Linguistik Doktors Machtmittel
Wie Ärzte ihre Patienten manipulieren - Ein Gespräch mit dem angehenden Sprachwissenschaftler Timm Peters
Für Ihre Examensarbeit haben Sie heimliche Tonaufnahmen aus Düsseldorfer Hausarztpraxen ausgewertet und entdeckt, dass Ärzte sprachliche Machtmittel benutzen, um ihre Vorstellungen gegenüber den Patienten durchzusetzen. Welche Mittel sind das?
Die Ärzte verwenden unverständliche Wirkstoffbezeichnungen, heben die Stimme, unterbrechen den Patienten. Manche reden sogar bei der Anamnese mehr als die Patienten. Interessant ist auch, ob der Patient das Thema wechseln kann. Wird er gleich mit »Dazu kommen wir später« unterbrochen? Solche Machtdemonstrationen müssen nicht unbedingt aggressiv wirken und werden oft nicht bemerkt. Aber sie kommen in fast jedem Arzt-Patient-Gespräch vor.
Dass die Kommunikation zwischen Arzt und Patient problematisch ist, weiß man ja schon seit längerer Zeit. Was ist neu?
Bisher wurde noch nicht ausreichend erforscht, dass dahinter nicht nur Gedankenlosigkeit, sondern auch bewusste Machtausübung steckt. Das kam erst durch das heimliche Mitschneiden der Gespräche zum Vorschein. Normalerweise stellt man in der Sprachwissenschaft Mikrofone aus juristischen Gründen offen hin und hofft, dass sich die Probanden normal verhalten. Ich konnte die Bänder einer Studie der Uniklinik Düsseldorf benutzen, in der sich 52 Hausärzte bereit erklärt hatten, jeweils zwei Gespräche heimlich aufzeichnen zu lassen. 25 Gespräche sind in meine Arbeit eingeflossen.
Die Mediziner kommen in Ihrer Studie nicht gut weg, scheint es. Wollen Sie behaupten, dass Ärzte skrupellos Macht ausüben?
Das liegt mir fern. Begriffe wie Macht und Einflussnahme klingen negativer, als sie es in der Realität sind. Solche Mechanismen kann man überall beobachten, wo Status- und Wissensunterschiede bestehen.
Haben auch Patienten die Möglichkeit, Macht zu demonstrieren?
Natürlich. Sie können zum Beispiel damit drohen zu einem anderen Arzt zu gehen.
Wenn Sie das nächste Mal beim Arzt feststellen, dass der seine Macht ausspielt – was werden Sie tun?
Es akzeptieren und in mich hineinschmunzeln. Einige Freunde und ich haben auch schon versucht, in solchen Situationen offensiv gegenzusteuern. Wir haben zum Beispiel den Arzt unterbrochen, wenn er uns das Wort abgeschnitten hat, oder sind selbst laut geworden, um nicht abgewürgt zu werden. Da haben die Ärzte aber sehr irritiert reagiert.
Interview: Jana Schlütter
Tim Peters analysiert an der Universität Bochum Arzt-Patient-Gespräche
- Datum 18.01.2008 - 12:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
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