Deutsche Geschichte Ein General im Zeitalter der Extreme

Kühn oder konfus? In seinem neuen Werk beschäftigt sich der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger mit dem Reichswehroffizier Kurt von Hammerstein und seiner Familie. Dabei ist ein Buch entstanden, das zur Kontroverse Anlass gibt - PRO

Dies ist »kein Roman«, schreibt Hans Magnus Enzensberger im Nachwort zu seinem kühnsten Werk seit Jahren. Wäre es einer, man würde ihm seinen Stoff kaum abnehmen – so fantastisch muten die Geschichten an, die er in Hammerstein erzählt. Ein Werk der Wissenschaft ist das Buch auch nicht, gleichwohl beansprucht Enzensberger für sich, der historischen Wahrheit nachzuleuchten. Die Historikerzunft muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie dieses unglaubliche Material nicht längst selbst angefasst hat.

Enzensberger hat ein ungemein spannendes Buch vorgelegt, in dem das ganze Zeitalter der Extreme in geradezu unwahrscheinlicher Verdichtung aufscheint. Die Hauptfiguren sind ein Reichswehr-General, der die Nazis verachtet, und seine Töchter, die zum Kommunismus neigen und sich in Juden verlieben; nicht zu vergessen zwei seiner Söhne, die sich dem Widerstand anschließen. Ergänzt wird das Personal durch linksradikale Aristokraten, KGB-Agenten, Zionisten, Sowjet-Generäle, ideologische Grenzgänger und ganz gewöhnliche Deutsche, die stoisch und unbeirrt die NS-Barbarei nicht mitmachen.

Wie konnte die Geschichtswissenschaft sich das Hammerstein-Material entgehen lassen? Womöglich schreckt die Historiker ebendas ab, was Enzensberger immer schon fasziniert hat: das ideologisch Flirrende, die Ambivalenz und Abenteuerlust vieler Hauptfiguren dieser Geschichte. Sie sind Verräter, Spione, Deserteure, Revoltierende, die sich gegen das Klassenbewusstsein und den Zeitgeist stellen, einzig ihrem Eigensinn verpflichtet. Dabei taugen sie nicht zu Helden und wollen auch keine sein. Hammerstein, ein Mann aus altem preußischen Adel, schwankte zwischen schneidender Verachtung der Nazis und ihrer Hinnahme als dem »kleineren Übel« im Weltbürgerkrieg. Seine Haltung schillerte zwischen Einbindungsfantasien und nie ausgeführten Staatsstreichplänen. Ob Hammerstein als oberster Offizier der Reichswehr mehr hätte tun können, um aus seiner hellsichtigen Verachtung der Nazis die Konsequenz zu ziehen und die Machtübernahme Hitlers zu verhindern, kann und will Enzensberger nicht klären. Es ist eine Stärke dieses Buchs, Urteile zu vermeiden und stattdessen eine schwebende Distanz zu seinen Figuren zu halten. Hammerstein interessiert Enzensberger vielleicht gerade, weil er zwar vor der offenen Revolte zurückschreckte wie so viele Deutsche, aber doch die NS-Zeit überlebte, ohne jemals politisch-moralisch zu kapitulieren.

Der alte General, der sein Leben als Kaltgestellter erträgt, bis er im April 1943 stirbt, ist das Gravitationszentrum der Geschichte. Doch die Lebensläufe seiner sieben Kinder, zumal seiner linksradikalen Töchter und seiner beiden Söhne im Umkreis des deutschen Widerstands, ergeben erst das volle Bild dessen, was Enzensberger am Eigensinn der Hammersteins fasziniert. Die Motorrad fahrende Maria Therese etwa wurde von Carl Schmitt gewarnt, sich auf die Ehe mit Joachim Paasche einzulassen, dessen Vater als »Halbjude« galt. Natürlich hörte sie nicht auf die Warnung. Ihr Vater unterstützte das junge Paar und half seiner Tochter auch noch, von der Gestapo gesuchte Leute zu schützen, etwa den Architekten Bruno Taut. Die Generalstochter führte bald selbst ein abenteuerliches Exilleben, unter anderem in einem Kibbuz, was »im zionistischen Milieu ein gewisses Aufsehen« erregte, wie Enzensberger trocken feststellt.

Ihre Schwester Helga war mit Leo Roth liiert, einem Spitzenagenten des illegalen M-Apparats der KPD. Sie spionierte selbst und wurde abgeschöpft, und vielleicht hat sie sogar geholfen, den eigenen Vater auszuspionieren. Der General hat den Radikalismus der Töchter geduldet und sie geschützt, wo er konnte. Leo Roth ging nach Moskau ins Exil und fiel den stalinistischen »Säuberungen« zum Opfer, die Helga durch Zufall überlebte. Ein gewisser Herbert Wehner spielt am Rande eine undurchsichtige Rolle. Auch Marie Luise, die Älteste, wurde Kommunistin. Sie ging in die DDR, wurde SED-Mitglied und Anwältin. Sie hielt der verlorenen Sache die Treue bis zum Starrsinn, gerüchteweise sogar als KGB-Agentin.

