Universitäten
Wie in der Provinz
Die deutschen Hochschulen sind alles andere als ein Beispiel für Internationalität. Das schwächt ihre Konkurrenzfähigkeit
Wissenschaft ist international, die deutschen Universitäten sind es noch nicht. Gerade einmal fünf Prozent ihrer Professoren stammen aus dem Ausland. Die Provinzialität hiesiger Hochschulen steht in einem auffallenden Gegensatz zur Weltläufigkeit der außeruniversitären Institute. Die Max-Planck-Gesellschaft rekrutiert mittlerweile jeden zweiten Wissenschaftler aus dem Ausland. Ein Viertel der Direktoren ihrer Forschungseinrichtungen verfügt über keinen deutschen Pass. Wer sich wundert, dass es nun einem in Ghana geborenen britischen Forscher gelungen ist, Stammzellen in Deutschland zu züchten, der hat keine Ahnung, wie sehr sich der bessere Teil der deutschen Wissenschaft internationalisiert hat.
An unseren Hochschulen fehlen Gesichter wie jenes von James Adjaye. Ob Sprache oder Personal, Dienstrecht oder Mentalität: Die Universität ist eine sehr deutsche Angelegenheit geblieben. Selbst in ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung pflegen einige Fächer wie etwa die Geschichte gern das Heimische.
Viele Ursachen für die zögernde Öffnung gegenüber der Welt haben die Fakultäten nicht selbst zu verantworten. Sie können wenig dafür, dass die Lingua franca der Wissenschaft Englisch ist – die meisten Studenten dieser Sprache aber nicht ausreichend mächtig sind. Dozenten, die nicht fließend Deutsch sprechen, sind hierzulande deshalb noch immer schwer vermittelbar. Auch der Vergleich mit der Max-Planck-Gesellschaft ist unfair. Ihre Institute locken mit Privilegien, die Hochschulen nicht haben, einer hervorragenden technischen Ausstattung etwa oder der Aussicht, sich allein der Forschung widmen zu dürfen.
Der größte Wettbewerbsnachteil der Universität ist jedoch die Bezahlung ihres Personals. Die Gehälter deutscher Hochschullehrer sind international längst nicht mehr konkurrenzfähig. Ein junger Professor verdient heute in Deutschland mitunter weniger als ein Lehrer. Und welcher etablierte Physiker kommt für 6.000 Euro im Monat an eine Massenuniversität in München oder Köln, wenn ihm etwa in der Schweiz fast das Doppelte bezahlt wird und an einer Topuniversität in den USA das Dreifache? Die Exzellenzinitiative ändert daran nur in Ausnahmefällen etwas. Auch die Gehälter der neu zu berufenden Spitzenforscher müssen sich am Professorensold orientieren.
Eine Verbesserung immerhin bringt der Elitewettbewerb. Statt weltweit nach den Besten zu suchen, warteten die Hochschulen bisher ab, wer sich auf eine frei werdende Stelle bewarb. Stellenausschreibungen waren oft nur in Deutsch verfasst. So konnte kein ausländischer Professor ahnen, dass in Germany eine Stelle frei wurde. Nun bemühen sich wenigstens die Exzellenzbereiche darum, ihr Personal auch jenseits der Grenzen zu finden. Sie wissen: Zur internationalen Spitze kann nur gehören, wer selbst international ist. James Adjaye ist dafür der beste Beweis. Martin Spiewak
- Datum 25.1.2008 - 07:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
- Kommentare 15
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"Die Max-Planck-Gesellschaft rekrutiert mittlerweile jeden zweiten
Wissenschaftler aus dem Ausland. Ein Viertel der Direktoren ihrer
Forschungseinrichtungen verfügt über keinen deutschen Pass."WOW, das ist ja super!!! Ein Viertel? Wirklich? Verfügt über keinen deutschen Pass? Wenn man das nur noch weiter verbessern könnte... Hmmmm... Was könnte man da machen? Vielleicht einigen deutschen Wissenschaftlern den deutschen Pass abnehmen..."Dozenten, die nicht fließend Deutsch sprechen, sind hierzulande deshalb noch immer schwer vermittelbar."Vielleicht sollte man aus Indien Deutschland machen. Da können die dann ihr schönes Inglisch sprechen. Und tote Babys klonen und was sonst noch alles die moderne Forschung bringen mag.
Bei manchen Foren in der ZEIT beschleicht einen das untrügliche Gefüh, schwarz-brauner Mob ließe hier systematisch seinen Mist ab..Auch wenn nicht: Deutschland hat mindestens ein Spießer-Problem!F. Mayer
"frankmeyer" weiß zwar nicht, was ein Spießer ist, aber er ist selber das Oberhaupt der Spießer. Das regionale.
