Hochschulwandel Der große Feldversuch
An den Hochschulen wird so viel reformiert wie nie zuvor. Das Ergebnis: Die deutsche Universität gibt es nicht mehr.
Manchmal fragt sich Daniel Adamczak, wie es wohl früher gewesen sein muss, damals, als die Studenten noch Zeit hatten. »Kein voll gestopfter Stundenplan, kein Klausurenmarathon, keine Studiengebühren«, sagt er mit verklärtem Blick. Was für eine Vorstellung! Seine ältere Schwester hat die Zeit noch erlebt, damals, vor acht Jahren, vor einer Reform-Ewigkeit. Und heute? »Das ist kein Studium mehr, das ist eine Ausbildung.«
Er sagt es nicht wie einen Vorwurf, eher wie eine Feststellung. Adamczak ist 22 und macht seinen Bachelor in Germanistik an der Universität Duisburg-Essen, einer der größten im Land mit mehr als 30.000 Studenten. Und wie Adamczak da sitzt, in der überfüllten Cafeteria mitten auf dem Beton-Campus in Essen, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht. »Sicher, es könnte weniger stressig sein«, sagt er, »aber ein bisschen Druck kann ich gebrauchen.« Plötzlich friert sein Lächeln ein. »Wobei ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu viel ist, dass ich kaputtgehe.«
Es ist paradox: Einerseits schwärmt Adamczak von den alten Zeiten, die er nicht erlebt hat, und leidet unter dem permanenten Druck; andererseits fühlt er sich an der heutigen Uni wohl. Dieses »Sowohl-als-auch«, dieses »Halbe-halbe«, wie Adamczak sagt, ist typisch für die zwei Millionen Studenten in Deutschland. Sie alle sind Teil eines gigantischen Feldversuchs: denn die Universitäten verändern sich in so rascher Folge wie seit Jahrzehnten nicht.
Seit den Reformen Wilhelm von Humboldts im frühen 19. Jahrhundert, so weit gehen manche Beobachter, hat es solche Umwälzungen nicht gegeben; nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht nach dem Sputnik-Schock, nicht nach 1968, nicht nach der deutschen Einheit. »Jetzt stehen die Reformen auf der Tagesordnung, die wir jahrelang nicht angegangen sind«, sagt der Germanist Wolfgang Frühwald, früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Wenn ein Student wie Adamczak die Broschüre einer deutschen Universität aus dem Jahr 1998 in die Hand bekäme, würde sie ihm von einer völlig anderen Institution erzählen als jener, die er heute kennt: Damals gab es Magister und Diplom, heute gibt es Bachelor und Master. Damals zahlten die Studenten niedrige Verwaltungsbeiträge, heute fallen zusätzlich bis zu 500 Euro Studiengebühren im Semester an. Damals waren die Hochschulen wie nachgeordnete Behörden, den Wissenschaftsministerien bis hin zur Bestellung von Tafelkreide Rechenschaft schuldig; heute sind viele selbstständig, etwa als Stiftungen mit einem starken Präsidenten an der Spitze. Damals war es, zumindest der herrschenden Meinung nach, egal, an welcher Hochschule sich die Erstsemester einschrieben; heute differenziert sich die Hochschulwelt in Elite-Unis und solche ohne Prädikat, in Fachhochschulen, die sich Universities of Applied Sciences nennen, in Privat-Unis und Unternehmenshochschulen.
Während die Befürworter der Reformen sie für unabdingbar halten, damit Deutschland auf dem weltweiten Bildungsmarkt mithalten kann, verurteilen Kritiker die Veränderungen als wirtschaftsfreundlich, ja neoliberal. Einig sind sich beide Seiten nur in einem: Die Reformen markieren das Ende der deutschen Universität. Denn die deutsche Universität gibt es tatsächlich nicht mehr. Oder, wie der Philosophieprofessor Walter Ch. Zimmerli, neuer Präsident der TU Cottbus, sagt: Wer von ihr rede, müsse das künftig im Plural tun. »Wir alle leiden am Erbe des Platonismus, die Vielheit auf die Einheit reduzieren zu wollen«, sagt Zimmerli. In einer Zeit, in der nicht mehr wie in den sechziger Jahren acht Prozent eines Altersjahrgangs studieren, sondern fast vierzig, muss es auch viele Typen von Universitäten geben.
