Zertifikate Falsch etikettiert
Banken bewerben Holzzertifikate als »grüne« und »nachhaltige« Geldanlage – zu Unrecht. Für die Rendite sorgt auch Raubbau am Regenwald
Kühler Dunst hat sich zwischen die Baumriesen gelegt. Wie ein Schleier bedeckt er den moosigen Boden, die übermannshohen Farnbäume, das wildgrüne Blätterdach. Tarkine nennen die Australier dieses atemberaubende Stück Regenwald im Westen der Insel Tasmanien, durch das sich ein schmaler Wanderpfad schlängelt. Er ist eine Touristenattraktion. Was abseits des Weges liegt, bleibt Besuchern jedoch meist verborgen.
Dort wütet Gunns, Australiens größter Holzkonzern und größter Exporteur von Holzschnitzeln für die weltweite Papierindustrie. Im Auftrag des Unternehmens betreiben Arbeiter Kahlschlag auf Tasmanien, zum Teil bedrohlich nahe an einem Gebiet, das als Weltnaturerbe ausgewiesen ist. 47 Prozent der tasmanischen Wälder stehen unter Schutz der Unesco. Über den Rest, oft Gebiete von ebenso hohem Schutzwert, verfügt die Holzindustrie. Dröhnend fressen sich Motorsägen durch jahrhundertealte Stämme. Manchmal aber hilft nur Sprengstoff. Regenwaldriesen knicken dann um wie Zahnstocher. Was nicht gebraucht wird, bleibt liegen, bis die Hubschrauber kommen: Sie bombardieren die Holzreste mit einem napalmähnlichen Dieselbrandgel. Das gilt als effizient, schnell und billig. Glutheiße Säulen aus Flammen und Rauch steigen dann in den Himmel.
Nachgesät werden allein schnell wachsende Eukalyptusbäume. Zum Schutz der Monokulturen sprüht Gunns Atrazin – ein in der EU verbotenes Herbizid, das das Trinkwasser verseuchen kann und als krebserregend gilt. Gegen kleine Kängurus und andere Saatfresser legt der Konzern giftgetränkte Karotten aus.
Ein Musterbeispiel für nachhaltige Forstwirtschaft ist das sicher nicht. Trotzdem trägt im fernen Deutschland ein Werbeprospekt der Landesbank Berlin (LBB) den Titel: »Auf natürliche Stabilität setzen – mit einem ökologisch orientierten Investment von den Ertragschancen des Rohstoffes Holz profitieren.« Darin stellt die LBB ihren Kunden das Ende 2007 herausgegebene »Forest Opportunity«-Zertifikat vor. Es basiert auf einem Korb aus zehn börsennotierten Holzproduzenten – Konzerne, in die man guten Gewissens investieren könne, da sie ökologisch und nachhaltig wirtschafteten, so die LBB. Im Index vertreten ist auch ein Schwergewicht der Branche, das im Geschäftsjahr 2007 umgerechnet rund 415 Millionen Euro Umsatz machte: der tasmanische Kahlschläger Gunns.
Saftig-grüne Baumkronen als gutes Verkaufsargument
Nicht nur die Landesbank will mit dem vermeintlich grünen Investment Geld verdienen. Auch andere Banken haben Holz als Anlageklasse entdeckt. Nach Recherchen der Rating-Agentur Scope Analysis sind derzeit neun Holzzertifikate mit unbegrenzter Laufzeit in Deutschland auf dem Markt. Sie alle zeichnen die Entwicklung eines zugrunde liegenden Basiswertes – meist eines Korbs aus Holzaktien – nach: Steigen die Aktien, steigt der Wert des Zertifikates. Die Werbeprospekte der Anbieter zieren oft Fotos von saftig-grünen Baumkronen. Sie sollen dem Anleger weismachen: Der Kauf des Zertifikates mehrt das eigene Geld und den Nutzen für die Umwelt. Doch obwohl Holz nach Ansicht vieler Finanzexperten mittelfristig gute Renditechancen bietet – zum Umweltschützer wird der Käufer nicht.
