Dieses Jahr ist Jena dran. So oft hat die Schwester im Scheinwerferlicht gestanden, Weimar, die Kulturhauptstadt, ihre Anna-Amalia-Bibliothek und ihre renovierten Dichterhäuser. 2008 aber feiert Jena, den Geburtstag seiner Universität und sich selbst. Denn ist Jena nicht mindestens so bedeutend wie Weimar? Ja, ist nicht sie die eigentliche Klassikerstadt? Wie viele der Werke Schillers und Goethes sind nicht dort, sondern hier entstanden! Der ältere Kulturhort ist sie allemal. Am 2. Februar 1558, dem Fest Mariä Lichtmess, wurde einst in der Stadtkirche das von Kaiser Ferdinand I. verliehene Universitätsprivileg verlesen und an die Jenaer Hohe Schule übergeben. Den Reigen der Jubelfeiern eröffnet am 30. Januar ein dreitägiges Symposium. Es steht – ein Wort Schillers aufgreifend – unter dem Leitmotiv »Lichtgedanken« und gilt dem Austausch über die Grenzen aller Wissenschaftsdisziplinen hinweg.

Den Namen Schillers indes trägt die Universität erst seit 1934. Der Dichter kam 1789 nach Jena, im Jahr der Französischen Revolution. Am 26. Mai hielt der Dreißigjährige seine Antrittsvorlesung Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?. Das Datum markiert den Anfang einer akademischen Glücksphase, in der das damals 4300 Einwohner zählende Städtchen im Saaletal tatsächlich zum »eigentlichen Sitz der geistigen Bestrebungen in Deutschland« wurde, wie der aus Skandinavien stammende Romantiker Henrik Steffens einmal bemerkte.

Goethe, der seit 1775 in Weimar lebte und dort am Höflein des Herzogs Carl August wichtige Ämter bekleidete, hatte sich für die Berufung seines Dichterkollegen als Professor eingesetzt, keineswegs ein Freundschaftsdienst. In jener Zeit war ihr Verhältnis eher distanziert. Goethe sah in dem zehn Jahre Jüngeren noch den unreifen Stürmer und Dränger, dieser in Goethe weniger den Dichterfürsten als den Fürstendiener. Doch Goethe schätzte den Historiker: Ende 1788 war Schillers Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung erschienen, die ihrem Autor viel Anerkennung eingetragen hatte.

Der Weimarer Regierungsrat Christian Gottlob Voigt ließ gleich sondieren, ob Schiller daran interessiert sei, in Jena einen Lehrstuhl zu übernehmen. Voigt und Goethe dachten ganz pragmatisch: Geschichte lehrte in Jena der Ordinarius Christoph Gottlob Heinrich, ein veritabler Langweiler. Seine Vorlesungen waren »trostlos wie die Wüste«, wie einer seiner Studenten spottete, und seine Bücher bloße Kompilationen aus den Werken älterer Autoren. Es galt, neben Heinrich einen für die akademische Jugend attraktiven weiteren Historiker zu finden – da kam der gefeierte Dichter der Räuber gerade recht. Am 15. Dezember 1788 kündigte die weimarische Regierung Friedrich Schiller die Berufung zum außerordentlichen Professor an.

In der akademischen Welt rumort es, Freiheitslust erfasst die Gemüter

Gehalt gab’s keins. Erst von 1790 an erhielt der junge Gelehrte karge 200 Taler pro Jahr. Damit konnte vielleicht ein Student existieren, nicht aber ein Professor. Zumal wenn er verheiratet war wie Schiller, der noch im selben Jahr in der Dorfkirche zu Wenigenjena mit Charlotte von Lengefeld den Bund fürs Leben geschlossen hatte. Schiller brauchte 1000 Taler mehr, und er arbeitete buchstäblich Tag und Nacht, um durch Veröffentlichungen zu Geld zu gelangen. So trug ihm seine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges 400 Taler ein.

Die Jenaer Universität zählt heute zu den kleineren deutschen Hochschulen. Zu Beginn des 18.Jahrhunderts hingegen war sie mit 1800 Studierenden die größte. Doch dieser Zeit folgte eine Phase des Niedergangs; in den 1770er Jahren erreichte sie ihren Tiefpunkt. Jenas Hochschule geriet an den Rand der Pleite, ihre Struktur und ihre Lehrmethoden waren veraltet, die Studentenzahl sank rapide. Dennoch blieb sie neben Halle und Göttingen eine der großen Universitäten des Reiches. Zwischen 1791 und 1795 studierten im Durchschnitt 850 junge Männer hier, Frauen wurden ja noch nicht zum Studium zugelassen. In der Tat war Jena selbst, wie der Aufklärer Andreas Georg Friedrich Rebmann schrieb, nur »ein unbedeutendes Landstädtchen, dessen Einwohner beinahe ganz und gar von der Akademie leben« und wo »fast alles sich auf Studenten reduziert«.