Heute kann eine deutsche Universität darum so aussehen wie die von Daniel Adamczak: eine Uni, die eher Schule ist als Hochschule, mit fixem Stundenplan und ständig überprüftem Wissen. An der nicht das Ausmaß der Selbstfindung den Takt vorgibt, sondern der Blick auf die Gebührenrechnung.
Sie kann aber auch so sein wie die von Sina-Victoria Barysch. Barysch ist gerade 25 Jahre alt geworden, sie sitzt in einem Seminarraum am Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie, vom Gang gehen Labore ab, und während sie sich über die langen blonden Haare streicht, sagt sie Sätze wie: »Elite? Warum sollte ich mich nicht wohl dabei fühlen?« Barysch ist gewissermaßen die Elite der Elite, sie belegt den Integrierten Master- und Promotionsstudiengang Molekularbiologie und erforscht Transportwege in Rattenzellen. Der Studiengang ist Teil einer Graduiertenschule, wird getragen von der Uni Göttingen, die kürzlich im Elitewettbewerb zu den Siegern zählte, drei Max-Planck-Instituten, den elitärsten Forschungseinrichtungen, die diese Republik zu bieten hat, und dem Primatenzentrum. Barysch übersprang wegen exzellenter Leistungen die Masterarbeit und fing gleich damit an, an der Dissertation zu arbeiten.
Als der Studiengang im Jahr 2000 erfunden wurde, zeigte er als eine Art Prototyp, wie deutsche Universitäten es in Zukunft an die internationale Spitze schaffen sollen: Die Macher legten Englisch als Unterrichtssprache fest und rekrutierten Studenten aus der ganzen Welt. An 50 Orten weltweit fanden die Auswahlverfahren statt, etwa in Indien und China; erst gab es Tests vor Ort, etwa in Goethe-Instituten, die Besten wurden nach Göttingen eingeladen; wer zu weit weg wohnte, wurde per Videokonferenz von bis zu sechs Prüfern befragt. Zwei Drittel der Studenten stammen aus dem Ausland, viele aus Osteuropa.
Die Betreuung ist exzellent. »Die Kurse sind sehr klein, ich kann jederzeit mit meinen Professoren reden«, sagt Barysch.
Auch in Duisburg-Essen gibt es mittlerweile vier Graduiertenschulen, die allerdings nicht aus dem Exzellenzwettbewerb hervorgegangen sind, sondern von der DFG gefördert werden, dazu ein vom Land getragenes Forschungskolleg. Sie alle gehören zu dem Versuch, Exzellenz in einem Land zu etablieren, das von seinen Massenuniversitäten geprägt ist. Für Lothar Zechlin, den Rektor von Duisburg-Essen, gehört genau das zur komplizierten Wirklichkeit der deutschen Hochschulen. »Masse und Elite, das ist kein Gegensatz«, sagt er. »Wir brauchen die akademische Ausbildung für breite Bevölkerungskreise und, darauf aufbauend, Institutionen, die herausragende Talente verstärkt fördern und international ganz vorn mitspielen.«
Es ist womöglich der beste Beleg für den krassen Wandel, den Deutschlands Universitäten durchlaufen: Solche Sätze von dem Rektor einer Hochschule zu hören, die erst kürzlich unter Schmerzen aus den Unis in Duisburg und Essen entstand; die wegen weniger Absolventen mit immer weniger Geld auskommen muss und bei der Exzellenzinitiative leer ausging. Der Glaube an Wettbewerb und Eliteförderung ist offenbar selbst jenen ins Blut gegangen, die gemeinhin als die Verlierer des Neuanfangs gelten, selbst wenn sie, wie Zechlin, den Elitewettbewerb kritisieren.
Die Gewinner sehen das verständlicherweise anders – und schwärmen von den Bedingungen. In Baryschs Göttinger Studiengang führen sie schon die Anfänger an die Spitzenforschung heran. Das mag zunächst wie eine Selbstverständlichkeit klingen, ist aber in Deutschland immer noch die Ausnahme: In Göttingen wurde die strikte Trennung zwischen außeruniversitärer und universitärer Forschung überwunden, eine Forderung, die Experten schon seit Langem erheben.