Hammersteins Söhne Ludwig und Kunrat stellten sich ohne großes Aufhebens den Verschwörern des 20. Juli zur Verfügung, als sie dazu aufgefordert wurden. Ludwig hatte am 6. September 1939 in sein Notizbuch geschrieben: »Der ganze Krieg ist als ein Verbrechen zu bezeichnen, an dem wir alle untergehen werden.« Man kann den Eindruck haben, als hätten die Kinder aus der moralischen Klarheit, dem Erbe ihres Vaters, auch die Konsequenzen ziehen wollen, zu denen dieser sich nicht mehr in der Lage sah. Er flüchtete sich in die Haltung, man dürfe den Deutschen die totale Niederlage nicht ersparen, sonst würden sie niemals klüger: »Wenn die deutsche Hammelherde sich schon so ’nen Führer wählte – dann soll sie’s auch ausbaden.«

Der resignierte General in seiner Dahlemer Villa, der seine Hellsichtigkeit hinter Bitterkeit versteckte, hält Enzensbergers Stoff zusammen. Großartig, wie der Dichter hier das heruntergekommene Genre der Dokumentarliteratur wiederbelebt und umfunktioniert. Seinerzeit, in den Siebzigern, diente das »dokumentarische Schreiben« linker Selbstvergewisserung. Bei Enzensbergers Hammerstein geht es eher um eine heilsame ideologische Verunsicherung – um die Lebensläufe von Renegaten, Verrätern und Spionen, die am Ende für ihre Querköpfigkeit einen hohen Preis zahlen. Enzensberger lässt Akten sprechen, zitiert widersprüchliche Zeugenberichte, führt Totengespräche und greift glossierend ein, wo es geboten ist. Keine Versöhnung, keine Auflösung, kein Urteil steht am Schluss. Dies ist eine Bestandsaufnahme einiger vergessener Möglichkeiten, erhobenen Hauptes durch das Zeitalter der Extreme zu gehen. Da stehen auf der einen Seite die Hellsichtigen wie der General, die vielleicht nicht entschieden genug handeln und sich doch nicht kompromittieren – und auf der anderen die Entschlossenen, die ihrer moralischen Intuition ohne Rücksicht auf Leib und Leben folgen und am Ende für eine verlorene Sache stehen.

Eine Geschichte voller Abenteuer also, aber ohne Helden? Nicht ganz: Eine Heldin gibt es doch in diesem erstaunlichen Buch. Die Neuköllner Drogistin Hertha Kerp, die Ludwig von Hammerstein nach dem gescheiterten Staatsstreich in ihrem Laden versteckte, wie zuvor schon eine jüdische Dame, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Sie hätte ein eigenes Buch verdient.

 
Leser-Kommentare
  1. "Es ist eine Stärke dieses Buchs, Urteile zu vermeiden und stattdessen
    eine schwebende Distanz zu seinen Figuren zu halten. Hammerstein
    interessiert Enzensberger vielleicht gerade, weil er zwar vor der
    offenen Revolte zurückschreckte wie so viele Deutsche, aber doch die
    NS-Zeit überlebte, ohne jemals politisch-moralisch zu kapitulieren." Man könnte das vielleicht auch als kritiklosen Nachvollzug der inneren Emigration bezeichnen... Wo liegt darin die höhere Erkenntnis, die gute Literatur ausmacht? 

    • hagego
    • 21.01.2008 um 11:20 Uhr

    Mehr kann man ja als Schriftsteller kaum erwarten, wenn man ein Buch schreibt: es wird konstruktiv über den Inhalt diskutiert.Dieser Diskurs, wenn er anständig und ohne gegenseitige Beleidigungen stattfindet, ist meistens sehr fruchtbar.Alle, oder zumindest sehr viele der Enzensberger-Bücher lassen den Leser nicht unbeteiligt zurück. Ein - inzwischen leider eingestelltes - Vergnügen, waren ebenfalls die "TransAtlantik-Hefte".Über "Hammerstein" selbst kann ich mich nicht äußern, da ich dieses Buch (noch) nicht kenne.Enzensberger schreibt m.E. nicht im Sinne von "pro & contra", sondern er belichtet eine bestimmte (historische) Situation. Und nähert sich dem Kern, dem Schwerpunkt, indem er auch deren Ränder mit einbezieht.

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