Museum Mehltau und Moderne
Unsere museale Kultur ist die Kehrseite des geschichtslosen Kapitalismus. Eine Antwort auf Philipp Blom
Erstickt unsere Gesellschaft am antiquarischen Geist? Wälzt sie sich genussvoll im musealen Staub? Der in Wien lebende Historiker Philipp Blom hat in der ZEIT Nr. 2/08 die Vergangenheitsseligkeit unserer »zu Tode restaurierten« Gegenwart aufs Korn genommen. »Wir sind die erste Kultur der Weltgeschichte, die Altes verehrt, nur weil es alt ist, und unsere Museen sind Hochburgen der Konservierung unserer toten Vergangenheiten.« Auf seinen Essay antwortet Christoph Türcke, Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.
Das Älteste ist das Geehrteste«, sagt Aristoteles. Und was tun die Helden der Ilias, ehe sie aufeinander einschlagen? Sie halten sich wechselseitig ihre Stammbäume vor und wetteifern darum, wer die vornehmeren, göttlicheren, älteren Vorfahren hat. Wie kommt Philipp Blom nur darauf, erst »wir«, die Europäisierten seit dem späten 19. Jahrhundert, seien geneigt, etwas deshalb zu verehren, weil es alt ist?
Das tat schon die ganze Antike. Nur brauchte sie dafür keine Museen. Sie hatte Heiligtümer. Dort wurde das Alte allerdings auf durchaus haarsträubende Weise verehrt. »Alt« hieß nicht einfach bloß »viele Jahre auf dem Buckel haben«. Das Alte war vielmehr das schlechterdings Maßgebliche, dasjenige, wovon alles andere abstammt: der Ursprung. Und der wurde in Opferritualen vergegenwärtigt: in der Hinschlachtung von auserwählten Menschen oder Großtieren.
Die Verehrung des Alten war stets blutgetränkt, selbst dort, wo das Blut nur noch in Gestalt des Abendmahlsweins genossen wurde. Solange aber die ritualgründende göttliche Gewalt als Inbegriff des Alten galt, kam es aufs Alter des Ritualzubehörs nicht so an. War das heilige Gefäß löchrig, der Altar baufällig, der Tempel unansehnlich geworden, so wurden sie eben durch neue ersetzt. Aber die Ersetzung geschah im Namen des Alten, nicht aus mangelnder Ehrfurcht davor.
Erst wo die Autorität des unvordenklich Alten verblasst, wird das Alter seiner historischen Rückstände wichtig. Wenn Christus nach 1000 Jahren nicht, wie erwartet, wiederkehrt, steigt signifikant die Wertschätzung für die Splitter seines Kreuzes und die Knochenreste seiner Heiligen. Keine mittelalterliche Kathedrale, die sich nicht über einer Reliquie wölbte. Reliquien werden unersetzlich. Doch sie sind selbst schon Ersatz. Der Glaube an sie ist latenter Unglaube. Er klammert sich an ein Surrogat, weil er das Eigentliche schwinden fühlt.
Diese Schwunderfahrung ist konstitutiv für die Neuzeit – und fürs Museum. Wo es entsteht, ist der Ritualbann suspendiert. Museal ist zunächst, was man ohne Schauder und rituelle Verpflichtung bewundern kann. Deshalb sind die ersten Museen Wunderkammern: Sammlungen von Raritäten, mitgebracht von Eroberungszügen und Fernreisen: Straußeneier, Elefantenzähne, Pfauenfedern – lauter exotische oder monströse Dinge, die aus dem Rahmen der christlichen Weltordnung zu fallen schienen. Wunderkammern lassen wiedergewinnen, woraus einst die Philosophie hervorgegangen war: angstfreies Staunen.