Dichotom gesprochen, gab es in Deutschland lange Jahre chronisch unterfinanzierte Unis, die massenweise Studenten ausbilden sollten, während oft nur wenige Meter entfernt bestens ausgestattete Forschungsinstitute ein Heer von Eliteforschern beschäftigten. Beide Seiten beäugten sich streng. »Unser Studiengang war auch ein Experimentierkasten, um die Skepsis der Kollegen von außeruniversitären Einrichtungen zu überwinden«, sagt Steffen Burkhardt, der Koordinator des Studiengangs, »es gibt diese Unterscheidung faktisch nicht mehr.« Was vor einigen Jahren noch absolute Avantgarde war, wurde in der Exzellenzinitiative ein Hebel zum Titel »Elite-Uni« – in Aachen und Karlsruhe führte ein solches Konzept der Kooperation zum Erfolg.
Sina-Victoria Barysch und Daniel Adamczak, Göttingen und Duisburg-Essen, illustrieren, mit welch großen Fliehkräften sich die einzelnen Universitäten von dem entfernen, was einmal der Kern der deutschen Universität gewesen ist – oder in der Vorstellung breiter Teile der Öffentlichkeit gewesen sein soll. Als universitas magistrorum et scholarium war sie gestartet, als Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden; zum Beginn des 19. Jahrhunderts bildete sich aus, was hundert Jahre später als Humboldtsches Bildungsideal sprichwörtlich werden sollte: In Einsamkeit sollten Wissenschaftler forschen, in Freiheit sollten sie lehren und die Studenten lernen. Daraus verfestigte sich die Ansicht, dass die Ausbildung an den Hochschulen überall gleich gut und wertvoll sei – was sicher nie wirklich der Fall war.
Die Fixierung auf ein hehres Ideal ging dabei über viele Jahre an den Interessen der Studenten vorbei. In dem Maße, in dem die Hochschulen expandierten und neue Bevölkerungskreise aufnahmen, änderte sich auch die Zusammensetzung die Studentenschaft; viele Lehrende ignorierten das. Dabei sind die Absolventen von heute kaum vergleichbar mit den Akademikern der frühen Sechziger: Heute studiert nicht nur, wer Professor oder Anwalt, Lehrer oder Arzt werden will, sondern auch die PR-Assistentin oder der mittelständische Immobilienmakler. Doch die neuen Massen-Unis waren ohne Konzept, das Studium blieb, trotz aller vermeintlichen Reformen, im Grunde gleich: abgestimmt auf die Bedürfnisse jener acht Prozent Bildungsoberschicht, die vor vierzig Jahren studierten, untauglich für die Ausbildung von Massen, ihre Qualifizierung für den Arbeitsmarkt.
Der akademische Stillstand verband sich mit der hartnäckigen Weigerung der Politik, die Hochschulen angesichts des Ansturms von Erstsemestern mit den nötigen Geldern auszustatten. Die Folgen: Viele Studenten brachen ab, drehten eine Semesterrunde nach der nächsten, waren beim Abschluss im Schnitt fast 30 Jahre alt. Doch diese Bankrotterklärung wurde auch zum Gründungsdokument des Neuanfangs; der Elitewettbewerb und die Einführung des Bachelors sind zwei Seiten einer Medaille.
Jetzt endlich wollen die Universitäten beiden Gruppen gerecht werden: den paar Prozent jedes Altersjahrgangs, die heute so forschen können und wollen wie früher, und der großen Masse, die früher keine Chance auf ein Studium hatte, die heute aber eine fundierte akademische Ausbildung braucht, um einen guten Job zu finden.
Es wuselt auf der Reformbaustelle Universität, es kracht und knarzt, doch die Verunsicherung ist gewaltig, vielen fehlt die große Vision: Was ist das Ziel? Geben sich die Universitäten selbst auf, wenn sie für eine große Mehrheit der Studenten reine Ausbildungseinrichtungen sind und nicht mehr Ort der großen gesellschaftlichen Debatten von einst? Wie wird, wie soll die deutsche Universität, im Singular wie im Plural, aussehen in zehn Jahren, in 15, in 20? Hat der Germanist Frühwald recht, wenn er sagt, dass »die Mutter aller Reformen« noch bevorsteht?
Vielleicht kann es die eine große Vision auch gar nicht geben, vielleicht ist gerade ihr Fehlen Ausdruck der Entwicklung hin zur Vielfalt, die die Hochschulen hinter sich haben. Ideen indes, wie die Universität der Zukunft aussehen sollte, gibt es viele. Wolfgang Frühwald glaubt, die Einführung des Bachelors werde zwangsläufig zur Trennung in Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen führen. Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger prophezeit Universitäten, die den »verheißungsvollen, aber nicht einzulösenden Anspruch, alles gleich gut zu machen«, durch eine klare Fokussierung auf ihre Exzellenzbereiche ersetzen. Uwe Wesel, einer der letzten großen Linken der deutschen Universität, wünscht sich eine Universität, in der Lehre und Forschung im Gleichgewicht stehen, »ohne Projekte, Projektverbindungen, Sonderforschungsbereiche oder Exzellenzcluster, wofür zu viel Zeit bei Anträgen aufgewendet werden muss und hinterher noch mehr Arbeit erforderlich ist«.
