Altersvorsorge Gebt dem Prekariat eine Chance!Ist das gerecht?
Der Streit um die Riester-Rente – oder wie man die Altersarmut wirklich bekämpfen kann
Manchmal dauert es nur ein paar Stunden, bis die Öffentlichkeit die Tücken eines Gesetzes entdeckt. Empörte Ministerialbeamte reichen frisch formulierte Entwürfe an die Presse weiter. Alle diskutieren aufgeregt – manchmal zu aufgeregt. Aber am Ende kommt oft ein besseres Gesetz heraus.
Im Fall der rot-grünen Rentenreform liegen fast fünf Jahre zwischen dem ersten Gesetzestext und der aktuellen Debatte über die Folgen. Das ist erstaunlich, weil die drohende Altersarmut kein Minderheitenproblem ist und Fachleute seit Langem davor warnen. Olaf Scholz, der neue Arbeits- und Rentenminister von der SPD, hat es wenige Wochen vor seiner Ernennung in einem Essayband so formuliert: »Die Zahl der ehedem selbstständigen Alten, die nicht über eine zureichende Altersversorgung verfügen, wird dramatisch zunehmen.«
Die armen Alten von morgen sind vor allem die prekär beschäftigten Selbstständigen von heute, die Langzeitarbeitslosen und die Kleinstverdiener. Ihnen hilft die staatlich geförderte Riester-Rente wenig. Die Selbstständigen haben meistens keinen Anspruch darauf. Arbeitslosen und einem Teil der Geringverdiener wird das Geld nichts nützen, das sie dank Riester-Förderung ansparen können.
Liegt ihre gesetzliche Rente unter 600 Euro im Monat, gleicht der Staat die Differenz aus. Auf diese Grundsicherung werden allerdings Guthaben aller Art angerechnet, ob sie nun mit Riester-Förderung zustande gekommen sind oder ohne. Es wird deshalb Geringverdiener geben, für die sich die Riester-Rente als schlechtes Geschäft erweist – zum Beispiel, weil sie die Verträge in guten Jahren abgeschlossen haben, später arbeitslos werden und am Ende die Rentenansprüche sehr gering ausfallen.
Allerdings wird die Lage der meisten Riester-Sparer in der Zukunft besser sein, als die Fernsehberichte der vergangenen Wochen nahelegen. Denn die Förderung ist besonders attraktiv: Vor allem Kleinverdiener mit Kindern bekommen vom Staat ein Vielfaches der eingezahlten Beträge. Außerdem kann jeder, der damit rechnen muss, nach dem Renteneintritt eine Grundsicherung zu beziehen, schnell noch vorher seinen Vertrag kündigen. Dann muss er zwar die staatliche Förderung zurückzahlen, erhält aber die verzinsten Ersparnisse zurück.
Dennoch wird es oft das Problem »Arm trotz Riester-Vertrag« geben – und noch viel öfter arme Alte ohne Zusatzversorgung. Warum also kommt die Debatte erst jetzt? Eine Antwort lautet, dass das Prekariat bei Parteien und Gewerkschaften keine Lobby hat. Beim Thema Alterssicherung zielen alle ausschließlich auf die Mitte:
● Gerade erst wurde ergänzend zu den fast zehn Millionen bestehenden Riester-Verträgen der sogenannte »Wohn-Riester« eingeführt, der auch Eigenheimbesitzern staatliche Zulagen verschafft.
● Arbeitnehmer können bis zu vier Prozent ihres Bruttoeinkommens in den Erwerb einer Betriebsrente stecken, ohne auf diese Beiträge Sozialabgaben zu bezahlen. Die Möglichkeit zur sogenannten Entgeltumwandlung hat die Große Koalition kürzlich verlängert.
● Noch in diesem Jahr will die Große Koalition ein Gesetz zur Beteiligung der Arbeitnehmer an den Kapitalerträgen ihrer Unternehmen verabschieden. Die Einnahmen sollen unter anderem der Altersvorsorge dienen. Profitieren werden in erster Linie Facharbeiter, die meistens ohnehin schon Anspruch auf gesetzliche Rente plus Betriebsrente haben.
Insgesamt tut die Koalition mehr für die Zweit- und Drittrenten der Mittelschicht als für die Vermeidung von Altersarmut. Das wiegt deswegen besonders schwer, weil nach einer Untersuchung der Industrieländerorganisation OECD ohnehin in kaum einem Rentensystem der Welt so wenig umverteilt wird wie in der deutschen Rentenversicherung. Es gilt das Prinzip von Leistung und Gegenleistung: Wer viel einzahlt, bekommt viel heraus, Geringverdiener bekommen weniger zurück. Die rot-grüne Regierung hat diesen Zusammenhang verstärkt, etwa indem sie die Rentenansprüche für Arbeitslose extrem reduzierte. Pro Monat zahlt die Bundesagentur für Arbeit nur noch 2,19 Euro für jeden Arbeitslosen an die Rentenkasse. Bei längerer Arbeitslosigkeit fallen die Rentenansprüche entsprechend winzig aus. Außerdem gab es früher einen komplizierten Mechanismus, nach dem Renten für Geringverdiener mit langen Erwerbsbiografien automatisch aufgestockt wurden – auch dieses Instrument der Armutsbekämpfung hat die vergangene Bundesregierung abgeschafft.
All diese Reformen fallen in eine Zeit, in der die Arbeitswelt sich dramatisch wandelt. Die meisten Instrumente der Alterssicherung zielen immer noch auf sozialversicherte Arbeitnehmer mit fester Anstellung. Sie sind jedoch mittlerweile eine gesellschaftliche Minderheit, die Zahl der Menschen mit sozialversicherten Jobs liegt in Deutschland je nach Zählmethode zwischen 26 und 29 Millionen. Zwar ist die Zahl im vergangenen Jahr gestiegen. Aber auf lange Sicht wird das kaum so bleiben. Stattdessen wird wohl eher die Zahl der Job-Hopper, Teilzeitkräfte, Zeitarbeiter und gering verdienenden Selbstständigen zunehmen.
Für die Alterssicherung dieser Arbeitnehmer hat sich die Politik bisher zu wenig interessiert. Das sollte sie nachholen. Allerdings nicht, indem sie Forderungen folgt, Riester-Ersparnisse nicht mehr mit der Grundsicherung zu verrechnen. Das kann nicht funktionieren. Zu Recht wird die Grundsicherung nur an Menschen gezahlt, die bedürftig sind. Und mit welcher Begründung sollten Riester-Verträge besser behandelt werden als andere private Rücklagen? Jeder Selbstständige, der gar keine Möglichkeit zum Riester-Sparen hat und stattdessen eine Lebensversicherung abschließt, wäre zu Recht empört.
Stattdessen sollte die Regierung sich drei andere Schritte vornehmen: Erstens sollte sie jedem Bürger die Möglichkeit einräumen, Riester-Verträge abzuschließen – also auch dem schlecht verdienenden Webdesigner und der allein erziehenden Langzeitstudentin. Zweitens sollte für Geringverdiener ohne weitere Zusatzeinkünfte der alte Mechanismus wieder eingeführt werden, der Minirenten über das Niveau der Sozialhilfe hievt. Drittens sollten alle Selbstständigen, die nicht wie Anwälte oder Ärzte automatisch in ein Versorgungswerk ihrer Branche einzahlen, zu irgendeiner Form der Vorsorge gezwungen werden: keine einheitliche Pflichtversicherung für alle, aber eine Pflicht zur Versicherung, für die der Staat anerkannte Wege definieren müsste. In seinem SPD-Essay hat Olaf Scholz das übrigens auch gefordert. Jetzt hat er den richtigen Job, um diese Idee umzusetzen.
- Datum 18.01.2008 - 03:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
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Fakt ist: die Jungen ernähren die Alten. Rein demographisch bedingt wird die Grundrente irgendwann kommen: jeder kriegt im Ergebnis Sozialhilfe, was auch immer er eingezahlt hat. Und weil auch die Steuerbasis demographisch webricht, wird diese Grundrente immer unfinanzierbarer und damit kleiner werden. Altersarmut wird ein Massenphänomen sein, egal welche Riester-Verdrehungen wir heute vornehmen. Denn zumindest, wer Familie hat, kann keinen nennenswerten Rücklagen bilden. Nicht, solange horrende Sozialabgaben für die HEUTIGEN Rentner - auch von den Krankenkassenbeiträgen gehen 90% an diese Altersgruppe - dies nicht zulassen.
