Kino Wenn die Träume wie Drachen fliegen
Khaled Hosseinis Afghanistan-Roman »Der Drachenläufer« war ein Welterfolg. Marc Forsters eindrucksvolle Verfilmung zeigt das Land jenseits aller Kriegsklischees.
Wer wünschte sich das nicht? Irgendwann kommt ein Anruf, und eine vertraute Stimme am Telefon sagt: »Es ist Zeit, du kannst es wiedergutmachen!« Wer träumte nicht von einer zweiten Chance in seinem Leben? Der junge Schriftsteller Amir bekommt sie. Sein väterlicher Freund Rahim Khan ruft ihn aus dem pakistanischen Peschawar an: »Komm nach Hause, Amir. Es ist Zeit. Du kannst es wiedergutmachen!«
Der junge Autor Amir, der gerade Exemplare seines ersten Buches aus einem Karton auspackt, macht sich ohne Umschweife auf den Weg. Er lässt San Francisco zurück, wo er einen großen Teil seines Lebens verbracht hat, seine Frau, die er liebt, das Land, in dem er zum Schriftsteller wurde. Er lässt alles hinter sich, ohne zu wissen, was ihn erwartet. »Es ist Zeit… komm nach Hause!« – dieser Satz reicht aus. Amir fährt zurück nach Afghanistan, in das Land, in dem er geboren wurde und das er als Zehnjähriger auf der Flucht vor den Sowjets verlassen musste. Dort hatte er Schuld auf sich geladen, dort will er Erlösung finden.
Als Khaled Hosseini den Roman Der Drachenläufer 2003 veröffentlichte, rechnete kaum einer damit, dass dieses Buch zu einem großen Erfolg werden würde. Afghanistan war das Sinnbild für Krieg, Armut und Terror. Der Drachenläufer aber wurde zu einem Weltbestseller. Acht Millionen Exemplare wurden von dem Buch bis heute verkauft, es ist in 34 Sprachen übersetzt. Jetzt kommt Der Drachenläufer als Film in die deutschen Kinos. Für Marc Forster, den Regisseur, war es Liebe auf den ersten Blick. »Das Lesen des Buches war eine so emotionale und schöne Erfahrung, dass ich sofort wusste, hier dabei sein zu wollen!«
Afghanistan wurde der Welt allerdings nicht von der Literatur und auch nicht vom Kino neu erschlossen, sondern von al-Qaida. Die Terrororganisation hatte das Land zu ihrer Operationsbasis gemacht. Als die USA Afghanistan bombardierten und das Regime der Taliban stürzten, tauchte es aus der Versenkung auf. Über ein Jahrzehnt lang war das Land praktisch vom westlichen Radarschirm verschwunden. Nur besondere Grausamkeiten der Kriegsherren und der Taliban schafften es in die Schlagzeilen. Die Sprengung der riesigen Buddha-Statuen in Bamian durch die Taliban war so eine Nachricht, die Hinrichtung von Frauen im Stadion von Kabul eine andere. Afghanistan, das blieb alles in allem ein dunkler Fleck auf der Landkarte. Im Herbst 2001 wurde es in die westliche Öffentlichkeit zurückgebombt. Und wieder erschien Afghanistan so, wie es dem Medienkonsumenten sattsam bekannt ist, voller Krieg und voller Leiden. Afghanistan gerann zum Klischee.
Amir wuchs im Kabul der siebziger Jahre auf. Die Hippies, die nach Indien aufbrachen, kamen damals scharenweise in die Stadt. Sie genossen die Gastfreundschaft der Afghanen, schliefen auf Dächern unter dem sternenklaren Himmel, ließen sich berauschen von der Schönheit des Landes und vom Schwarzen Afghanen, dem besten Kraut, das es zu rauchen gab. Kabul war von einer schwebenden Leichtigkeit erfüllt, die einem heute unwirklich vorkommt. In Kabul soll ein gewisser Baba, in knallige karierte Sakkos gekleidet, mit seinem Sportwagen durch die Altstadt gerast sein wie ein Playboy über die Pisten von Monaco? Das war möglich? Ja, das war möglich.