Aber – und das verkennt Blom – bei der Wunderkammer war kein Halten. Nur sammeln und Räume vollstopfen reicht nicht. Von einer gewissen Menge und Qualität an verlangen die Sammelstücke gewissermaßen von selbst, dass sie organisiert, arrangiert, katalogisiert, konserviert werden. Die Museen sind lediglich mehr oder weniger gute Vollstrecker dieser Notwendigkeit, mit der sich freilich auch ein morbider Mehltau aufs Gesammelte senkt. Es wird in einem zweiten Sinne museal: einbalsamiert.
Das können auch die intelligentesten Ausstellungskonzepte nicht ganz verhindern. Dafür sorgt nämlich die kapitalistische Globalisierungsdynamik höchstselbst. Sie ist es, die vornehmlich Geschichte macht; aber sie selbst ist geschichtslos. Was kümmert mich der Aktienkurs von gestern: Das ist ihre Geschichtsphilosophie. Maßgeblich ist, was heute Konjunktur hat: wirtschaftlich, politisch, kulturell.
Der entfesselte Kult der Aktualität hat allerdings einen entfesselten Historismus zur Kehrseite. Alles, was gestern, voriges Jahr, vorige Saison war, ist wie eine ungültig gewordene Währung: Altmetall, Altpapier, jedenfalls – alt. Überall Überbleibsel. Freilich nicht mehr jene altehrwürdigen einer schwindenden göttlichen Autorität, sondern die inflationär produzierten einer immer mächtiger werdenden irdischen Fortschrittsgewalt. Sie erst hat den Reliquienkult universal gemacht, aber so, dass man nicht mehr recht weiß: Sind diese Reliquienmengen eher verehrungs- oder entsorgungswürdig; eher Kunst oder Müll? Gelegentlich ist das unentscheidbar. Bei Gegenwartskunst ohnehin. Aber auch die Kunstschätze aus Antike oder Renaissance werden nachträglich von dieser industriell produzierten Ungewissheit befallen.
Blom möchte daher heraus aus den Museen, ja aus der ganzen musealen Kultur. Ich auch. Doch durch Abschaffung der Museen gelingt das ebenso wenig wie die Lösung des Müllproblems durch Schließung der Deponien. Museen sind nämlich selbst zu Deponien geworden, hoffnungslos überfordert mit dieser Rolle, unfähig, mehr als einen Bruchteil der täglich anfallenden Reliquienmasse aufzufangen, und dennoch unersetzlich, jedenfalls so lange, wie ihre Ursache, die kopflose Fortschrittsdynamik, andauert. Die Geschichtslosigkeit unserer Epoche wäre allenfalls zu überwinden durch ein globales Geschichtsereignis vom Kaliber einer sozialen Weltrevolution. Darauf aber deutet gegenwärtig nichts hin.
Hingegen kann man jetzt schon, ganz bescheiden, die Museen als Apotheken gegen Geschichtslosigkeit nutzen. Zwar sind sie Giftschränke des Historismus. Überall Reliquien, überall Mumien, und fatal, wenn man die antiquarisch konsumiert: dafür anstaunt, dass sie alt sind und dennoch aufbewahrt, tot, aber dauerhaft. Aber Reliquien sind auch in dem Sinn Überbleibsel, dass in ihnen etwas auf der Strecke blieb: Hoffnungen auf Linderung, Liebe, Glück, wie ja auch die ägyptische Mumie nicht nur der konservierte Körper des Verstorbenen ist, sondern der in einen Zustand der Erwartung versetzte. Die Dosis Erwartung, die in mumifizierten Museumsstücken steckt, ist denn auch das Unerledigte am Vergangenen: das Gegengift gegen den Historismus.
Und noch ein heilsames Gift hält das Museum bereit: gegen alle Formen des Musealen, die auf ihre unmittelbare Wiederbelebung dringen, mit andern Worten: gegen jeden Fundamentalismus. Es geschieht der Bibel, dem Koran, der Scharia recht, dass sie museal geworden sind. Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich das Unerledigte an ihnen ermitteln. Als Gegengift gegen Fundamentalismus ist das Museum erst noch zu entdecken.
- Datum 20.02.2008 - 03:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
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