Ja, es hat ihn wirklich gegeben, den scheuen Jungen, der später als Friedrich August III. Kurfürst von Sachsen wurde und dessen Vorgänger die sonderbarsten Beinamen bekommen hatten. Otto der Reiche aus dem 12. Jahrhundert , Dietrich der Bedrängte, Heinrich der Erlauchte, Albrecht der Entartete - dann lauter Friedriche: der Ernsthafte, der Strenge, der Streitbare, der Sanftmütige und der Großmütige und schließlich August der Starke, König von Polen, der Großvater unseres Helden.

Schon so eine Familie allein kann eine Last sein, aber Friedrich August, als behindert abgestempelt, wuchs wie die meisten Fürstenkinder des Barock auf. Sie waren Marionetten im Kampf um die Nachfolge, eingezwängt in Standesschranken, und führten ein Leben im goldenen Käfig. Dresden, seine Heimatstadt und die Residenz seines Landes, war im gerade zu Ende gegangenen Siebenjährigen Krieg von den Preußen in Trümmer geschossen worden, seine vergnügungssüchtige und verschwenderische Mutter ließ sich nur über ihn berichten, wenn sie ihn im Spiel um ihre eigene Macht benutzen wollte, und so hatte er niemanden, der ihm einen Ort der Zuversicht gewähren konnte. Im Gegenteil, seine Lehrer ermahnten ihn, keinem zu trauen.

Eine wunderbare Ausgangsposition für die Autorin Karla Schneider, diesem gehemmten und beeinträchtigten Jungen einen Pagen zur Seite zu stellen und die Geschichte der seltsamen Metamorphose dieser beiden zu erzählen.

Der Page Camillo Marcolini ist ein italienischer Comte aus ärmlichem Hause mit einem Kopf voller Träume vom Leben eines mächtigen Ministers in Luxus und Heiterkeit, der das Glück hatte, in die Pagenschule des sächsischen Hofes aufgenommen und dem Kur- und Erbprinzen zugeteilt zu werden. Zwei große Jungen also. Der eine so gelähmt von Protokoll und Hofetikette und so allein inmitten von Pracht und servilem Personal, dass er sich wie eine Schnecke in sein Haus zurückzieht, selbst das Gehen verweigert und alles Private geheim hält aus Angst, es könnte gegen ihn verwendet werden. Sein Kammerpage dagegen: munter, neugierig, gewitzt und schlau, schnell mit dem Wort und stets lernbegierig, von Kindesbeinen an daran gewöhnt, jede Situation fürs Überleben auszunutzen.

Karla Schneider hat für diesen Roman so detailliert recherchiert, dass sie die damalige Gesellschaft in Schloss und Hütte mit souveräner Leichtigkeit beschreiben kann, ohne mit Vorurteilen arbeiten zu müssen. Allein aus dieser präzisen Schilderung der Sitten und Lebensbedingungen entwirft sie die Bühne für die beiden Jungen, die dem Leser trotz der historischen Ferne ganz vertraut und verständlich werden.

Der kleine Marcolini ist zu Tode gelangweilt vom Dienst beim Prinzen, der sich verachtet und gedemütigt von seiner Mutter und seinem Onkel, der bis zu Friedrich Augusts Volljährigkeit die Regentschaft übernommen hat nur dadurch zu retten weiß, dass er sich geradezu tot stellt. Aus reiner Eigensucht beginnt Marcolini, den Prinzen wieder lebendig zu machen. Ohne zu vergessen, dass er nur der Diener ist. Er darf seinen Herrn nicht ansprechen, muss nur seine Befehle ausführen, schwebt immer in der Angst, die Gunst des Prinzen und seiner Mutter zu verlieren.

Der Page als Erzieher doch Karla Schneider hütet sich, Marcolini als einen kleinen Prediger durch ihre exquisite Kulisse wandeln zu lassen.