Marc Forster hat dieses untergegangene Kabul in schönen, unaufdringlichen Bildern eingefangen. Manchmal glaubt man sogar, diese Stadt hat gar nicht anders sein können, so leichtfüßig und gleichzeitig von lyrischer Kraft wird sie uns präsentiert. Es gibt dafür kein besseres Symbol als die Flugdrachen, die hoch über den Dächern Kabuls gegeneinander kämpfen, getragen von der Leidenschaft, den Träumen und dem Siegeswillen der Jungen Kabuls. Im Film fliegt man mit den Drachen über dem verschneiten Kabul, und wie jede Stadt, wie jede Landschaft, die man von oben betrachtet, wird auch Kabul, wird auch Afghanistan spektakulär. Nicht weniger aufregend für den Zuschauer ist, was sich in den Straßen abspielt. Da sitzt Baba in seinem karierten Sakko auf dem Balkon eines klassischen afghanischen Teehauses und feuert seinen Sohn Amir an, der mitten unter Jungen steht, deren Eltern bestimmt noch nie ein Sakko getragen haben. Die optische Gleichzeitigkeit von Babas eigenwilligem Siebziger-Jahre-Stil und dem traditionellen Afghanistan wirkt auf den Zuschauer, der Afghanistan vor allem aus den Medien kennt, frappierend.
Es ist kein geringer Verdienst des Films, dieses verschollene Kabul in all seiner spektakulären Normalität zu zeigen. Denn selbst wenn sie es wollten – Filme über Afghanistan entkommen aktuellen politischen Fragen nicht: Was macht der Westen in diesem Land? Warum führt die Nato dort einen Krieg? Gegen wen eigentlich? Wozu und warum stehen deutsche Soldaten am Hindukusch? Die Antwort findet man im Drachenläufer . Weil es ein Afghanistan gab, in dem Männer wie Baba in Sportwagen herumkurvten und ihren Söhnen sagten, dass sie »auf die Bärte der Mullahs pissen«. Weil dieses Afghanistan keine Gefahr für den Westen war. In einer Szene faltet Baba nach der Lektüre die Zeitung zusammen und sagt zu Amir: »Die Mullahs wollen unsere Seelen beherrschen, und die Kommunisten sagen, wir haben keine!« Er macht eine Pause, und dann: »Ach, was viel wichtiger ist: Im Kino läuft El Cid! Wollen wir hin?« Dieses Afghanistan musste niemand fürchten.
Die Versuchung ist groß, den Film allein vor dem Hintergrund politischer Aktualität zu lesen. Selbst sein epischer Kern, die Geschichte von Schuld und Erlösung, lässt sich metaphorisch übertragen auf die internationale Politik. Schuld trägt der Westen, weil er die afghanischen Mudschahedin bis auf die Zähne bewaffnet hat, als es darum ging, den Sowjets im Kalten Krieg eine Niederlage beizufügen; Schuld trägt der Westen, weil er die Augen vor dem fundamentalistischen Charakter der Mudschahedin nicht nur verschloss, sondern den Fundamentalismus nach Kräften förderte und das afghanische Volk nach dem Sieg über die Sowjets mit den blutrünstigen, machthungrigen Gotteskriegern allein ließ. Der Verrat hatte seinen Preis. Die Attentate vom 11. September wurden aus Afghanistan gesteuert. Das war der blutige Weckruf aus einer vergessenen Vergangenheit. Nicht wenige Politiker beschreiben die militärische Intervention in Afghanistan in einer seltsamen Pervertierung des Wortes als »Wiedergutmachung«, so als könnte man sich von eigener Schuld befreien, indem man Bomben wirft. »Diesmal werden wir euch nicht mehr allein lassen!« – das hören die Afghanen immer und immer wieder.
Es ist auch Amirs Gedanke, als er aus den USA aufbricht, um Rahim Khan zu treffen: Diesmal laufe ich nicht weg. Als Zehnjähriger lief er davon, als sein Freund und Diener Hassan vergewaltigt wurde. Hassan ist der Drachenläufer. Wenn Amir einem gegnerischen Drachen im Kampf das Seil durchtrennt, läuft Hassan los, um die Siegestrophäe zu holen. Er weiß immer, wo der abstürzende Drachen landen wird. Er ist der beste Drachenläufer Kabuls. Hassan tut alles für Amir, bis hin zur Selbstverleugnung.
