Einmal berührt er sie. Ein einziges Mal krallt Wanja seine Finger in das Kleid der unerreichbaren Elena. Doch sofort springt er zurück, die Augen treten ihm aus den Höhlen, Würgereiz packt ihn, er schlägt sich die Hand vor den Mund.

Was passiert da mit Wanja? Er erlebt noch einmal, was er gerade getan hat, und es wird ihm übel vor Scham. Wie von außen, als Zeuge, sieht er nun das, woran er eben zutiefst beteiligt war, und er hält es nicht aus. Die vergangenen Sekunden kommen ihm hoch, mit körperlicher Gewalt, und Wanja keucht, als könne er den erlebten Moment auswürgen und in die Vergangenheit zurückspucken.

So ist Onkel Wanja. Man ahnt, warum er so wenig getan, entschieden, gefordert und gewollt hat in seinem Leben: Das Handeln geht über seine Kraft. Jeder Wunsch bedeutet ihm Entblößung. Begierde ist ein Risiko, und die Liebe ist ihm unerreichbar.

Am Deutschen Theater in Berlin spielt jetzt Ulrich Matthes den Wanja.

Er zeigt einen Mann, der vor Sehnsucht innerlich brennt. Wanja begehrt ins Leere, und er wird in seiner Gier immer weniger, er schwindet dahin. Das Allerschlimmste ist: Er weiß, dass er diesen Moment, in dem er alles gewagt und nichts gewonnen hat (Elena stieß ihn angewidert zurück), nicht mehr aus seinem Gedächtnis tilgen kann. Wanja ist voller solcher giftiger Momente, sie brennen in seinem Inneren. Sie werden ihn bei lebendigem Leib auffressen. Das ist grauenvoll, aber es ist auch komisch.

Der Schauspieler Ulrich Matthes und der Regisseur Jürgen Gosch haben am Deutschen Theater vor vier Jahren diese Reise in die komische Finsternis begonnen, die sie jetzt zu Tschechow geführt hat. Im Jahr 2004 nahmen sie sich Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

(2004) vor, worin Matthes als Universitätsprofessor die Nahkampf-Ehe mit Corinna Harfouch vollzieht, es folgte Yasmina Rezas Komödie Im Schlitten Arthur Schopenhauers, wo Matthes den Pariser Philosophen Ariel Chipman spielte, der bei lebendigem Leib und wohlig im Krater seiner Depression versinkt (2006), und nun ist er Wanja, Verwalter des Gutes seiner verstorbenen Schwester sowie Verwalter eines ungelebten Lebens, unsterblich verliebt in Elena, die zweite Frau seines Schwagers.