Jetzt, nach ihrem Walkürenritt über die Wogen der Empörung, ist die simple Susi aus Graz vermutlich recht zufrieden mit ihrem kleinen Krawallmonolog. Beim Barte des Propheten, um derart gewaltige Aufmerksamkeit zu erzielen, geben andere Unsummen aus. Sie kostete es hingegen lediglich ein wenig von dem, worüber sie offensichtlich im Übermaß verfügt: primitive Unverfrorenheit. Bingo! Man kennt sie nun über die Landesgrenzen hinaus, nennt stündlich in den Nachrichten ihren Namen. Sogar ernsthafte Menschen verdammen sie, widersprechen ihren Behauptungen oder distanzieren sich von ihr. Es fehlt jetzt nur noch ein Kolloquium an der Akademie der Wissenschaften, in dem alle Details des Sexuallebens der Wüstensöhne zur Zeit der Hedschra erörtert werden.

Demokratische Gesellschaften, die Meinungsfreiheit garantieren, haben stets ein Problem mit der Frage, wie sie angemessen auf rüde Provokationen reagieren sollen. In der modernen Medienwelt hat jeder Schwachsinn, jede Pöbelei, jedes Maulheldentum eine gewisse Zufallschance, sich auszubreiten. Häufig wirkt Dummheit ansteckend, und damit spekuliert das hetzerische Vokabular wie der Hasardeur an der Börse, der sein Geld auf Junkbonds setzt.

Das ist die einzige Chance, die sich der FPÖ und ihren Absplitterungen bietet. Sie vertritt ja niemandes ureigenste Interessen mehr (wie früher jene der alten Nazis), sondern sie hat sich längst in eine Sekte verwandelt, die sich nur noch als Partei tarnt, aber über kein in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verankertes Weltbild verfügt. Von ihren Altvorderen übernahm sie weniger die Gesinnung, sondern vor allem die Methoden der Ausgrenzung und Stigmatisierung. Das heißt, sie schafft sich zunächst jenes Feindbild, zu dessen Bekämpfung sie anschließend aufruft. In diesem Kontext sind Juden, Muslime oder auch EU-Befürworter austauschbare Größen. Wie alle Hexenjäger beziehen auch die freiheitlichen Aufwiegler ihre scheinbare Legitimation aus der Suggestionskraft, die ihr Bedrohungsszenario ausübt, welches dann höchstwahrscheinlich die schlichteren Gemüter unter ihnen, aus welchen privaten Gründen auch immer, sogar selbst für real halten – allerdings nicht aus dem Umstand, dass Hexen etwa tatsächlich und leibhaftig existieren würden.

Natürlich ist diese Politik der Phantome intellektuell nicht satisfaktionsfähig. Sie ist überprüfbar psychotisch wie fast alle Sektiererei. Weil aber Sekten mitunter zu Massenbewegungen wuchern können (ebenso wie Massenbewegungen wieder zu Sekten schrumpfen), bleibt es der Öffentlichkeit nicht erspart, sich fallweise selbst mit hanebüchenen Einlassungen auseinanderzusetzen. Wie die Geschichte des Radauantisemitismus zeigt, ist dabei Appeasement und Beschwichtigung kein probates Mittel.

Gegner des NS-Verbotsgesetzes argumentieren gern, eine aufgeklärte Demokratie müsse mittlerweile so weit entwickelt sein, dass sie gegen das Gebrabbel brauner Wiedergänger immun ist. Vorbildlich liberal, aber leider höchst riskant. Denn das Gebräu aus Dreistigkeit und Dummheit, aus dem die paranoiden Appelle bestehen, ist eine höchste infektiöse Substanz, die sich in einem geeigneten gesellschaftlichen Klima in Windeseile über ganze Landstriche ausbreiten kann. Vor einer politischen Pandemie würden zwar Antikörper schützen. Aber nicht immer erkennen diese die neueste Mutation des Erregers.

Die Seuchenprävention kennt daher die Mittel der Quarantäne und der Ringimpfung. So kann ein Erreger schließlich eingekreist und unschädlich gemacht werden.

Ein autoritäres Regime kann Parolen, die es stört, einfach verbieten und sich anschließend mit seinen Dissidenten herumschlagen, die es eines Tages hinwegfegen werden. Einer Demokratie ist diese Unterdrückungsmethode glücklicherweise verwehrt. Es kann aber die Verbreiter gefährlicher und ansteckender Botschaften unter Quarantäne stellen. Das heißt: keine Gemeinsamkeit, die über den Mindeststandard der parlamentarischen Hausordnung hinausreicht, keine Gesprächsbereitschaft, solange sich nicht Ton und Inhalt ändern, keine Interviews, keine Einladungen, kein augenzwinkernder Opportunismus. Vielleicht wäre das ja jenes vermisste große Projekt für eine Großen Koalition? Joachim Riedl

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben