Drei Minuten vor dem Termin rollt ein Mercedes auf den Hof des ehemals kaiserlichen Postfuhramtes in Berlin. Die Tür öffnet sich, und Jonathan Meese steigt aus, fröhlich mit einer Wasserflasche winkend. Er trägt, wie erwartet, Schwarz. Die langen Haare, der Bart, die Hose, das Hemd, die adidas-Trainingsjacke, der Ledermantel, der Rucksack – alles schwarz. Warum eigentlich? »Das ist Schutzkleidung, Uniform. Außerdem, je gleicher der Mensch äußerlich aussieht, umso klarer kann ich sein Gesicht erkennen.« Meese schließt die Außentür seines Ateliers auf, einer früheren Garage, anschließend das Sicherheitsgitter. »Dann mal rein in die gute Stube.«

Kurz sieht man noch auf eine Fußmatte mit der Aufschrift »Dr. No«, um dann erschlagen zu werden von dem Anblick, den der Raum eröffnet: Etwa 15 Riesenformate, keines unter zwei Meter Höhe, lehnen eng an den Wänden, ungefähr 50 kleinere Bilder, fast alle noch trocknende Porträts, liegen auf dem Boden. Gelb-, Orange-, Rosa- und Brauntöne dominieren. »Passt zu Indien, oder?«, sagt Meese. Eine Auswahl der Arbeiten wird in den nächsten Tagen nach Bombay verschifft.

Um die Bilder herum herrscht Chaos auf rund 80 Quadratmetern. Auf diversen Tischen liegen riesige Haufen halb ausgedrückter Ölfarbentuben, dazwischen stehen Lösungsmittelkanister, liegt Werkzeug herum. Auf dem Boden verstreut sind Bretter, zahllose Bücher, leere Farbeimer, Großhandelskartons mit Pinseln, Tapetenrollen, zerknülltes Verpackungsmaterial. In einer Ecke finden sich ein Stoffpferd sowie ein Totenschädel.

Der Gedanke, hier müsse mal gründlich aufgeräumt werden, erstirbt aber sofort. Der 37-Jährige könnte das, was er schafft, nicht schaffen, würde er auch noch Ordnung halten. Zwölf Einzelausstellungen waren es allein 2007, in Kopenhagen, in Paris, im Karl-Marx-Haus in Trier.

Jonathan Meese, der im vergangenen Jahr von FDP-Chef Westerwelle den Kulturpreis der B.Z. entgegennahm, stellt zwei altersschwache Bistrostühle für das Gespräch zusammen. Hat er nach zehn Jahren Karriere und dem nicht enden wollenden Medieninteresse noch Zweifel? »An mir? Total. An der Kunst? Null.« Die Trennung von Realität und Kunst ist ein Kernbereich des Meeseschen Universums. Der erste Grundsatz lautet dabei: »Der Kunst ist es vollkommen egal, wie sich Jonathan Meese fühlt.« Diese Regel wird auf entsprechende Fragen per Meese-Sprech verfeinert.

Gibt es eine Ordnung, nach der er seine widersprüchlichen Zeichen organisiert, diese Mixtur aus Pop, Porno, Pubertät und Pose, aus Pathos, Peinlichkeit und Parodie? »Alles ist Spielzeug. Das ist alles gewesen. Ob Kommunismus, Nationalsozialismus, das alte Ägypten oder das alte Rom, nichts kommt wieder. Von der Straße kann ich mir auch keine Revolution mehr erhoffen, der Mensch schafft das nicht. Wir sollten etwas anderes sich lostreten lassen, der Vulkan der Kunst möge ausbrechen.« Und was passiert dann? »Das Tolle an der Kunst ist, sie ist ein Sandkasten, in dem jeder willkommen ist. Da gibt es so etwas wie Hautfarben nicht, da gibt es keine Wichtigkeiten, keine Religionen. Das Ich wird total relativiert.«

Und das Geld, wird das auch relativiert? Trotz der permanenten Überproduktion werden manche Werke Meeses für bis zu 60000 Euro gehandelt. »Leider noch nicht. Der ultimative Wunschtraum ist, dass die ganze Welt eine Bühne ist. Auf der Bühne ist eine Waffe eine Spielzeugwaffe, Blut ist immer Kunstblut, Geld immer Spielgeld.«