Integration

Rekrut Soufian Mehrazi

In der Bundeswehr gibt es längst auch muslimische Soldaten. Wem sind sie loyal: Deutschland oder der Heimat ihrer Eltern?

Worte für die Heimat finden? Schwer, fast unmöglich. Tahir Qaderi kann sich an sein Land kaum erinnern. Schemenhaft tauchen Bilder vor seinen Augen auf: der alte Königspalast in Kabul, ein Schwimmbad, die Gebirgspfade der Flucht, ein Pferdekadaver, vor dem sich das Kind fürchtete. Qaderi war sechs, als seine Familie aus Afghanistan fortging. Er hat seine alte Heimat seitdem nur einmal wieder besucht – 2002 in deutscher Uniform.

Tahir Qaderi ist jetzt 29, Muslim, seit neun Jahren bei der Bundeswehr und inzwischen Oberleutnant der Marine. Er sitzt in seinem Büro in einer mittelgroßen westdeutschen Stadt. Es sieht aus wie überall in deutschen Amtsstuben: Kunstholzschreibtisch, Grünpflanze, PVC-Boden. Nur Qaderi fällt auf an diesem Ort, seine Haare sind ein wenig zu schwarz, seine Haut ist ein wenig zu dunkel. Deshalb heißt er auch nicht Tahir Qaderi, seine Vorgesetzten haben darum gebeten, seinen Namen zu verändern. Zu groß ist die Furcht, dass radikale islamische Gruppen seine Arbeit bei der Bundeswehr ablehnen und ihn oder seine Familie bedrohen könnten.

Qaderi ist Wehrdienstberatungsoffizier, ihm gegenüber hockt, den Rücken krumm, sein erster Besucher an diesem Tag. Der junge Mann ist zehn Jahre jünger als Qaderi, er trägt blonde Strähnchen im Haar. Qaderi schlägt eine Mappe mit Klarsichtfolien auf, darin sind Fotos eines ausgebrannten Busses. »Ein Sprengstoffanschlag in Afghanistan. Da drinnen saßen deutsche Soldaten«, sagt er. Auslandseinsätze gehörten nun zu einer Karriere beim Militär dazu. »Und die Bundeswehr kann nicht garantieren, dass Sie gesund oder überhaupt lebend zurückkommen.« Diesen Satz sagt Qaderi immer gleich zu Beginn. Der junge Mann rückt ein wenig von den Fotos ab. Nach den Afghanistanbildern bemüht sich Qaderi, den Bewerber zu beruhigen, erzählt von guter Bezahlung beim Militär, der hervorragenden Krankenversorgung und verabschiedet ihn mit den Worten: »Ich hoffe, wir sehen Sie in naher Zukunft in Uniform.« Der junge Mann fragt nach der Toilette.

An anderen Tagen reist Tahir Qaderi auch durch die Städte der Umgebung, um an Schulen für die Bundeswehr zu werben, um Nachwuchs zu gewinnen. Nachwuchs, der vielleicht einmal in seinem ehemaligen Heimatland kämpfen wird.

Nachdem Soufian Mehrazi im Sommer 2006 seinen Einberufungsbescheid bekommen hat, telefoniert er sogleich mit dem Kreiswehrersatzamt, mit einem Mann wie Tahir Qaderi. Er fragt, wie das sei mit »Ausländern« bei der Bundeswehr. Soufian Mehrazi stellt sich seinen neun Monate währenden Grundwehrdienst als einzigen Höllenritt vor, fürchtet, von Rechtsradikalen zusammengeschlagen und von Vorgesetzten schikaniert zu werden. Zugleich denkt er an den Wunsch seiner Mutter, dass einer ihrer Söhne zum Militär geht. Am Ende folgt er dem Willen der Mutter.

Seine ersten Wochen bei der Bundeswehr fallen in den Ramadan. Mehrazi fastet. Als ihm vor Hunger schwindlig wird, redet er mit seiner Mutter. Sie sagt ihm, wenn es nicht anders gehe, dürfe ein Muslim auch im Ramadan vor Sonnenuntergang etwas essen. Nur scheinen die Deutschen Schweinefleisch zu lieben, fast täglich steht es auf dem Speiseplan der Julius-Leber-Kaserne in Berlin. Mehrazi isst Nudeln mit Käse, Milchreis und die Beilagen. Nach zwei Wochen geht er zum Kantinenchef. Danach setzt der auch ein Gericht ohne Schweinefleisch für ihn und die etwa 15 anderen Muslime der Kaserne auf die Karte.

