In ihrer Wahlheimat San Francisco füllt sie seit über zehn Jahren die Clubs. Auf ihrem eigenen Label hat sie bereits zwei ambitionierte Alben eingespielt. Trotzdem kennt sie bislang nur eine Handvoll Eingeweihter: Ledisi passt nicht in das Raster der großen Plattenfirmen. Es kann nicht nur daran liegen, dass die Rhythm-n-Blues-Chanteuse mit dem Yoruba-Namen neben den Model-Figuren von Beyoncé oder Rihanna kaum konkurrenzfähig wirkt.

Ledisi gab auch in ihren Texten mehr von sich preis, als es die Party-Etikette erlaubt, erzählte von sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt. Was nutzte da ihr beeindruckendes Stimmvolumen?

Fast ein Jahrzehnt lang lebte die füllige Sängerin von 30-Dollar-Gigs, gab Jazzgesangsstunden, schlief bei Freunden auf der Couch und spielte bereits mit dem Gedanken, ihre Star-Ambitionen an den Nagel zu hängen.

Nun aber ist die große Bühne doch noch nahe gerückt. Lost And Found titelt ihr Major-Debüt, auf dem sie alles gibt, was man sich von den jüngsten Alben ihrer Neo-Soul-Kolleginnen Jill Scott und Angie Stone vergebens wünschte. Ledisi macht das Studio zur Pfingstkirche, reibt sich mit ausdrucksstarkem Soulgesang an den kühlen Jazz-Funk-Arrangements und versteht es selbst auf Hip-Hop-inspirierten Tracks wie You & - Me eine Intimität herzustellen, die man in dem von Vokalakrobatik geprägten Genre kaum noch kennt. Dabei wirkt sie im Vergleich mit ihrem von Skat-Gesängen geprägten 1999er Album Soulsinger um einiges gelassener. Cooler. Erwachsener.

In ihren neuen, allesamt selbst geschriebenen und produzierten Songs geht es um die Sehnsüchte und Enttäuschungen einer reifen Frau: "I tried, you tried, we tried, time to move on" Mal gospelt die aus einer Musikerfamilie stammende Ledisi in der Gitarren-Funk-Nummer Upside Down wie einst Chaka Khan, um sich dann auf dem von Klavier und Geige begleiteten Titelsong als Abbey-Lincoln-Wiedergängerin zu inszenieren.

Es ist ihr hoch anzurechnen, solche Gegensätze nicht für ein paar radiotaugliche Grooves niedergebügelt zu haben dafür bringt Ledisi einfach zu viel Eigensinn mit. Ihr Enthusiasmus klingt so echt, als ob sie gerade erst über einer Packung Tütensuppe von ihrer jüngsten Grammy-Nominierung gehört hätte. In einer Kategorie, die sich wie eine Ironie auf ihr Leben liest: "Newcomer des Jahres".

Ledisi: Lost And Found (Verve/Universal)