1. Wenn es stimmt, was immer kolportiert wird, daß 50% der lebenslang ausgegebenen Krankenkosten (oder der gezahlten Krankenkassenbeiträge?) in den letzten 14 Tagen des Lebens verbraucht werden, um einen sterbenden Körper (gegen den Willen der Natur) noch diese 14 Tage am Leben zu erhalten, dann bitte ich darum, daß bei mir solche Maßnahmen nicht eingeleitet werden. Ich möchte sterben, wenn das von der Natur vorgesehen ist, und ich habe auch keine Angst davor. Jeder Mensch muß einmal sterben, und kein Arzt darf das Recht haben, diesen natürlich eintretenden Zeitpunkt mit Gewalt (und zu horrenden Kosten für alle) aufhalten zu wollen.Selbstbestimmung heißt auch, über den eigenen Todeszeitpunkt mitentscheiden zu können. Ich kann nur jeden dazu aufrufen, eine Patientenerklärung jurustisch hieb- und stichfest zu formulieren, die gerade diesen Punkt eindeutig klärt.On the long term we are all dead.2. Die Rente ist sicher. Nur ihre Höhe nicht.Und bitte nicht vergessen: der ursächlich Schuldige ist nicht Nobbi Blümchen (der hat uns nur beruhigen wollen, damit keiner zu früh auf die Wahrheit kommt, war sozusagen ein Gesundprediger), sondern Conny Adenauer, der 1957 den Generationenvertrag einfach aufgelöst hat. Vorher war die Rente kapitalgedeckt, d.h. jeder bekam das raus, was er eingezahlt hatte plus (mickrige) Verzinsung. Da dies jedoch "zu wenig" war, weil halt ein Finanzsystem nicht daran interessiert ist, daß es allen Alten gut geht, sondern daran, daß immer alle Banker gut verdienen, wurde dieser Wechsel auf die Zukunft gezogen.Und wie das bei Wechseln oft ist: er ist geplatzt. Und wir alle haben nun den Dreck.Danke, Conny (der "Größte Deutsche"), und auch danke Nobbi.
Familien mit Kindern sind bezüglich ihrer privaten Rentenvorsorge gegenüber Kinderlosen eindeutig benachteiligt. Die Riesterförderung der Kinder ist wohl eher der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, aber natürlich kein falscher Weg.
Wichtig sind kostenlose Kindertagesstätten mit flexiblen Öffnungszeiten, so dass beide Eltern berufstätig sein können.
Den demografischen Wandel hat die jetzige Rentnergeneration nicht zu verantworten, daran tragen die kinderlosen Mittvierziger Schuld. Und da diese auch mehr privat vorsorgen können, ist bei ihrem Renteneintritt ein Rentenabschlag gerechtfertigt ; besser hört sich ein Rentenaufschlag für Eltern an - ist aber im Prinzip das Gleiche.
Zum Vorsorgen sind noch 20 Jahre Zeit, wenn man nicht arbeitslos ist, ist die Zeit ausreichend.
Ob das angesparte Geld bei den Banken sicher ist, weiß man zwar nicht, aber nichts zu tun, ist falsch. Was wird mit dem Geld geschehen? Ähnlich den angelsächsischen Pensionsfonds wird es in der Welt herumvagabundieren, auf der Suche nach mehr Rendite. Kann auch schiefgehen.
Prekär ist die Lage nicht nur für das Prekariat, letztere kriegen so oder so einmal eine Grundrente.
Bei ALG I wird schon entsprechend die Rentenversicherung gezahlt auf Basis von 60% bis 67% des letzten versicherungspflichtigen Einkommens.Das Problem entsteht erst bei ALG II bzw. Sozialgeld, wo dank Spargesetzänderung statt der zuletzt 110 € monatlich nunmehr nur noch 40 € pro Monat an die Rentenkasse abgeführt werden - was dann pro Jahr die lächerliche Erhöhung des Rentenanspruches von 2,19 € bewirkt - die von anderen Rentenfaktoren auch noch aufgefressen und sogar ins negative abgleiten kann.Irgendwie sollte man/frau verstehen, was und worüber berichtet wird.Wenn die Riesterrente nur anteilig auf die Grundversorgung angerechnet werden soll (was grundsätzlich gut ist) - dann hat das aber bitte auch für alle anderen Formen einer Altersversorgung zu gelten. Alles andere wäre gegen den Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz. Genau deswegen tun sich unsere überbezahlten und von (fast) jeder Sachkenntnis befreiten Gesetzesbastler ja auch so schwer damit. Denn wenn sie das Gesetz ändern, steht sofort die erste Verfassungsklage ins Haus für die anderen, dann diskrimierten Versorgungsformen. Genau das will man aber nicht.Die Damen und Herren haben schon genau gewusst was sie da tun - einschliesslich Herrn Riester.