»Holzwirtschaft ist nicht per se ökologisch: Keiner fördert die Umwelt, nur weil er in Aktien von Unternehmen investiert, die ihr Geld mit dem Wachstum von Bäumen verdienen«, sagt Johannes Zahnen, Referent für Forstpolitik beim Umweltverband WWF Deutschland. Für Sasa Perovic, Leiter Zertifikateanalyse bei Scope Analysis, ist das steigende Interesse der Banken an Holz ein reiner Marketingtrend: »Gerade angesichts der aktuellen Diskussionen um Ökologie und Klimawandel eignet sich das Nachhaltigkeitsetikett, mit dem sich viele Holzzertifikate schmücken, wunderbar als Verkaufsargument.«
Unter den Emittenten der Holzzertifikate spielt neben der Landesbank Berlin auch die österreichische Raiffeisen Centrobank (RCB) ganz offen die Umweltkarte. Dies verdeutlicht schon der Name ihres Papieres: Beim »Holz Nachhaltigkeits-Basket«, der sich aus Aktien von neun internationalen Holzproduzenten zusammensetzt, stehe der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund, versichert Philipp Arnold, Zertifikateexperte der RCB. Doch im Aktienkorb findet sich mindestens ein umstrittener Holzproduzent – das brasilianische Unternehmen Aracruz Celulose. Diesem wirft die Umweltschutzorganisation Robin Wood eine ganze Liste von Verfehlungen vor: Landkonflikte mit Ureinwohnern, Zerstörung des Regenwaldes an der brasilianischen Atlantikküste, massiver Chemikalieneinsatz zur Unkrautbekämpfung. »Die Forstmethoden von Aracruz schaden auf erhebliche Weise dem ökologischen Gleichgewicht«, sagt Tropenwaldreferent Peter Gerhardt von Robin Wood. Dem Konzern gehe es nicht um die langfristigen Folgen seiner Intensivforstwirtschaft, sondern nur um den Profit der nächsten Jahre.
Dass Unternehmen wie Aracruz und Gunns unter Umständen genau das Gegenteil von nachhaltiger Forstwirtschaft betreiben, ficht die Banken indes nicht an. Man habe bei der Auswahl der Holzproduzenten für den Aktienkorb darauf geachtet, dass deren Wälder möglichst mit den internationalen Gütesiegeln FSC oder PEFC ausgezeichnet seien, verteidigt Philipp Arnold das Zertifikat der Raiffeisen Centrobank. Darauf beruft sich auch Frank Klingelhöfer, Leiter der Abteilung Produktmanagement bei der LBB: »Es ist sichergestellt, dass die Unternehmen verantwortungsbewusst mit dem Rohstoff Holz umgehen – das garantieren die Siegel, nach denen jedes Unternehmen zertifiziert sein muss, das in den Index aufgenommen wird.«
Der Weltmarkt für Primärholz ist 200 Milliarden Dollar schwer
Viele Umweltschützer sehen das anders: Für sie hat nur das FSC-Siegel Relevanz, das vor allem Umweltverbände, Gewerkschaften und einige Forstunternehmen gemeinsam entwickelt haben. »FSC garantiert, dass ein Minimum an Kriterien eingehalten wird, um nachteilige ökologische Folgen für die Wälder zu verhindern«, sagt WWF-Mann Zahnen. Die Produzenten setzten zum Beispiel kaum Spritzmittel ein. Das PEFC-Siegel, das vor allem Holzindustrie und Waldbesitzer zusammen vergeben, sei dagegen nur ein »ökologischer Deckmantel«, mit dem die Industrie ein »Green-Washing« ihrer Forstmethoden betreibe, so Peter Gerhardt von Robin Wood. Zumindest in Australien und Brasilien scheint ein solches Reinwaschen stattzufinden: Trotz ihrer heftig kritisierten Abbaumethoden tragen die Flächen von Gunns und Aracruz nationale Siegel, die der internationale PEFC-Dachverband anerkennt.
