Vierhändige Klaviermusik des 19. Jahrhunderts wirft in der Regel keine großen Schatten: Harmlose Gebrauchsmusik war sie zumeist, gedacht für höhere Töchter und die beschauliche Atmosphäre des biedermeierlichen Salons. Was immer den schönen Schein des bürgerlichen Lebensglücks trüben mochte, die Hausmusik gehörte in der Regel nicht dazu. Franz Schuberts späte, ein halbes Jahr vor seinem Tod vollendete, f-moll-Fantasie für Klavier zu vier Händen wirkt in diesem behaglichen Umfeld wie eine Drohung. Sollte Schubert das Stück für den Salon komponiert haben, dann lauert unter dessen Dielenboden ein Abgrund. Alfred Brendel entdeckte seelische Katastrophen in den drei gleichfalls im Todesjahr 1828 entstandenen Klaviersonaten, er schrieb von der "Panik der Ausweglosigkeit" in der c-moll-Sonate und den "fiebernden Heimsuchungen des Grauens", die das Andantino der A-Dur-Sonate einschwärzen.

Ähnlich ließe sich über die Fantasie reden. Vom ersten Takt an kreist dieses wahnwitzige Stück in einem Meer der Hoffnungslosigkeit, und nach jeder der raren Dur-Aufhellungen versinkt es tiefer darin. Die Widmung an die ehemalige Schülerin Caroline Esterházy, in die Schubert sich Jahre zuvor hoffnungslos verliebt hatte, verrät nichts Gutes. Auch dass die ersten Takte an Barbarinas Cavatine über die verlorene Nadel "L’ho perduta" aus Mozarts Figaro erinnern, ist kaum ein Zufall. Man mag sich noch so vehement dagegen wehren, die biografische Situation eines Künstlers für die Deutung seiner Musik heranzuziehen, aber die f-moll-Fantasie erzählt tatsächlich mit beklemmender Unmittelbarkeit von der Verletzlichkeit und Verletztheit einer Seele. Sie schreit die Einsamkeit und die panische Suche nach menschlicher Nähe geradezu heraus.

Die Schwestern Katja und Marielle Labèque tun das ihre dazu, um diesen Eindruck zu verstärken. So offen, brutal und zugleich sensibel in den resignativen Zwischentönen wie auf ihrer jüngsten CD, ist Schuberts Verzweiflung selten ausgestellt worden. Sie machen deutlich, wie das Fugato am Schluss der Fantasie vergeblich versucht, die dämonischen Fratzen zu bannen, die strenge Form sich stattdessen fast manisch zur Raserei entfesselt und schließlich ins Bimmeln des Totenglöckleins treibt. Die Labèques lassen darauf Schuberts Andantino varié folgen, als verloren in sich kreisende Miniatur, die das pathetische Aufbegehren der Fantasie ins Zerbrechliche und Selbstvergessene überführt. Mozarts große D-Dur-Sonate für zwei Klaviere KV 448 wiederum schlicht sich verhalten virtuos in wunderbar trockener Transparenz an: Sie wird zum Satyrspiel nach der nachtschwarzen Schubertschen Tragödie. Die leisen, nachdenklichen Zwischentöne des Mittelsatzes klingen in solcher Stückabfolge wie das ferne Echo des vorangegangenen romantischen Gefühlsdesasters – obwohl sie doch eigentlich ein Vorgriff Mozarts auf Schuberts Empfinden sind.

Nur ein Mozart-Finale vermag derart himmlisch davon zu erzählen, dass das Leben zwar hoffnungslos, aber nicht ernst ist. Man braucht so etwas am Ende dieser großartigen, verstörenden CD.

Katia und Marielle Labèque: Franz Schubert, Fantasie f-moll D 940, Andantino varié h-moll D 823; Wolfgang Amadeus Mozart, Sonate für zwei Klaviere D-dur KV 448; KML Recordings 1117/harmonia mundi

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