Ich kann Ihnen nur Recht geben. Wer sich darauf verlässt, dass 2030 wenn die Altersverteilung die Atompilz-Formation angenommen hat - mit einer kleinen Wolke bei 85 und einer ganz grossen bei 65 und kurz drunter der Stiel - alles zusammenbricht, übersieht völlig, dass die deutsche Bürokratie zur Hochform aufläuft, wenn es darum geht einen Mangel zu verwalten.
Egal ob Mangel an Studien- oder Arbeitsplätzen, ob an Wohnungen, Nahrung oder Kleidung. es gibt da so etwas wie ein kollektives Gedächnis, das jeden ohne Murren in die Warteschlange zwingt.
Und es gibt eine wahre Meisterschaft darin, das Zuteilungssystem so differenziert wie irgend nur möglich zu gestalten. Auch bei einer verbreiteten Altersarmut wird es zwischen den armen Armen und den reichen Armen einen himmelweiten Unterschied geben.
Einen Vorgeschmack, wie es in zwanzig Jahren bei der Rentenversicherung aussehen könnte liefern heute schon Pflege- und Krankenversicherung. Jährlich werden die Leistungskataloge zusammengestrichen. Entweder man hat dann das Geld für eine Zuzahlung oder als Mittelloser endet man als Bittsteller im Antragsmarathon. Oft handelt es sich nicht mal um grosse Summen sondern um Bagatellbeträge.Die ausufernde Bürokratie überfordert schon jetzt alleine vom Volumen her Ärzte, Sachbearbeiter und die Experten des "Medizinischen Dienstes". Für den alten Patienten, oft in seiner Mobilität eingeschränkt und von den wenig konsequenten Zuteilungsregeln heillos überfordert erst Recht eine Zumutung.
Bei einem Rentenbescheid von über 20 Seiten,der einem zum Antrag auf Grundsicherung berechtigt,da dies von den über 100000 Mitarbeitern der Rentenversicherung nicht gemacht werden kann und soll,ergibt sich die Systemfrage. Dazu diese überbordenden Regelungen beimVersorgungsausgleich,Kindererziehungszeiten etc.,von den schwierigen Abgrenzungen beim Sozialversicherungspflichtigen Einkommen ganz zu schweigen.Warum ein gleitender Übergang in ein Grundrentenmodell nach Vorbild in den Nachbarländern Niederlande,Dänemark,Schweiz nicht finanzierbar oder laut Blüm Geldverschwendung sein soll,bleibt leider unbeantwortet.So wird das System von innen ausgehöhlt und steht geradezu im Widerspruch zum Ideal der Selbstverwaltung.
dann sollte man sich nicht wundern, wenn es Keiner tut.Und wenn jetzt Allen klar wird, dass es Denen, die schon immer ihr Einkommen sofort verbraucht haben, um erst mal gut zu leben zu können,jetzt oder später nicht schlechter geht, als Denen, die sich mittels Konsumverzicht Ersparnisse zurückgelegt haben,dann sollte die Verlogenheit der Politik endlich mal aufgelöst werden.Also Entweder/Oder:Entweder Sparer sind total dämlich, weil ihnen ihr Erspartes später sowieso von der Grundsicherung abgezogen wird,oder:Sparer dürfen Ihr Erspartes zusätzlich zur Grundversicherung behalten.Genau so bestraft werden ja auch z.B. Besitzer von Wohneigentum.Kein Wunder, dass der Immobilienmarkt zusammen gebrochen ist: Wer kauft und spart sich Eigentum jetzt "vom Munde ab" (ja eher: Durch Verzicht auf anderen Konsum),wenn es später erst zwangsversteigert wird, um die Grundsicherung zu bezahlen,die Andere (ohne Eigentum) sofort ausgezahlt kriegen.
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