Deutsche Universitäten sind generell nachwuchsfeindlich, egal, woher der Nachwuchs kommt. Wielange braucht man denn, um erstmal Professor zu werden? Und wieviel dieser Zeit ist man damit beschäftigt, etablierte Akademiker mit festen Stellen bei ihrer Forschung und ihrer Lehre zu unterstützen, so dass man fast gar nicht dazukommt, sich selbst weiter zu qualifizieren? In Deutschland herrscht doch nach wie vor die Ansicht, dass sich erst nach Jahren des Vasallendienstes die Türen öffnen: das ist nicht nur provinziell, es ist geradezu MITTELALTERLICH. Die deutschen Geisteswissenschaften gelten hier in Australien als "impenetrable". Aber das sind sie nicht nur für Australier. Während ich hier zu Ende promoviere, sammeln meine Mitbewerber auf deutsche Stellen bereits weitere Vasallenjahre. Und nun frage ich Sie, wer nachher den PostDoc bekommt: der deutsche Bewerber, der sich aus dem System heraus bewirbt, die deutsche Bewerberin mit Auslandserfahrung und ähnlicher Publikationsaktivität, oder der vielversprechende junge Australier (der noch dazu um drei Jahre jünger ist als die deutsche 'Konkurrenz')?
Um einen Lehrauftrag (4 Lehrstuden pro Woche, 2000 Euro unversteuert am Ende des Semesters ausgezahlt) an einer deutschen Uni zu machen, muss man sich als Deutscher mit einem Papierberg bei dem Institut bewerben, und als Nicht-Deutscher dazu auch die Genehmigung der Ausländerbehörde holen. Im konkreten Fall kann dies bedeuten, dass man um 6 am Morgen aufsteht, um einen Platz in der Schlange zu bekommen, damit man um 11h tatsächlich den Beamten sprechen kann. Die Ausländerbehörde, völlig ahnungslos gegenüber einem solchen Antrag, musste sich dann erstmal intern beraten, was nun zu tun sei... ein Absurdtheater der besten Sorte, sage ich euch.Und ja, die Lage an den Unis ist selbst für Deutsche so schlecht, dass sie massenweise auswandern, etwa nach Kanada, wo sie dann aber problemlos Stellen und Professuren bekommen. Auch ein Unrecht, eigentlich.
Prima Beispiel. Respekt, dass Sie den Mut und Optimismus haben, sich darauf zu bewerben, denn -- nach meiner Erfahrung -- gehen auch diese Aufträge unter der Hand weg: prima kostenlos (!) an Institutsmitarbeiter, die auf Verwaltungsstellen sitzen, und nebenbei unterrichten wollen/müssen, oder auswärtige Habilitierte, die eine Vorlesung für den Lebenslauf brauchen: in der Sparte akademisches Trauerspiel rangieren deutsche Unis auf Weltniveau, und dies wird sich durch die zunehmende Verschulung in den Bachelor-Studiengängen noch verschlimmern. Der neue tragische Held heißt dann "Lehrkraft für besondere Aufgaben".
Capica, CarlaColumnaIch verstehe Ihr Gejammer und Wehklagen nicht.Die Bundesländer und ihre Wissenschaftsminister stehen unter dem Gebot knapper Kassen.Wenn eine Stelle zu besetzen ist (egal um was für eine es sich dabei auch immer handeln mag), und sich, sagen wir mal, 20 Leute daraufhin bewerben, dann kann diesen Arbeitsplatz nur einer bekommen. So einfach ist das. Es sollte natürlich der Beste und Qualifizierteste sein.Mir ist dabei das Problem völlig klar: wie stellt man das fest, wer der Befähigste ist?Sie beide argumentieren so - insbesondere CarlaColumna – als seien Sie die Beste, und der Mitbewerber, der dann letztlich die Stelle erhielt, habe diese nur aufgrund von Schiebung und Beziehungen bekommen. Bitte da ein bisschen vorsichtiger!Mein Eindruck ist, dass in allen Bundesländern bei den Geistes- und Sozialwissenschaften drastisch eingespart wird, um mit dem Ersparten die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer und Fakultäten zu stärken. Und das ist auch gut so!So handhabt es der CDU geführte Hamburger Senat seit ca. 7 Jahren. Erklärtes Ziel ist mittelfristig eine etwa 50% Reduzierung dieser Fächer im Bereich des wissenschaftlichen Personals und der sonstigen Mitarbeiter. Mit dem freiwerden Geld werden die besagten technisch-naturwissenschaftlichen Fächer gestärkt. Recht so!Zu den Gesellenstudiengängen in den GW und SW:Es ist schon eine geniale Idee der Wissenschaftspolitk, sich von der Verpflichtung zu entlasten, Examinierte in den öffentlichen Dienst