Die Untersuchungsergebnisse Fends und seiner Arbeitsgruppe bestätigen, was selbstkritische Gesamtschulreformer schon zu Beginn der 1970er Jahre begriffen hatten: Wenn Gesamtschulen mehr "Bildungsgerechtigkeit" schaffen wollen, dann genügt es nicht, die alte Dreigliedrigkeit durch eine Fachleistungsdifferenzierung zu ersetzen - es kommt darauf an, eine pädagogische Praxis zu entwickeln, die sich insbesondere die Lern- und Leistungsförderung sozial und kulturell benachteiligter Kinder und Jugendlicher zur Aufgabe macht. Was das didaktisch und organisatorisch bedeutet, lässt sich mittlerweile auch hierzulande an zahlreichen Gesamtschulen der zweiten Generation studieren, die sich fundamental von den hessischen Gründungen der ersten Generation unterscheiden.

Ich halte es daher für unzulässig, pauschal von "der" Gesamtschule zu reden und ihr vorzuwerfen, sie habe "unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems" erreicht.

Prof. em. Hans-Georg Herrlitz Universität Göttingen

Ich möchte auf etwas hinweisen, was im Artikel nicht angesprochen und vielleicht auch in der Studie nicht berücksichtigt wurde: Die hessischen Gesamtschulen enden mit der 10. Klasse! Sie haben also gar keinen unmittelbaren Einfluss auf den schulischen Weg der Jugendlichen zum Abitur und den Übergang zum Studium. Dieser Sachverhalt scheint mir besonders beachtenswert, da Fend selber ja anerkennend betont: "Solange die Schule (= Gesamtschule) intern agieren kann, also die Kinder und Jugendlichen beisammenhat und sie nach Leistungen gruppiert, kann sie die soziale Selektivität durchaus reduzieren."

Es würde sich also lohnen, eine Studie aufzulegen, die die Wirkung von Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe bis zum Abitur auf die soziale Selektivität untersucht. Bis dahin ist Skepsis im Hinblick auf die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Fends Untersuchungen in Hessen weiter angebracht.

Ich bin aus eigener Erfahrung von 20 Jahren als Leiter einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe fest davon überzeugt, dass eine solche Studie, zum Beispiel in Dortmund und Umgebung, andere Ergebnisse bringen würde.

Anderseits kann ich nur bestätigen, dass der Einfluss des Elternhauses nach dem Ende der Schulpflicht auf dem Weg zum Abitur oder zum Studium sehr hoch bleibt. Jahr für Jahr habe ich bei unseren Abschlussfeiern für die 10. Klassen hoch dankbare Eltern erlebt, die ihrer großen Freude Ausdruck gaben, dass die Gesamtschule ihr Kind bis zur Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe als Schulabschluss gebracht hat, für die es aber aufgrund ihrer eigenen sozialen Herkunft und ihres Bildungshintergrundes völlig ausgeschlossen blieb, ihren Sohn oder ihre Tochter die Schule weiter bis zum Abitur besuchen zu lassen.