Ganz gleich, wie die Universität der Zukunft aussehen wird, ihr Wandel ist nicht mehr aufzuhalten. Abends, bevor Daniel Adamczak den Zug zurück nach Oberhausen nimmt, diskutieren er und seine Kommilitonen manchmal noch über Adorno, Nietzsche und die Dialektik, und irgendwann klagt dann einer von ihnen darüber, dass sie viel mehr pauken müssen als die verbliebenen Magisterstudenten, die letzten Zeugen einer untergehenden Hochschulwelt. Die Bachelorstudenten dagegen müssen alles unter einen Hut bringen: Uni, Nebenjob, Privatleben. Und in der Regelstudienzeit fertig werden. Es ist nicht nur der Druck von außen, der sie treibt: Sie sind aufgewachsen in einer Zeit wirtschaftlichen Niedergangs, geprägt von der Angst vor Arbeitslosigkeit. Sie wissen, sie müssen sich anstrengen, um einen guten Job zu bekommen, und sie sind auch bereit dazu.
So fällt die Reform des Studiums, die Neudefinition dessen, was Universität heißt, zusammen mit einer neuen ehrgeizigen und zudem offenbar extrem unideologischen Studentengeneration: zwei Effekte, die sich gegenseitig bedingen und verstärken. Adamczak verlässt morgens um acht das Haus, und oft wird es neun oder zehn Uhr abends, bis er wieder daheim ist. »Ich komme kaum noch zu etwas anderem als Studieren«, sagt er. Sein Blick schweift über den nicht abreißenden Strom von Studenten, die sich mit einem Stück Kuchen eindecken, er grüßt eine vorübergehende Freundin, winkt dem Kumpel am Nebentisch – und lächelt. Da ist sie wieder, diese Mischung aus Kritik und Zufriedenheit. Dann sagt er, fast verwundert über sich selbst: »Die Uni ist mein Lebensmittelpunkt.«
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter
www.zeit.de/audio
- Datum 18.01.2008 - 08:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
- Kommentare 24
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








"Manchmal fragt sich Daniel Adamczak, wie es wohl früher gewesen sein muss..." bla bla bla bla bla...Die Reform ist schlecht, aber auch gut... Wir wissen nicht was passiert, aber wir werden sehen was die Zukunft bringt... Das Leben braucht Veränderungen... Wir müssen uns anpassen, wenn wir überleben wollen... BLA BLA BLA!!!Verdammt nochmal, was für lauwarme Schwachköpfe schreiben eigentlich für die Zeit??? Kein bisschen Feuer, nichts!!!
ich kann die Frage selbst beantworten: wahrscheinlich Elite-Journalisten oder?
... in Zeiten eines derart vielschichtigen Wandels Klarheit in einem Artikel zu schaffen, ohne an der Realität vorbei zu schreiben. Leider blieb bei dem Versuch keine Seite unangesprochen zu lassen und keine Möglichkeit auszuschließen ein interessanter Artikel zurück, der jedoch zumindest bei mir keine konkrete Struktur zurückgelassen hat.Sind Bachelor-Studiengänge wirklich eine Bildungschance für die breite Masse?Wo sie doch derart strikte und ausgedehnte Zeitvorgaben haben, die einen Nebenjob erschwehren und dann auch noch durch die Studiengebühren eigentlich zu mehr Arbeit zwingen?Sind Elite-Studiengänge nicht eher das, was ein Studium bisher generell war: die höchstmögliche Form der Bildung? Und staucht das nicht den Rest an Möglichkeiten nur zu einem Gradienten zusammen, der verschiedene Formen der Berufsausbildung erfasst, neuerdings eben auch an der Universität?Man Fragt sich jedoch, ob die Wissenschaft nicht auch von jenen profitieren kann, die nicht den Eliteanforderungen entsprechen. Nicht das eine solch scharfe Trennung von dem Artikel vorgenommen worden wäre. Sie scheint jedoch manchmal das Ziel der Veränderungen. Welchen Gesellschaftlichen Nutzen die "alte" Universität hatte werden wir vieleicht erst wieder entdecken, wenn es sie schon nicht mehr gibt.