übernehmen zu müssen; und sei es nur, um ihnen eine Art „Referendariat“ (z.B. Lehrer) anbieten zu müssen, um sie danach erst durch Nichteinstellung wieder loszuwerden. Denn früher studierte man geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer auf Lehramt. Die Schule war und ist der „quai-natürliche“ Arbeitgeber für solche Fächer! Wenn dieser Arbeitsmarkt wegbricht, dann steht es schlimm um diese Fächer. Aufgrund der demographischen Entwicklung und der klammen Kassen der öffentlichen Haushalte ist es gut, dass die Länder an ihren Unis eine Art Kontingentierung von Lehramtsstudenten vornehmen; etwa x plus 10% oder 20 %. Endlich! Das hätte man sich schon ab Mitte der 70er Jahre gewünscht!Die Politik hat bei der Einrichtung der Gesellenstudiengängen dabei allerdings übersehen, dass Abiturienten bei der Wahl ihrer Studienfächer selten der Ratio des Arbeitsmarktes folgen, sondern leider zu oft der Logik ihrer Vorlieben. Denn was ein solcher Studienabschluß, sei es Geselle oder Meister oder was auch immer, auf den Arbeitsmärkten wert ist, wird die Bilanz zeigen: ca. 80% landen in der Sozialhilfe oder jobben in prekären Arbeitsverhältnissen z.B. als Kellner oder Taxifahrer oder Model …Was die GW und die SW brauchen, ist eine radikale Beschränkung der Studentenzahlen etwa durch einen Art Numerus Clausus sowie durch Zulassungs- und Befähigungsprüfungen.Ich höre mal auf. Vieles wäre noch zu sagen.
In der Tat ist vieles noch zu sagen. Eins vorweg: ich glaube keineswegs, die Beste zu sein, und mein "Gejammer" ist sicher nicht das der Ewig-Zu-kurz-gekommenen. Ich habe insgesamt sechs Jahre an einer deutschen Uni gearbeitet, und hier in Australien Gelegenheit gehabt, ein anderes System kennenzulernen. Ich habe in Deutschland Leute auf Assistentenstellen gesehen, die aufgrund der Arbeitsbelastung durch der ihnen vorgestzten Profs beinahe das Handtuch geworfen hätten, weil sie einfach nicht mehr sahen, wo und wie sie mit der Habil vorankommen sollen. Und ich habe hier in Australien einige Deutsche kennengelernt, die sich den deutschen Vasallendienst schlicht nicht mehr antun, die sich nicht über Jahre und in schwierigen Abhängigkeitsverhältnissen (der vorgesetzte Prof ist zugleich Begutachter und Befürworter der eigenen Dissertiations- oder Habilitationsschrift) weiterqualifizieren, um Anfang 40 eventuell einen sicheren Job zu haben, oder hoffnungslos überqualifiziert vor dem sicheren Aus zu stehen. Ein Vergleich: ein australischer Postdoc darf Vorlesungen geben, Studienprogramme leiten und erarbeiten, Prüfungen abhalten, BA/MA/PhD betreuen. Ein deutscher PostDoc darf den Professor vertreten, im Grundstudium unterrichten, Protokoll in der Prüfung schreiben, und Abschlussarbeiten mitbetreuen/gegenlesen (wenn der Prof zu wenig Zeit hat). Wer qualifiziert sich ihrer Meinung nach besser für die Arbeit an der Uni? Und ist jemand, der stoisch alle Hürden des deutschen Systems genommen hat, automatisch der Beste in seinem Fach? (Es ist im übrigen tatsächlich so, daß die deutschen Geisteswissenschaften insbesondere den Ruf haben, für Außenstehende undurchdringlich zu sein: ist das im Sinne des Fachs? brauchen wir da nicht mal etwas frischen Wind? Sind deutsche Anglisten besser als ihre australischen Kollegen, haben britische Historiker weniger drauf als deutsche?)Ihre Ansichten zu den Geisteswissenschaften teile ich nicht. Man kann sie auch kaputtsparen, und dann in hauruckorganisierten Exzellenzinitiativen (äußerst) selektiv wiederzubeleben suchen. Brauchen tut man sie, und zwar dringend. Und nicht nur in der Schule. Daß die naturwissenschaftlichen Fächer bei solchen Initiative in einer anderen Liga spielen, hat zum Teil mit dem erhöhten Finanzbedarf zu tun, eine offene Politik der Kürzung in den Geisteswissenschaften ist keineswegs "gut so". Es ist eine Tragödie. Und Abiturienten, die bei der Wahl des Studienfaches nicht auf ihr Herz hören, sondern ins Börsenblatt schielen, davon wünsche ich mir nur ein paar. Denn leidenschaftliche Studenten werden solche Pragmatiker nicht unbedingt.
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