»Ich würde Dreck fressen, wenn du es von mir verlangst!«, sagt Hassan zu Amir.
»Würdest du das wirklich tun?«, fragt Amir.
»Ja, aber würdest du das auch von mir verlangen?«
»Bist du verrückt!«
Später wird Amir aber noch viel mehr von Hassan verlangen, als Dreck zu fressen. Hassan wird es ertragen, denn er versteht unter Freundschaft unverbrüchliche Treue über jede Demütigung hinweg. Hassan und sein Vater Ali sind Diener im Hause Babas. Hassans Familie gehört zu den Hasara, die als Schiiten eine unterdrückte Minderheit bilden. Hassan kann weder lesen noch schreiben.
Amir, der Hassan verraten hat, kann Hassan nicht mehr unter die Augen treten, darum tut er alles, um ihn aus dem Haus zu treiben. Das gelingt ihm schließlich mit einer Lüge. Allerdings ist es Hassans Vater, der die Entscheidung trifft, zusammen mit seinem zehnjährigen Sohn zu gehen, nachdem sie des Diebstahls beschuldigt wurden. Ali und Hassan sind Diener, aber sie sind frei. Amir glaubt, seine Schuld los zu sein, doch das Gegenteil ist wahr, er lädt noch größere Schuld auf sich. Das wird er erst viele Jahre später erfahren, erst als er seinen alten Freund Rahim Khan in Peschawar trifft und dieser ihn bittet, nach Afghanistan zu fahren, um einen Menschen zu retten.
Marc Forster hat lange nach den Darstellern für die Jungen Amir und Hassan gesucht. Schließlich ist er in Kabul fündig geworden. Eine bessere Wahl für das zentrale Paar des Films hätte er kaum treffen können. Zekiria Ebrahimi verkörpert scheinbar mühelos das Zerbrechliche wie das Verschlagene Amirs, und ebenso leicht wechselt er zwischen seiner kindlichen Verträumtheit und bösartigen Hinterlist. Ahmad Khan Mahmoodzada seinerseits spielt Hassan mit einer Mischung aus Stoizismus und überbordender Lebensfreude. Beide Jungen standen noch nie vor einer Kamera. Doch wenn sie im Film unter einem Granatapfelbaum sitzen und Amir dem leseunkundigen Hassan vorliest, was er in den Stamm des Baumes geritzt hat – »Hier steht: ›Amir und Hassan. Die Sultane von Kabul!‹« –, dann glaubt man den beiden ihre Liebe und ihre Freundschaft aufs Wort.
Wäre die Besetzung im Drachenläufer nicht gelungen, hätte sich die Kulisse Afghanistan noch weiter in den Vordergrund geschoben und die Geschichte verdeckt. Afghanistan nämlich kann von derartiger Wucht sein, dass es Schauspieler an die Wand drückt. Marc Forster aber balanciert Protagonisten und Landschaften klug aus. Das Individuelle geht nie verloren in der kollektiven Tragödie Afghanistans. Der Drachenläufer ist universell, er berührt uns alle und ist doch durch und durch afghanisch. So wie Baba, der wie kein anderer im Film das säkulare Afghanistan repräsentiert.
Als die Sowjets 1979 einmarschieren, flüchtet Baba mit Amir. Bevor die beiden auf ihrem letzten Stück Weg über die Grenze nach Pakistan in das Innere eines Tanklastwagens steigen müssen, kratzt Baba etwas Erde zusammen und legt sie in ein kleines silbernes Etui. In Amerika wird sich der stolze Baba als Verkäufer an einer Tankstelle durchschlagen. In der Nacht seines Todes wird er dieses Etui hervorholen und es küssen, als Beweis für das Einzige, an das er glaubt: Afghanistan.