Soufian Mehrazi wohnt in Berlin-Neukölln, einem Viertel mit hohem Ausländeranteil, die meisten seiner Freunde sind Muslime wie er. Seine Kameraden bei der Bundeswehr kommen aus der ganzen Republik, manche haben noch nie einen Muslim getroffen. Mehrazi spürt das erste Mal, dass er zu einer Minderheit gehört. Ständig muss er Fragen beantworten: warum er kein Schweinefleisch esse. Ob er um drei Uhr früh aufstehe, um zu beten. Wie das mit der Unterdrückung der Frau bei den Muslimen sei. Soufian Mehrazi, 20 Jahre alt, Sohn eines Marokkaners und einer Algerierin, ist in Deutschland geboren und hat nie woanders gelebt als in Berlin. Nun muss er Auskunft geben wie ein Fremder.

Soufian Mehrazi und Tahir Qaderi sind Deutsche und Muslime, Muslime und Bundeswehrsoldaten. Sie glauben an Allah und dienen Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Schätzungen gehen von etwa 1000 Muslimen bei der Bundeswehr aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Angabe der Religionszugehörigkeit freiwillig ist. Deutschland hat sich verändert: Die Kinder der Einwanderer haben oft die deutsche Staatsbürgerschaft und gehen nun auch zum Militär. Es ist nicht leicht, mit ihnen zu reden, die meisten lehnen Gespräche mit der Presse ab, aus Furcht. Es ist ein kompliziertes, ein heikles Thema. Auch das Bundesverteidigungsministerium antwortet auf Fragen nur schriftlich in verschachtelten Sätzen. In dem Schreiben heißt es: »Die Zahl der Grundwehrdienstleistenden ausländischer Herkunft wird innerhalb der nächsten zehn Jahre deutlich anwachsen.« Damit steigt auch die Zahl der Muslime.

Zum ersten Mal beschäftigt sich nun auch eine Pilotstudie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr mit Muslimen bei den Streitkräften. Das Ergebnis: Im Allgemeinen bewerten die muslimischen Soldaten ihre Situation bei der Bundeswehr positiv. »Bei genaueren Nachfragen erzählen aber fast alle auch von negativen Erfahrungen«, sagt Projektleiterin Iris Menke. Das reicht von dummen Sprüchen bis in einem Fall zu der Aufschrift »Nigger« auf dem Auto. Menke fand heraus, dass die muslimischen Soldaten sich große Mühe geben, ihre Glaubensvorschriften dem Alltag der Bundeswehr anzupassen. Aber: »Je religiöser einer ist, desto schwerer fällt die Integration.«

Zugleich ist die Bundeswehr im Augenblick fast ausschließlich in Ländern aktiv, in denen die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch ist. Was geschieht, wenn muslimische deutsche Soldaten im Auslandseinsatz auf ihre Glaubensbrüder treffen, sie vielleicht sogar töten? Wem gegenüber ist man loyal: der neuen oder der alten Heimat, dem Vorgesetzten oder dem Glaubensbruder? Wer ist man am Ende selbst?

wenn Tahir Qaderi an Schulen Vorträge über »Berufe in den Streitkräften« hält, klappt er zu Beginn für gewöhnlich seinen Laptop auf und zeigt ein Foto: Darauf steht er lächelnd auf einem Schiff im Bosporus. Die Sonne scheint, im Hintergrund sanfte Hügel, es sieht nach Urlaub aus. Auf dem Boot diente Qaderi vor zwei Jahren als Fernmeldeoffizier. Mit dem Foto ist er bei sich. »Ich will, dass die Schüler mich als Privatmann sehen mit menschlichen Zügen.« Tahir Qaderi sagt oft solche Sätze, jedes Wort scheint seiner Kanten beraubt. Manchmal klingt er dadurch seltsam förmlich. Er bemüht sich, alles richtig zu machen. Und es ist nicht einfach im Augenblick, als Muslim in Deutschland und in der Welt alles richtig zu machen – es gibt zu viele Negativmeldungen: Terror, Parallelgesellschaften, gescheiterte Integration. Irgendjemand fühlt sich immer verärgert, verraten oder provoziert.

Wenn in Qaderis Vortrag der Zeitpunkt gekommen ist, über seine Herkunft zu reden, sagt er: »Sie sehen ja, dass ich kein gebürtiger Deutscher bin.« Bevor jemand fragen kann, antwortet er schon. So kann er darüber bestimmen, was er erzählen mag – wie er, Tahir Qaderi, das Flüchtlingskind, geboren in Afghanistan, Muslim, zur Bundeswehr gelangte.

Im Sommer 1998 machte Tahir Qaderi in Hamburg Abitur. Damals war die Welt noch eine andere, keine Flugzeuge waren ins World Trade Center gestürzt, kaum jemand hatte von al-Qaida oder Osama bin Laden gehört. Ein Bundeswehreinsatz in Afghanistan schien eine völlig absurde Vorstellung. Es gibt zwei Erklärungen, warum Tahir Qaderi zur Bundeswehr wollte. Zuerst die pathetische: Er sagt, er sei Deutschland dankbar dafür, dass seine Familie hier aufgenommen worden sei. »Als Soldat möchte ich das dem Land zurückgeben und deutsche Werte auch mit meinem eigenen Leben schützen.« Die zweite, einfache Erklärung: Er wollte studieren, zur See fahren, hatte »Lust auf Abenteuer«.

Qaderis Vater war in Afghanistan ein angesehener Jurist, die Mutter hatte als Grundschullehrerin gearbeitet. Einer der Fluchtgründe der Eltern war, dass die Söhne mit 15 oder 16 eingezogen und in den Krieg geschickt worden wären. Die Eltern fanden im neuen Land keinen Platz. Der Vater bekam nur Aushilfsjobs. Die Mutter empfängt Hartz IV. Dem Druck und der Unzufriedenheit hielt die Ehe nicht stand. Der Vater ist inzwischen wieder nach Afghanistan zurückgekehrt. Für die Eltern bedeutete Deutschland Abstieg, für den Sohn Aufstieg.

Auf Qaderis Laptop erscheint ein Foto von einer Frau mit langen dunklen Haaren, sie lächelt – Qaderis Frau, auch sie ist ein afghanisches Flüchtlingskind. Er hat sie auf einer Hochzeit zum ersten Mal gesehen, danach bat er seine Mutter, die Eltern des Mädchens zu fragen, ob die beiden sich kennenlernen dürften. »Das gehört sich so«, sagt Qaderi. Zuvor, bei seinen deutschen Freundinnen, wäre er nie auf eine solche Idee gekommen. Qaderi weiß genau, was in der einen Welt geht und was in der anderen. Er sagt »wir«, wenn er über Deutsche redet, und »wir«, wenn er von Afghanen erzählt, er merkt es nicht. Es ist ein Leben in der Zwitterposition: »Ich kann hin- und herspringen.«

In seiner dritten Welt, bei der Bundeswehr, habe er nie Probleme gehabt, und sein Glaube spiele dort nie eine Rolle, sagt er. Vielleicht liegt es daran, dass Soldaten darauf eingeschworen werden, sich als Teil einer Einheit zu sehen, Befehlen zu gehorchen und dass sie dazu neigen, Konflikte innerhalb dieser Einheit eher zu verdrängen. Die Truppe bietet die Chance, mit der Mehrheit zu verschmelzen, die Chance dazuzugehören. Anders zu sein stört das System. Ähnlich wie bei Soufian Mehrazi gab es auf See für Qaderi manchmal nur die Beilagen zum Essen. Er hatte dafür Verständnis. Er ist ein gläubiger Muslim, betet aber nicht fünfmal am Tag. »Das ist nicht praktikabel.« Er müsste sich sonst im Büro rituell waschen.

Qaderi hat vor Kurzem von einer Umfrage gehört, nach der nur noch ein Prozent der Deutschen denkt, dass der Islam eine friedliche Religion ist. »Die Terroristen schaffen es, dass die westliche Welt immer ängstlicher wird und sich immer mehr abschottet«, sagt er. Eine Zeit lang wurde auch er öfter von der Bundespolizei angehalten, sie wollte seine Papiere kontrollieren. Und als Jugendlicher gelangte er bei vielen der Hamburger Discos nie hinter die Eingangstür. Aber das sei nicht der Rede wert. Tahir Qaderi hat entschieden, sich die kleinen Gemeinheiten nicht zu merken. Sie würden ihn sonst zu sehr beherrschen.