Franziskarr38
Donnerstag ist Zeit-Tag: die Papierzeitung kommt. Was lese ich zuallererst: die LESERBRIEFE natürlich, die haben zumeist noch das "Feuer", das von "bspiesser" so sehnsüchtig im Beitrag von Hartung und Wiarda vermißt wird.
Recherchieren die Zeitleser besser und intensiver als die Journalisten ? Es sieht so aus, denn die Informationen, die in den meisten (?) Leserbriefen angeboten werden, sind vielfach wesentlich "genauer" und von größerem "Hintergrund" und Erkenntniswert als viele -zu viele- Beiträge in der ZEIT.
Diesmal: der Grass-Beitrag: der hat "Hand und Fuß", der ist "ordentlich" geschrieben, den mag man mit Vergnügen lesen, und der wirkt "nachhaltig" auf die "Stimmung". Da gab es doch tatsächlich einmal eine SPD...
Aber gab es denn auch einmal eine Universität, die ihrem Namen gerecht geworden ist ? Wie sah sie "genau" aus, was war tatsächlich "anders", und warum war sie womöglich viel "besser" als die "Schule" mit Bachelor- und Master"abschlüssen".
Wer mehr als drei Jahrzehnte an einer deutschen Universität gelehrt und den Wandel mitgemacht hat, der weiß, was "uns" längst verloren gegangen ist. Ob das Neue für die Zukunft von Relevanz sein kann, steht dahin. Aber eher ist wohl Schlimmes zu befürchten.
Der Artikel umgeht in seiner Darstellung einer Geisteswissenschaft und einer Naturwissenschaft elegant dem eigentlichen Problem des Bachelor/Master- und des "Exzellenz"-Prinzips im speziellen: wie der Artikel aufzeigt, gibt es schöne Dinge zu vermelden bei der Molekularbiologie und unschöne Dinge bei den Geisteswissenschaften.Dies ist für den Leser herauszulesen, der dann zu der oben genannten Wertung gelangen kann - ein Essay ist der Artikel insofern nicht, wie "bspiesser" klar herausgestellt hat ;-).Exemplarisch aber ist der Stil des Artikels für den Konsensualismus, welcher letzlich auch auf den Bachelor/Master zutrifft - als Geisteswissenschaftler ist die Vorstellung eines Bachelor in besagter Disziplin skuril, aber insgeheim wurde der Magister etc. auch für eine "Reform" aufgegeben, die keine ist, da das Kind nun nur einen neuen Namen trägt. Klar, vom Zaun brechen lässt sich nichts, aber Zeitgeist ist eben besagter Konsensualismus, der denn auch den Bachelor/Master weichspült und ferner auch diesen Artikel.Um ein Klischee etwas abzumildern: ich kenne die Stundenpläne von Bachelorstudenten aus Lehrerfahrung, jedoch ist es ein Trugbild, das universell alle Magister-/Lehramtsstudenten einen chronisch leeren Stundenplan haben, wie der Artikel träumerisch suggeriert. Wer sein Studium mit Interesse verfolgt, kann mindestens gleichziehen, oder dem Idealtypus des selbstständigen Lernens nachgehen, eine Fähigkeit, die demnächst abhanden kommen wird!"Uni, Nebenjob, Privatleben ...unter einen Hut bringen" mussten alle vorherigen Studenten auch, und das wie oben erwähnt, auch mit vollen Stundenplänen und eigener Lernarbeit - es ist ja nicht so, als sei dieses Problem erst mit den neuen Studiengängen entstanden.
schon doch sehr unterschiedlich gewesen. In den technischen Studiengängen gab es schon immer mehr Druck als in den Geisteswissenschaftlichen. Nach dem was ich so höre, ist der Druck jetzt wohl für alle sehr groß - schade, die andere Variante, weniger Druck für die, die zu viel davon aushalten müssen, und Beibehaltung der Verhältnisse bei den anderen Studiengängen, wäre für wirkliche "Bildung" wünschenswerter gewesen._________________________________________________________________
Bürger, sei wachsam!
schon doch sehr unterschiedlich gewesen. In den technischen Studiengängen gab es schon immer mehr Druck als in den Geisteswissenschaftlichen. Nach dem was ich so höre, ist der Druck jetzt wohl für alle sehr groß - schade, die andere Variante, weniger Druck für die, die zu viel davon aushalten müssen, und Beibehaltung der Verhältnisse bei den anderen Studiengängen, wäre für wirkliche "Bildung" wünschenswerter gewesen._________________________________________________________________
Bürger, sei wachsam!