Nicht nur aufgrund des Verwirrspiels um die Gütesiegel rät Thomas Loew, Geschäftsführer des Berliner Institute 4 Sustainability und Experte für ökologische Anlagen, ökologisch motivierten Anlegern grundsätzlich davon ab, in Holzzertifikate zu investieren. Selbst wenn sich im Korb nur Aktien nachhaltig wirtschaftender Firmen befänden, habe der Kauf keinen nennenswerten Effekt für die Umwelt, so Loew: »In der Regel erwirbt die Bank die Aktien doch von anderen Aktionären, nur bei einer Kapitalerhöhung fließt das Geld direkt an die Holzproduzenten.« Auch für Jörg Weber, Chefredakteur des Branchendienstes Ecoreporter, halten die Holzzertifikate hohen ökologischen Ansprüchen nicht stand. Sein Urteil: »Ein streng an Nachhaltigkeit orientierter Anleger kann mit keinem der bisher existierenden Holzzertifikate zufrieden sein.«
Für alle anderen dürften derartige Bedenken nicht entscheidend sein. Die Holzbranche boomt. Laut der Welternährungsorganisation FAO, die sich auch mit Forstwirtschaft befasst, erzielte die Branche 2005 mit Primärhölzern weltweit einen Umsatz von rund 186 Milliarden US-Dollar. Im vergangenen Jahr lag der Erlös nach Ansicht vieler Experten bei mehr als 200 Milliarden US-Dollar. Selbst bei konservativer Rechnung werde die weltweite Nachfrage nach industriellem Rundholz bis 2050 um ein Fünftel steigen, prognostiziert Peter Meier, Professor am Zentrum für Alternative Investments der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Vor allem der Ressourcenhunger Chinas heizt den Markt an: Das Land steht beim weltweiten Verbrauch von Industrieholz an dritter Stelle und ist zugleich größter Holzimporteur der Welt.
Angesichts solcher Zahlen stellt Kemal Bagci, Zertifikatespezialist der Deutsche-Bank-Tochter DWS, seinen Kunden »rapide steigende Holzpreise« und damit attraktive Renditen in Aussicht. Auch die DWS hatte Aracruz und Gunns zunächst im Aktienkorb ihres Holzzertifikates, entfernte die Firmen aber nach Kritik von Robin Wood. Der prognostizierte Boom auf dem Holzmarkt lässt sich an der Entwicklung des DWS-Holzzertifikates, das beim Scope-Rating die Topnote AA erhielt, aber noch nicht ablesen – es notiert unter Ausgabewert. Der Grund: »Die Renditen von Holzzertifikaten hängen nicht nur vom Holzpreis, sondern zu etwa 50 Prozent auch von der allgemeinen Situation am Aktienmarkt ab«, sagt Professor Meier. Das mache die Investition anfällig, anders als Direktinvestitionen etwa in Anteile an einer Plantage. Sasa Perovic von Scope Analysis verweist auf ein zweites Risiko: Keines der von seiner Agentur bewerteten Holzzertifikate verfügt über eine Währungsabsicherung. Gerade süd- und nordamerikanische Holzkonzerne rechnen aber in US-Dollar – bei anhaltender Dollarschwäche muss der Anleger mit Verlusten rechnen.
Verluste ganz anderer Art befürchtet WWF-Experte Zahnen, wenn der weltweite Hunger nach Holz anhält: »Vor allem der Druck auf die Urwälder wird weiter zunehmen.« Die hohe Holznachfrage könne vermehrt zu Kahlschlag führen – mit massiven Folgen für die Artenvielfalt und die CO₂-Bilanz der Erde.
- Datum 21.01.2008 - 13:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
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Zunächst mal möchte ich festhalten, dass der Artikel gut geschrieben und recherchiert ist, ich möchte nur eine kleine Anmerkung machen zu dem Argument, dass man die ökologisch nachhaltig arbeitenden Konzerne sowieso nicht direkt unterstützt, weil es meist bestehende Aktien von anderen Anlegern sind. Dies gilt demnach auch für die Konzerne denen man vorwirft dass sie nicht nachhaltig arbeiten, insofern ist auch da keine Unterstützung gegeben. Das ganze macht die Werbemethoden der Bank aber nicht legitim, da sie in allen Fällen die Wahrheit verfälschen!
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