Soufian Mehrazis Wachbataillon ist auf dem Hof der Leber-Kaserne in Berlin angetreten, es übt für einen Protokolleinsatz, der Ministerpräsident von Makedonien soll verabschiedet werden. Mehrazi steht ganz hinten rechts. Er ist der Einzige mit dunklerer Haut. »An die Karabiner!«, brüllt der Vorgesetzte. Mehrazi haut sich den Gewehrkolben gegen die Brust und lässt ihn auf den Boden knallen. Zum Einsatz später darf er nicht mit, er hat sich beim Basketball einen Finger gebrochen. Er muss auf die Stube, putzen.

Die letzten zwei Monate von Soufian Mehrazis Wehrdienst sind angebrochen. Beim ersten Gespräch mit ihm Anfang des vergangenen Jahres war er sich noch ziemlich sicher gewesen, dass er seinen Wehrdienst verlängern, Zeitsoldat werden würde wie Tahir Qaderi. Als Zeitsoldat wäre es sehr wahrscheinlich, dass er in einen Auslandseinsatz geschickt würde, und ablehnen dürfte er nicht. Damals war das der einzige Punkt, der Mehrazi zweifeln ließ. »Ich würde es wohl machen – wegen dem Geld«, sagt er jetzt.

Ein paar Wochen nach der Übung auf dem Kasernenhof sitzt Soufian Mehrazi mit einem Freund in seiner Neuköllner Wohnung und schaut Fernsehen. Die Gardinen sind zugezogen, schummriges Licht dringt in den ersten Stock, Hinterhof links. Auf dem Bildschirm läuft Fußball, die U21 spielt: Deutschland gegen Frankreich. Für wen ist er? »Für Frankreich«, sagt Mehrazi. »Und bei den Erwachsenen für Deutschland.« Sein Freund kommt ursprünglich aus dem Senegal, die beiden reden Französisch miteinander. Gemeinsam gingen sie an die deutsch-französische Europaschule. Die wurde auch von Diplomatenkindern und Deutschen aus dem vornehmen Berliner Süden besucht. »Sonst hätten wir uns gar nicht integriert«, sagt Mehrazi. Als Kind feierte er immer zwei Geburtstage, einen für die Freunde aus der Schule und einen für »die Straße«, die Kinder seines Viertels. Zusammen feiern ging nicht.

Wenn man Mehrazi nach der Heimat fragt, zögert er. »Ich bin Berliner«, sagt er dann. Ähnlich wie Tahir Qaderi muss er vorsichtig sein. Er wird von beiden Seiten kritisch beäugt – von den alteingesessenen Deutschen und von den eigenen Glaubensbrüdern. Mehrazi hat versucht, den Koran zu lesen, aber sein Arabisch ist nicht besonders gut. Auf den Straßen von Neukölln beobachtet er, dass immer mehr Frauen Kopftücher tragen. Er nennt die radikalen Muslime »Taliban«. Denen gilt Mehrazi wiederum als »angepasst«, als einer, der sich mit den Deutschen gemeinmacht. Weder seine Mutter noch seine Schwester tragen Kopftuch. Die Nachbarjungs fragen ihn manchmal, ob sie überhaupt Araber seien.

Mehrazis Eltern wohnen nicht weit von ihm entfernt. Neben der braunen Schrankwand in ihrem Wohnzimmer hängt ein Foto des marokkanischen Königs Hassan. Die Mutter zeigt ein Foto ihres Vaters in Uniform, er war ein ranghoher Offizier der französischen Armee. Sie ist in Frankreich aufgewachsen. Für ihren Vater bot die Armee die Möglichkeit, sozial aufzusteigen, vielleicht auch für den Sohn? Mehrazis Vater sagt: »Wir sind Deutschland dankbar. Ich habe Geld verdient, und meine Kinder bekommen Bildung.« Lange Jahre hat er bei Schwartzkopf gearbeitet. Die Mutter hilft ab und zu am Berliner Flughafen aus. Wenn sie dort nach ihrer Heimat gefragt wird, antwortet sie seit dem 11. September 2001: Frankreich. Ihr Sohn nickt, auch er kennt den Frankreichtrick. Vieles ist schwieriger geworden seit jenem Tag im September, immer kommt die Frage nach der Herkunft, kurz darauf folgt die nach der Religion. Soufian Mehrazi hat nicht immer Lust auf Erklärungen. »Französisch ist die Sprache der Liebe«, sagt er und grinst.