Ja, es stimmt die deutsche Universität gibt es nicht mehr. Aber ist die "neue Universität" wirklich besser? Was ist denn das Versprechen der "neuen Universität"?Sie soll möglichst viele Studierende, möglichst schnell, möglichst praxisnah (berufsorientiert), möglichst gut, möglichst billig, möglichst international, möglichst breit, möglichst .... ausbilden und hochkarätige Forschungs- und Entwicklungsleistungen in Verbindung mit Handwerk und Industrie erbringen. Sicher fehlen hier noch ein paar "möglichst". Warum ich das schreibe, weil man daran sieht, dass es so gar nicht gehen kann. Wer auf allen Hochzeiten tanzen will macht nichts wirklich. Trotzdem sollte man mal einigen dieser Aspekte nachgehen.Es soll schneller studiert werden. Das kann man durch eine gute Strukturierung des Studiums unterstützen, aber sicher nicht dadurch, dass man willkürlich 3 Jahre als Obergrenze für ein Bachelor-Studium festlegt, ohne sich vorher zu überlegen, ob in 3 Jahren eine Berufsqulifizierung überhaupt möglich ist. Der 3-jährige Bachelor ist eine Erfindung europäischer Bürokratie. In den USA, so ich weiss auch GB dauert ein Bachelor 4 Jahre. In den Niederlanden gab es auch schon einen 4-jährigen Bachelor.Mal ganz zu schweigen von sonstigen internationalen Bachelors, die alles mögliche sein können.Hieraus leitet sich die nächste Frage ab, wie international ist denn nun dieser europäische Bachelor (so man davon überhaupt reden kann)? Die Auslandsaufenthalte, die bisher von Studierenden in der Regel im 3. oder 4. Studienjahr wahrgenommen wurden, kann es nicht mehr geben, dazu ist der Bachelor zeitmäßig zu kurz und fachlich zu überfrachtet. Einen problemlosen Wechsel mag es vielleicht von Hochschule zu Hochschule in Europa geben, aber sicher nicht von Land zu Land, was jeder weiss, der sich mit dieser Frage mal näher befasst hat. Selbst wenn jeder Bachelor/Master aus einem europäischen Land in einem anderen europäischen Land automatisch anerkannt wird, heißt dass noch lange nicht, dass das auch jeder Arbeitgeber so sieht. Außerdem beachte man, wenn man im europäischen Ausland eine Arbeit annimmt "das Kleingedruckte". Es kann böse Überrraschungen geben.Wie praxisnah ist der Bachelor? Jeder Arbeitgeber freut sich natürlich, wenn er "den" passenden Absolventen findet. Trotzdem herrscht in der Wirtschaft durchaus soviel Realitätsinn, dass man diesen optimalen Absolventen nicht erwartet, sondern einen fundiert breit ausgebildeten Absolventen, der sich in eine Vielzahl möglicher Arbeitsaufgaben in vertretbarer Zeit einarbeiten kann und auch noch den Anforderungen in 10 Jahren gewachsen ist. Wie der Bachelor dieser Aufgabe gerecht wird, kann man leider erst in einigen Jahren sagen und ich denke nicht, dass es dann Lobehymnen gibt. Warum? Nun, z.B. hat die Association of Civil Engineers in den USA den dortigen Bacholor für nicht berufqualifizierend erklärt. Auch haben amerikanische Elite-Universitäten, zunächst als Versuch, einen grundständigen Master eingeführt, d.h. die Studierenden erwerben nicht erst den Bachelor, sondern studieren sofort bis zum Master durch, man könnte das ja glatt Diplom nennen.Wie sieht es mit der "Wissensgesellschaft" aus? Ich glaube nicht, dass ein auf kurzfristigen Wissenserwerb ausgelegter Abschluss wie der Bachelor überhaupt eine Grundlage für lebenslanges Lernen sein kann. Irgendwie möchte die Politik ja, dass der Bachlor nur ein Einstieg ist und dann berufbegleitend qualifiziert wird, dass wird auch so sein, nur gibt es eigentlich gar keine Vorstellungen wie das konkret funktionieren soll. Was hat funktioniert? Es wird billiger für den Staat. Kurze Ausbildung = weniger Personal + Studiengebühren = weniger Geldausgaben. Die sogenannten Freiheiten der Universitäten beschränken sich heute darauf den Mangel zu verwalten, nichts anderes, wirkliche Freiheit ist das nicht. Zum Schluss, wenn ich meinen amerikanische Bekannten von diesen Reformen berichte, gibt es immer nur eine Reaktion: "Are you nuts!?"Wenn man schon auf Elite schielt, so wird Harvard sicher nie behaupten die modernste Universität sein zu wollen, sondern die beste! Harvard kann das schaffen.
