Der Bauzaun, der das Olympiagelände im Norden Pekings umfasst, ist ganz aus blauem Blech. Dahinter wird auch in klirrender Kälte gearbeitet. Davor spähen fröstelnd Schaulustige durch Zaunritzen. Einer von ihnen ist Wang Xiaoshan. Der 40 Jahre alte Regimekritiker trägt eine schwarze Wollmütze und einen dicken Anorak. Wang ist einer der bekanntesten chinesischen Blogger. Bis zu seinem Hinauswurf wegen allzu frecher Essays war er Feuilletonchef der wichtigsten Pekinger Tageszeitung, der Neuen Pekinger Zeitung . Danach heuerte bei der chinesischen Ausgabe des US-Sportmagazins Sports Illustrated an. An diesem kalten Wintertag macht er seinen ersten Olympiaspaziergang.

Wang will eine Ahnung dafür bekommen, welches Spektakel die Regierung der Kommunistischen Partei (KP) im Olympiasommer der Weltöffentlichkeit bieten will. Er erwartet, dass die KP mit Olympia versuchen wird, ihre Öffnungspolitik ohne Demokratie fortzuschreiben. Als sich die KP 1993 um die Ausrichtung der Spiele bewarb, sei es ihr allein um die Wiedergutmachung des Tiananmen-Massakers von 1989 gegangen, sagt Wang. Heute seien die Motive der KP vielfältiger, aber im Kern ähnlich: Olympia in China solle das Gute des Landes zeigen und das Schlechte vertuschen. Aber bevor er zu schnell urteilt, möchte er sich erst das neue Olympiastadion anschauen. Darauf hat ihn sein Freund Pan Caifu gebracht, er ist Kulturkritiker bei Wangs ehemaliger Zeitung. Er sieht das Stadion als Symbol für die Entpolitisierung der chinesischen Öffnungspolitik. Es sei sanft, geschmeidig, interessant und menschlich, nicht schwer und imposant, vielmehr leicht wie eine Kinderwiege, schreibt Pan in seinem Blog. »Das neue Stadion erweckt so viel Fantasie, dass es nicht mehr politisch ist.«

Wang hat das Stadion noch nie gesehen . Er späht durch die Ritzen des Bauzauns – ohne Erfolg. Er läuft den kilometerlangen Zaun ohne Tor entlang. Da öffnet sich plötzlich die Blechwand. Ein Bauarbeiter tritt hinaus. Er lässt Wang passieren. Der stiefelt durch eine mit Fäkalien übersäte Baugrube und hält sich die Nase zu. Er hebt den Kopf und staunt. Vor Wang erhebt sich das »Vogelnest«, so lautet der Spitzname des neuen Stadions, dessen Stahlträger sich wie die Äste eines Vogelnestes um die Tribünen winden. »Einfach schön«, ruft er aus. »Der Baustil gefällt mir. Er ist lebhaft und fließend.« Wang will es nicht für möglich halten: Das Stadion sei noch schöner als die Allianz-Arena in München. »Hier wird es im Sommer von Menschen wimmeln, die Alten mit ihren Kindern, die Händler mit ihren Lammspießen«, sagt Wang. Den Platz rund um das Stadion hält er für größer als den Tiananmen-Platz in Peking. »Je größer, desto besser für die Panzer«, sagt er ironisch mit Anspielung auf das Massaker. Doch dann korrigiert er sich: »Hier wird die Atmosphäre lockerer und nicht so bedrückend wie auf dem Tiananmen-Platz sein.«

Wang ist hin- und hergerissen. Begeistert zückt er die Kamera, fotografiert das Stadion von allen Seiten. Nicht für die Zeitung, sondern für sich privat. Eigentlich, sagt Wang, hasse er Olympia. Am Ende werde die KP aus den Spielen ein nationalistisches Propagandaspektakel machen. Für die Partei sei Olympia nichts anderes als das, was Brot und Spiele für die römischen Kaiser waren, sagt Wang. Es ginge nur darum, das Volk vergessen zu lassen, was die Herrschenden tun.

Er schaut sich die vielen Bauarbeiter rund um das Stadion an. Sie hocken auf Eisenpfeilern in der Luft und schweißen die Vordächer. Sie rollen auf Schubkarren einzeln die schweren Bordsteine herbei. Man müsse an diese Arbeiter denken, fordert Wang. Sie schufteten täglich zehn Stunden für hundert Euro im Monat. Sie wohnten mit dreißig Kollegen in einer Hütte am Stadtrand. Es reiche nicht, das Stadion zu bewundern, man müsse vielmehr überlegen, wie diese Leute sich abrackerten, redet Wang sich in der Kälte warm. Doch die Arbeiter wirken stolz und zufrieden, wenn man sie anspricht. Viele von ihnen tragen Atemschutz. Aber keiner sagt, es sei wegen der schlechten Pekinger Luft, die dem Olympischen Komitee noch immer Sorgen bereitet. Nein, die Arbeiter stört nur der Baustaub oder ihr eigener Husten. »Die sind alle total patriotisch«, schimpft Wang.

Aber bedeutet das, dass die Strategie der KP aufgeht? Sind die Chinesen olympiabegeistert und freuen sich über die Olympiavorbereitungen, die, abgesehen von der Luftverschmutzung, bislang fehlerfrei verliefen? »Hightech-Spiele, grüne Spiele, humanistische Spiele« lautet das Olympiamotto. Doch Wang berichtet von Umfragen seines Magazins unter den Bauarbeitern des Stadions, den Wanderarbeitern aus fernen Provinzen. Die meisten von ihnen würden nicht einmal den Hürdenläufer Liu Xiang kennen. Statt für Chinas bekanntesten Athleten und Goldmedaillengewinner hätten viele seinen Namen für den eines Popsängers gehalten.

Das Beispiel ist aufschlussreich. Viele Pekinger, die über die Neujahrszeit ihre alte Heimat in der Provinz besuchen, berichten nach der Rückkehr, dass unter Freunden und Verwandten außerhalb der Hauptstadt das Interesse an Olympia gering sei. Zumal jetzt alle mit der schnell steigenden Inflation ein Thema hätten, bei dem sie heftig auf Peking schimpften. Es ist also noch gar nicht gesagt, ob für die Partei im Olympiajahr alles so läuft, dass sie am Ende als großer Sieger dasteht. Wang bezweifelt das sowieso. Man werde die Menschen nur im Fernsehen jubeln sehen, sagt er. In Wirklichkeit gebe es viele Opfer der Spiele. Er geht vom Stadion einige Hundert Meter nach Westen zur neuen olympischen Schwimmhalle, dem sogenannten Wasserwürfel. Das futuristische Gebäude hat lichtdurchlässige Wände, ist außen komplett dunkelblau, drinnen aber scheint Tageslicht. »Hier«, sagt Wang, »stand ein großes Wanderarbeiterdorf, das ohne jede Entschädigungszahlung abgerissen wurde.«