Vor Kurzem sprachen Mutter und Sohn über Soufians Zukunft. Die Mutter ist nun dagegen, dass er seinen Dienst bei der Bundeswehr verlängert, weil er dann vielleicht ins Ausland müsste. Im Fernsehen hat sie tote deutsche Soldaten gesehen; 70 starben bis jetzt bei Auslandseinsätzen. »Ich will meinen Sohn nicht verlieren«, sagt sie. Soufian Mehrazi hat noch anderthalb Monate bis zum Ende seines Wehrdienstes.

Den 11. September 2001, den Tag, der die Welt für alle Muslime verändern sollte, verbrachte Tahir Qaderi auf dem Schiff in der Nordsee bei einer Katastrophenübung. Am Abend wurde er in der Offiziersmesse von den anderen nach den Motiven der Muslime gefragt. Ob Selbstmordattentate üblich seien in der islamischen Welt? Was sollte Tahir Qaderi antworten? Von einem Augenblick auf den anderen war er nicht mehr nur Tahir, sondern auch Tahir, der Muslim, der für seine Glaubensbrüder sprechen musste. Er hat sich bemüht, alle Fragen höflich zu beantworten. Dass sie ihn getroffen haben, würde er nie sagen. Kurz nach dem Abend in der Offiziersmesse konnte er im Fernsehen dabei zuschauen, wie Bomben auf seine alte Heimat fielen. Es sei eine abstrakte Erfahrung gewesen, sagt er. »Ich hatte kein Mitleid mit den Taliban.« Tahir Qaderi meldete sich freiwillig für den Afghanistaneinsatz. Seine Familie konnte ihn nicht aufhalten.

Im Juli 2002 flog er nach Kabul. Schon auf dem Rollfeld lagen Flugzeugwracks. Nach 18 Jahren erkannte er seine alte Heimatstadt kaum wieder. Qaderi arbeitete als Dolmetscher für den damaligen Kommandanten, und er war bei der Abteilung »Operative Information«, druckte Flugblätter, Infomaterial. Seine Verwandten in Kabul besuchte er nie, er wollte sie nicht gefährden. »Es gibt Gruppen, die sehen mich als Landesverräter.« Er selbst sieht sich als Helfer und den Bundeswehreinsatz vor allem als Aufbauunterstützung. Loyalitätskonflikte hatte er nicht. Trotzdem wurde er in Kabul von diesem merkwürdigen Gefühl überwältigt, heimgekehrt zu sein. Die Gerüche, das Essen, die Menschen – alles erinnerte ihn an ein längst vergessen geglaubtes Zuhause.

Tahir Qaderi beantwortete die Fragen seiner alten Landsleute, ob in Deutschland die Frauen nackt herumliefen; begleitete den Kommandanten zum Innenminister oder zu Lokalfürsten und wies die Deutschen auf Verhaltensregeln hin: niemals die linke Hand geben; als Mann niemals auf Frauen zugehen; bevor man ein Wohnhaus betritt, warten, bis die Frauen verschleiert sind. Qaderi war der Vermittler, die Rolle seines Lebens.

Nach Umfragen sind zwei Drittel der Deutschen inzwischen für einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Nun wird Qaderis Stimme zum ersten Mal lauter: »Wir als Deutsche stehen im Wort. Wir sind Teil eines Bündnisses. Wir können da nicht einfach weg. Das ist ein langfristiger Prozess.« Die Verbindlichkeit ist es, die er an Deutschland, an den Deutschen schätzt. Er bezeichnet sich selbst so – als verbindlich. Verträge, Abkommen, Verpflichtungen versprechen Sicherheit. Auf sie muss er sich verlassen können, sie halten die verschiedenen Stränge seines Lebens zusammen. Was bleibt, wenn sie brechen?

