ausländischen Staatsfonds bekannte US-Senator Charles Schumer lobte den Einstieg Abu Dhabis bei der Citigroup. Und als UBS-Aktionäre gegen den Einstieg der Staatsfonds rebellierten, beeilte sich der Schweizer Zentralbankvizechef Philipp Hildebrand zu betonen, dass das ausländische Kapital »willkommen« sei.

Fest steht, dass der Rohstoffboom an der westlichen Vormachtstellung nagt. Heißt das, dass der Westen nur noch eine Nebenrolle auf der Weltbühne spielen wird, wie Niall Ferguson meint? Der Harvard-Historiker vergleicht die Situation der USA mit dem Niedergang des Osmanischen Reichs Ende des 19. Jahrhunderts. Wie heute die Amerikaner schrittweise ihre Banken an Araber abgäben, so hätten damals die überschuldeten Osmanen Vermögenswerte wie den Anteil am Sueskanal an die Briten überschreiben müssen. Das habe die globalen Machtverhältnisse verschoben.

So weit ist es noch nicht. Die Schwellenländer müssen noch beweisen, dass sie ihre Volkswirtschaften auf hohen Wachstumsraten halten können. Dazu bedarf es Technologie, Unternehmergeist, sozialer Stabilität und der Fähigkeit, mit Krisen umzugehen – Eigenschaften, die sich die Industriestaaten über Jahrhunderte in quälenden Konflikten angeeignet haben. Klug eingesetzt, können Rohstoffeinnahmen bei der Modernisierung helfen, aber sie verleiten auch zu Korruption und Misswirtschaft. Es reiche nicht, den Sueskanal zu besitzen, sagt ein Frankfurter Banker, »man muss ihn auch profitabel betreiben können«.