Stellen wir uns für einen Moment einmal vor, künftige Historiker würden eines fernen Tages in ihre Archive steigen, den Datenstaub vom Speichermedium pusten und das heutige Universitätsleben unvoreingenommen erforschen. Was würden Sie im Gewimmel dieser Jahre erkennen? Sie würden in den Universitäten einen beträchtlichen Reformeifer finden, ein großes Flügelschlagen, ein Buhlen und Werben um die ersten und die besten Plätze.

Überall ist die Rede von Elite und Exzellenz, Evaluation und Zielvorgabe. Auch historische Filmdokumente fallen unseren künftigen Forschern in die Hände. Darauf sehen sie Universitätspräsidenten, die wie kleine Feldherren – Seite an Seite mit ihren Reformflügeladjutanten – das Schlachtfeld im Stellungskrieg um öffentliche Aufmerksamkeit abschreiten, die Lippen gespitzt zur liebsten akademischen Morgenfrage. »Kinder, sind wir gut aufgestellt?«

Doch die künftigen Wissenschaftshistoriker werden eine Entdeckung machen, bei der sie sich erstaunt die Augen reiben. Im Jahre 2007 verfallen einige bedeutende Stiftungen auf eine tolle Idee und gründen die Förderinitiative Pro Geisteswissenschaften. Warum? Um Forscher wieder die Möglichkeit zu geben, in Ruhe zu forschen und ihre Exzellenz außerhalb von Exzellenzinitiativen entfalten zu können. Abgeschirmt von selbst optimierten Universitätspräsidenten, geschützt vor marktnahen Evaluationsverfahren und standortrelevanter Clusterbildung, soll der Wissenschaftler wieder das tun, was er in den alten, angeblich untauglichen Universitäten schon immer getan hat: Er soll nicht Anträge zur Förderungsantragsförderung schreiben, sondern Bücher; er soll Ideen haben, vor allem eigene. Er soll in Einsamkeit und Freiheit forschen dürfen, und zwar nicht im Dienste fremder Zwecke, sondern im Dienste der Wahrheit. Kurzum, der Forscher soll so arbeiten können wie in den alten »Pflanzschulen der Wissenschaft« – jener alten und von Herzen ungeliebten Humboldt-Universität, die von den Radikalreformern als Relikt belächelt und an allen Enden auseinandergeschraubt wurde, um sie »fit zu machen« für die harten Zeiten des globalisierten Wissenschaftsmarktes.

Man sollte sich diesen lobenswerten Einfall zur Förderung der geisteswissenschaftlichen Einzelforschung ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen. Denn was muss bei der staatlich vorangetriebenen Universitätsreform nicht alles schiefgegangen sein, wenn Stiftungen sich genötigt sehen, Forschungen zu fördern, für die es früher nur einen natürlichen Ort gab, nämlich die Universität selbst? Wenn erst künstliche Paradiese geschaffen werden müssen, damit Wissenschaftler von der Reform verschont und wieder unbehelligt von zielvorgabenkompatiblen Drittmittelerhöhungsinitiativen ihrem erlernten Beruf nachgehen können?

Es hilft der Wahrheitsfindung, daran zu erinnern, dass die Reform der reformbedürftigen Universitäten nicht vom Himmel fiel. Sie war keine Laune gelangweilter Staatssekretäre und Bildungsbürokraten, die ihre innere Melancholie mit einem Feuerwerk äußerer Aktivitäten bekämpften. Die Reformagenda war Teil einer gesamtgesellschaftlichen Bewegung, die als »neoliberale Revolution« in die Geschichte eingehen wird.

Zementierte wohlfahrtsstaatliche Strukturen sollten abgebaut und die Sphäre von Markt und Konkurrenz in das träge Herz der saturierten Gesellschaft hineingetrieben werden, um produktive Energie zu entfesseln und die Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandortes zu erhöhen. Dabei sollte es keine Schutzräume geben. Alle, auch die Universitäten, mussten mitmachen, niemand durfte sich auf seine Privilegien herausreden.

Anfangs hatte das Wort Reform einen durchaus verlockenden Klang. Vor allem die geisteswissenschaftlichen Fakultäten waren von vielen guten Geistern verlassen und von intellektueller Trübsal bedroht; auch die skandalös hohe Zahl von Studienabbrechern war ein Alarmsignal. Indes, die Euphorie über das Neue hielt nicht lange vor, denn der Geist der Reform war eben nicht nur – reformatorisch. Er führte »Zielvereinbarungen« im Schlepptau, die mit dem überkommenen Selbstverständnis der »alten« Universitäten schlichtweg unvereinbar waren. Viele Reformer verstanden die Universität nämlich als Dienstleistungsunternehmen, das nützliches, also: ökonomisch verwertbares Wissen produzieren und nach der Logik des Wirtschaftsmanagements geführt werden sollte.