In seinem Büro hängt ein Foto, Qaderi posiert mit anderen jungen Männern vor einem Panzer in Afghanistan. Er ist der Einzige mit dunkler Haut, die Uniform verdeckt sie. Fast.

Soufian Mehrazis letzter Tag bei der Bundeswehr. Er hat sich gegen eine Verlängerung entschieden, ist wieder dem Rat seiner Mutter gefolgt. Mit seinem Rucksack steht er in einer Art unterirdischem Lager der Leber-Kaserne – die letzten Stationen seiner Soldatenlaufbahn. Schuhe, Uniformen, Mäntel landen in riesigen Gittercontainern. Seine Nässeschutzjacke hat er verloren. Er macht eine »Schadensmeldung« und gibt das Formular einem jungen Soldaten, der es schweigend prüft. »Ich mache keine Rechtschreibfehler«, sagt Mehrazi gereizt. Anders als Tahir Qaderi hat sich Mehrazi all die kleinen Sticheleien gemerkt. Bevor er angegriffen werden kann, greift er lieber selbst an.

Am Ende sagt Soufian Mehrazi über seine Dienstzeit bei der Bundeswehr: »Als Erfahrung war es gut.« Er hat zwei neue Freunde gefunden und ein paar ausländerfeindliche Witze eines Vorgesetzten ertragen. Die Protokollroutine beim Wachbataillon hat ihn gelangweilt, und einen Auslandseinsatz fand er am Ende zu gefährlich. Mehrazi blieb immer auch ein wenig fremd. Vielleicht ließ er sich manchmal zu schnell provozieren. Am besten integrieren sich immer die, die sich am meisten anpassen.

Die anderen aus Mehrazis Kompanie werden an diesem Abend das Ende ihres Wehrdienstes in einer Disco am Kudamm feiern. Mehrazi wird nicht mitgehen. »Die lassen da keine Südländer rein.« Soufian Mehrazi hat vor Ministern und Staatsoberhäuptern Deutschland repräsentiert. Deutschland hätte ihn, wenn er bei der Bundeswehr geblieben wäre, sehr wahrscheinlich in den Krieg, in einen Auslandseinsatz geschickt. Aber das Innere einer Berliner Disco bleibt für ihn unerreichbar. Soufian Mehrazi beginnt nun eine Ausbildung zum Familienpfleger.

Tahir Qaderi ist auf dem Weg in eine Kleinstadt in der Nähe. Er muss einen Kollegen unterstützen. Die Bundeswehr wirbt und berät auch in Jobcentern, und für diesen Tag haben sich Demonstranten angekündigt. Vor ein paar Monaten sind zehn von ihnen vor dem Arbeitsamt aufgetaucht. Auf ihren Plakaten stand: »Wir wollen nicht, dass unsere Söhne sterben!« Qaderis Kollege war nicht da. Deshalb haben die Demonstranten für diesen Tag einen Termin bei den Bundeswehrberatern ausgemacht, und nun lassen sie auf sich warten. Qaderi hat im Internet recherchiert und herausgefunden, dass sie von der Jungen Linken sind. Sein Kollege hat einen Fotoapparat mitgebracht. Fast ist es, als freuten sich die beiden darauf, diskutieren zu können. »Sonst gibts nicht viele kritische Fragen«, sagt Qaderis Kollege. »Höchstens von den Müttern.«

Solange die Demonstranten noch nicht da sind, führen Tahir Qaderi und sein Kollege die Beratungsgespräche weiter. Ein schmächtiges blondes Mädchen sitzt ihnen gegenüber. Es ist 15 und hat seine Mutter mitgebracht. Das Mädchen macht gerade den Hauptschulabschluss und will danach zum Militär. Qaderi fragt: »Warum möchtest du zur Bundeswehr?« Das Mädchen sagt, es habe im Internet einen 24-Jährigen kennengelernt. »Der war in Afghanistan.« Die Mutter hat den Kontakt verboten. Sie hat auch das letzte Zeugnis der Tochter dabei: fast nur Vieren, ein paar Fünfen. Qaderi sagt: »Damit hast du keine Chance!« Er erzählt, dass es bei der Bundeswehr ein Assessment-Center gebe, man einen Intelligenztest bestehen müsse. Er selbst habe einen Vortrag über die Identitätstheorie Jean-Jacques Rousseaus gehalten. Das Mädchen betrachtet seine Turnschuhe. Qaderi sagt, es solle nächstes Jahr noch einmal kommen, mit besseren Noten.