Eigentlich wollte ich mich ja mit persönlichen Erfahrungen zurückhalten, kann mir es aber an dieser Stelle doch nicht verkneifen.Die Beispiele im Artikel über "die neue Universität" gehen weit an der Realität vorbei: Die Bacholorstudiengänge als attraktive Chance für die breite Masse? Das ich nicht lache. Ich habe es doch während meines Diplomstudiengangs erlebt, als ich damals als studentischer Vertreter im Fachbereichsrat saß. Die Bacholor wurden übergestülpt. Von den Professoren wollte keine diese Studienform habe. Aber man musste sich irgendwie an die Vorgaben halten. Also nahm man die Vorgaben 1:1, vergaß alle Vorteile und Erfahrungen der "deutschen Universität" und bastelte irgendeinen Mist zusammen, der vollgestopft mit Prüfungen und dergleichen war, aber keineswegs berufsbefähigend. Die Master hingegen wurden gehegt und gepflegt. In den Bacholor-Studiengängen fing man sofort an zu streichen (da konnten 4 studentische Vertreter leider nicht viel machen) und schon war die Vielfalt (eines der bis dato Aushängeschilder meiner damaligen Fakultät) dahin.Mittlerweile habe ich zusätzlich einen Master in Großbritannien gemacht. Der hat zugegebenermaßen nur einen Bruchteil der Zeit meines Diplomstudiengangs in Anspruch genommen und war auch teuer genug. Schon pervers eigentlich, dass ich in einem Jahr einen gleichwertigen Titel wie während meiner Diplomzeit erworben haben soll ....Schlecht war das studieren in GB auch nicht, nur vollständig anders.Festgestellt habe ich, dass ich an der deutschen Uni mehr gelernt habe. Ich war wissensdurstig und nicht alles, was ich aufgenommen habe, war auch tatsächlich bis zum Diplom notwendig. Und das sollte doch in einer Universität wichtig sein. Es geht um Wissen und Forschung. Das dauert ein paar Jahre länger und ist ineffizient, kostet zu viel? Na und?In der britischen Uni hatte ich nie das Bedürfnis nach mehr Wissen. Das Programm wurde abgespult und ich war froh, als es vorbei war. Der vorgegebene Plan wurde nach und nach von mir abgehakt und irgendwann war es vorbei und ich hatte den Titel. Hätte dieser Titel alleine (ohne meine deutsche Universitätsausbildung zuvor) etwas gebracht? Nein! Ich wäre ahnungslos früh fertig gewissen und hätte meine Lehrgeld bei der Arbeit und beim freuen Steuerzahlen zahlen müssen .....Insgesamt möchte ich das anglophone System nicht pauschal verurteilen, es ist nicht schlecht. Nur ist es grundsätzlich verschieden, ganz anders.Ob die Kopie dieses Systems auch in Deutschland von Erfolg gezeichnet sein wird, wird sich zeigen.Schade finde ich nur, dass das die "alte deutsche Universität" gestorben sein wird, alles, was gut war (das war sehr viel und das habe ich nun im Nachhinein erkannt) wird in Vergessenheit geraten und zurückgelassen .... und das ist sehr sehr schade, denn irgendwie war es doch einzigartig (egal ob das nun wirtschaftlich ist oder nicht).
Naja, wenn man sich die journalistische Historie des Herrn Hartung mal gibt (Google ist dein Freund), dann stellt man schnell fest, dass er sich schon in der Vergangenheit mit inhaltslosen, klischeeüberladenen und realitätsfernen Artikeln und einem Buch über das deutsche Universitätswesen hervorgetan hat. Wohlfühljournalismus eben. Irgendwo müssen ja Klicks herkommen, das Marketing muss laufen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren