Der Bericht löste einen Donnerhall im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) aus. Er trägt den schlichten Titel »Auslandseinsätze der Bundeswehr«. Was das 55-seitige Papier in aller Kälte des Militärjargons festhält, fügt sich zu einem niederschmetternden Bild von der Handlungsfähigkeit der deutschen Streitkräfte.

Die Bundeswehr, legt der Bericht ausführlich dar, leide unter einem Mangel an kohärenter Führung, fehlender strategischer Planung, teilweise bizarrer Bürokratie und einer kleinkarierten Kontrollwut des Berliner Ministeriums. Verfasst wurde das Gutachten von sieben der ranghöchsten ehemaligen Generale, die die Bundeswehr zu bieten hat. An ihrer Spitze stand der einstige Oberbefehlshaber der Afghanistan-Schutztruppe Isaf, Norbert van Heyst. Fünf Monate lang, von Februar bis Juli 2007, recherchierten sie an knapp einem Dutzend Standorten und sprachen mit den wichtigsten Kommandanten aller Auslandsmissionen. Ihre Schlussfolgerung: Die Bundeswehr ist ein umständliches, uneffektives, ja zum Teil gefährlich schlecht kontrolliertes Gebilde.

Um künftig Einsätze effizienter führen zu können, empfehlen die Generale, »eine in der Hierarchie des BMVg höher angesiedelte Operationsabteilung« zu bilden. Diese solle unmittelbar dem Generalinspekteur unterstellt werden und alle Weisungen aus dem Ministerium für die Einsätze aus einer Hand erlassen. Im Klartext: Die Bundeswehr solle endlich so etwas wie einen Generalstab erhalten.

Der Begriff – und damit der Gedanke – wird seit Ende des Zweiten Weltkriegs in deutschen Militärkreisen offiziell nicht mehr gebraucht. Die Bundeswehr war seit der Wiederbewaffnung 1955 als gezähmte Armee konzipiert, die allenfalls Schlachten unter Nato-Oberkommando führen sollte, keinesfalls aber eigene Operationen zu planen hatte. Seitdem hat sich zwar die Welt radikal verändert, nicht aber die Befehlsstruktur der deutschen Armee. Noch immer sind in Deutschland die klassischen Aufgaben eines Generalstabes – also einer planerischen und operativen militärischen Oberbehörde – zersplittert zwischen dem Verteidigungsministerium, den Teilstreitkräften und dem Einsatzführungskommando für Auslandseinsätze in Potsdam. Im Einsatz führt dies immer wieder zu quälend langen Befehlswegen und zu grotesk lebensfernen politischen Vorgaben.

Stehe ein Kabinetts- oder ein Parlamentsbeschluss zu einem Auslandseinsatz an, so heißt es in dem Gutachten, bleibe wegen mangelnder strategischer Planungsressourcen im Verteidigungsministerium oft zu wenig Zeit, um die Mission gründlich zu durchdenken. Dies ziehe das »Risiko von Unschärfen und Fehlern« nach sich. Die Kenntnisse nachgeordneter Kommandoebenen könne »oft nur ›informell‹ und damit nicht ausreichend einbezogen« werden. »Beispiele hierfür sind zu frühe Festlegungen von Kontingentobergrenzen, die sich (…) als zu niedrig erweisen, (…) oder sehr kurze Zeitvorgaben für die Verlegung von Kontingenten und das Herstellen ihrer Einsatzbereitschaft. Beides kann große Risiken für die Realisierung der Planung und für die Sicherheit des Kontingents selbst verursachen.« Mit anderen Worten: Auslandseinsätze werden bisweilen gefährlich hektisch übers Knie gebrochen. Das Primat der Politik bedeutet in der Praxis oft ein heikles Diktat der Politik.

Der Bericht nennt als »drastisches Beispiel« die überstürzte Aufstellung eines Containerlazaretts in Kongo, die »ohne Beteiligung des Sanitätsführungskommandos geschah«. Das medizinische Hightechmodul wäre beinahe im Schlamm versunken, weil der ursprüngliche Standort völlig falsch gewählt war. Erst im letzten Moment sei ein »Totalschaden« verhindert worden.

Dafür setze, sobald die Truppe im Ausland angekommen sei, sofort eine lähmende Bürokratie ein. »Regelungsdichte und Informationsflüsse haben (…) die Grenze des Handhabbaren überschritten«, konstatieren die Generale. Selbst in Afghanistan müssten Bundeswehrsoldaten deutsche Rechtsstandards penibel einhalten – von der Mülltrennung über die Straßenverkehrsordnung bis zur Zahlung eines Fahrkostenzuschusses an die Ortskräfte »i. S. des Erlasses über Werk-, Schul- und Fürsorgefahrten (VMBl 1990 S. 114)«.