Qaderi und sein Kollege bleiben im Büro zurück, Demonstranten sind nicht zu sehen. Es wäre eine seltsame Begegnung geworden: auf der einen Seite die Linken, die Männer wie Tahir Qaderi gewöhnlich zu ihrer Stammklientel rechnen, die sie vor Rassismus und Ausgrenzung schützen, auf der anderen Seite der scheinbar perfekt integrierte Oberleutnant Tahir Qaderi, der ihnen erklärt, dass Auslandseinsätze notwendig sind und Deutschland Teil eines Bündnisses ist. Nur die Linken kommen nicht. Offenbar sind sie nicht so zuverlässig. Wie er.

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Leser-Kommentare

  1. In der Bundeswehr gibt es längst auch muslimische Soldaten. Wem sind sie loyal: Deutschland oder der Heimat ihrer Eltern?Die Antwort lautet: dem Islam!

    • 20.01.2008 um 17:04 Uhr
    • kawan

    1a undifferenzierter Kommentar 0 PunkteAus diesem Grund haben Immigranten solche Probleme sich zu integrieren, weil die die am lautesten nach Integration schreien, durch solch undifferenziertes Denken Ausländern keine Chance geben.

  2. Ein sehr schöner Artikel, der zeigt, dass man Menschen auch die Chance geben muss, ihre Loyalität zu beweisen.

    • 20.01.2008 um 18:26 Uhr
    • WNYC

    Hallo Frau Simon,ich weiss nicht, ob Sie vor vielen Jahren einmal einen Leserbrief von mir an den Tagesspiegel bekommen haben: Ich hatte damals prophezeit, dass Sie einmal eine ganz große Journalistin werden. Dieser Artikel war wieder einmal perfekt geschrieben. Besser kanns nicht sein, viel Erfolg noch für die Zukunft. Ich benutze den Artikel für meine Seminare, wenn sie's nicht stört.

    • 20.01.2008 um 19:21 Uhr
    • Akakor

    [entfernt, bitte unterlassen Sie diese dumpfe Hetze und massiv zur Schau getragene Ausländerfeindlichkeit/ Redaktion; svb]

  3. Nunja, die Frage wem nun die Loyalität gilt ist natürlich eine Frage, die ich, wäre ich Migrant, auch nicht gerne hören würde. Sie ist verletzend und - so hoffe ich jedenfalls - in den meisten Fällen unangebracht. Nichtsdestotrotz ist sie berechtigt.Wer nicht sieht, daß Mohammedaner sicherlich größere Probleme haben werden sich gegenüber einer Kultur verpflichtet zu fühlen, die nunmal christlich und nicht mohammedanisch geprägt ist, der beurteilt die Lage m.E. nicht danach was realistisch ist, sondern danach was wünschenswert wäre. Ich möchte damit übrigens keinem Generalverdacht o.ä. das Wort reden, aber eben die Verbundenheit mit der Heimat war doch immer das, was die Armeen der Nationalstaaten von beliebigen Söldnertruppen unterschieden hat. Schon Macchiavelli beschrieb ausführlich, wieso Söldner sich nicht mit ihrem Kampfauftrag identifizieren können und wieso sie als Soldaten nicht geeignet sind. Welcher Christ würde schon für einen muslimischen Staat sein Leben geben? Was soll Ausländer im allgemein und Mohammedaner im speziellen an Deutschland so sehr binden, als dass sie ihr Leben geben würden? Was sollte das sein?Ich möchte damit niemanden herabwürdigen, aber es sind nunmal Fragen die sich mir spontan gestellt haben.

    • 20.01.2008 um 20:02 Uhr
    • Gafra

    man kann mehrere Loyalitäten empfinden und es ist dann nur die Frage, mit welchen Inhalten man sie füllt, um sich durch sie nicht zerreißen zu lassen.Tatsächlich dürfte das ein immer häufiger anzutreffendes Phänomen in einer immer komplexer werdenden Welt mit Emigration und Immigration.

    • 20.01.2008 um 20:03 Uhr
    • Gafra

    ein Wort vergessen!

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