Zu diesem Zeitpunkt hat er sich mit seinem Sohn Amir schon versöhnt, den er geliebt und gleichzeitig doch verachtet hat. Denn Amir ist nicht nach seinem Sinne geworden, zu verträumt, zu weich, zu nachdenklich. Als Amir sein Medizinstudium abschließt, feiert Baba mit ihm in einer Bar. Er lädt wildfremde Menschen zum Trinken ein und ruft: »Mein Sohn hat heute sein Studium abgeschlossen. Er ist Arzt!« Da teilt ihm Amir mit, dass er Schriftsteller werden will. Baba schüttelt verächtlich den Kopf und ruft in die Runde: »Habt ihr gehört?! Mein Sohn will Schriftsteller werden! Aber er ist doch Arzt!! Was soll das?«
Erst als Baba unheilbar an Krebs erkrankt, findet er zu Amir. Und es wäre nicht Afghanistan, wenn nicht auch dieser Weg der Versöhnung durch und durch nach alter Tradition beschritten würde. Baba hält für Amir bei dem ebenfalls exilierten General Taheri um die Hand der Tochter an, so wie es sich gehört. Schon schwer vom Krebs gezeichnet, steigt er allein die wenigen Stufen zum Haus Taheris hinauf. Die Szene gibt eine Ahnung davon, wie das eiserne Festhalten an überkommenen Regeln es den Afghanen ermöglicht hat, als Gesellschaft mehr als drei Jahrzehnte Krieg zu überleben. Baba weiß immer, was sich gehört und was nicht. So einer ist überlebensfähiger als einer, der zweifelt.
Die Fähigkeit durchzuhalten ist gleichzeitig auch ein Ausdruck von Borniertheit. An Beispielen dafür fehlt es im Film nicht. Einen Arzt russischer Abstammung stößt Baba von sich. Für ihn bleibt ein Russe immer ein Russe, auch wenn schon der Urgroßvater aus Russland ausgewandert ist. Und General Taheri bewacht seine Tochter nach afghanischer Tradition wie ein Schäferhund. Er beißt jeden, der sich ihr ungebührlich nähert. Marc Forster zeigt die afghanische Exilgemeinde in den USA als liebenswerte, doch erratische und irritierend konservative Gemeinschaft – unbeugsam, aber auch unbelehrbar.
Amir wächst in dieser Spannung zwischen afghanischer Tradition und amerikanischer Moderne auf. Zwischen den eigenen Zweifeln und den Gewissheiten des Vaters findet er seinen eigenen Weg. Er heiratet die Frau, die er liebt, er schreibt Bücher, so wie er es sich erträumt hat. Die Erlösung aber findet er erst in Afghanistan, in dem Land, das zu einem Synonym des Schreckens geworden ist.
Wie es Rahim Khan von ihm verlangt, kehrt Amir zurück nach Kabul, um seine Schuld zu tilgen. Die Reise ist lebensgefährlich, denn die Taliban sind an der Macht. Das farbenfrohe Kabul, das wir im ersten Teil des Films gesehen haben, gibt es nicht mehr. Kabul ist eine Ansammlung von Häusern, keine Stadt; ein Ort, an dem der Tod regiert. Seltsamerweise wirkt dieses Kabul im Film unglaubwürdiger, konstruierter als das Film-Kabul der siebziger Jahre. Wahrscheinlich liegt es daran, dass jeder von uns schon Bilder der Stadt unter den Taliban im Kopf hat. Hier muss sich der Film mit dem messen, was wir aus den Medien in den letzten Jahren aufgesogen haben.
Der erwachsene Amir, der von dem ägyptischstämmigen Khalid Abdalla verkörpert wird, trifft am Ende Assef, den notorischen Schläger, der Hassan vergewaltigt und später bei den Taliban eine große Karriere gemacht hat. Dieses Zusammentreffen ist der dramatische Höhepunkt des Films. Denn Assef hatte Hassan misshandelt, und Amir hatte es schweigend zugelassen. Doch diesmal weicht Amir nicht der Gewalt, diesmal kämpft er. Er weiß, dass es um seine Befreiung geht.
- Datum 17.01.2008 - 05:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
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Es muss ein sehr aufwühlendes Buch sein und ein ebenso guter Film. Schon die Zeilen in dem Artikel haben mir die Tränen in meine Augen geholt. Ich bin ebenfalls als 10 jähriger aus diesem einsamen Land geflohen unter der Herrschaft der Sowjetunion.....Scheiss auf die Mullahs.
ein wunderbarer Film, ich sah ihn schon!
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