Frau Stein hat recht: Nicht Religionen töten, sondern Konfessionen, Kirchen, Gläubige. Sie macht sich die Sache aber sehr leicht, wenn sie Fanatikern die Rechtgläubigkeit abspricht - auch sie berufen sich auf die gleiche Religion. Es scheint also beides darin enthalten zu sein und wurde in fast der gesamten Geschichte der Religionen von den Anhängern auch so verstanden: Zwang und Freiheit jene für die Andersdenkenden, diese für die Gläubigen. Und Frau Stein vergisst, dass eine Religion ebenfalls eine Ideologie darstellt, die, vor allem was die monotheistischen Religionen betrifft, ebenso wie jene mörderischen Ideologien des 20. Jahrhunderts einen absoluten, universellen und exklusiven Anspruch erhebt - auch hierfür zieht sich der blutige Beweis durch die Geschichte.

Ein wenig erinnert die Argumentation Frau Steins an das Credo der amerikanischen Waffenlobby: Nicht die Waffe tötet, sondern der Mensch, der sie gebraucht. Sicher: Nicht die Ideologie/Religion mordet aber ohne sie hätte es vermutlich kein Morden gegeben. Hätte es den Holocaust ohne die nationalsozialistische Ideologie gegeben? Die Millionen von Toten in der Sowjetunion und der VR China ohne den Kommunismus? Den Völkermord an den Albigensern, die Inquisition ohne den Katholizismus? (Und gäbe es den Antisemitismus überhaupt ohne das Christentum?) Eine jede Ideologie mit diesem Anspruch gleicht einer geladenen Waffe, bereit, aufgenommen und abgefeuert zu werden.

Es ist nicht die Frage, ob dies geschieht, sondern lediglich wann.

Dr. Xaver Götzfried, Regensburg

Tine Stein hat Recht: Wahrhaftiger Glaube lässt sich nicht erzwingen.

In Bezug auf den christlichen Glauben möchte ich ihre Argumentation jedoch infrage stellen und durch eine stichhaltigere ersetzen. Nicht die menschliche Wahlfreiheit begründet die Unerzwingbarkeit des Glaubens. Im Gegenteil, sie hält die Möglichkeit, Zwang auszuüben, gerade offen: Ein Mensch, dem das Vermögen freier Entscheidung zugedacht wird, bleibt für Oppressionen stets attraktiv - Entscheidungen können erzwungen werden. Nicht die Wahlfreiheit also begründet die Unerzwingbarkeit des Glaubens, sondern: Glaube ist innere Erfahrung, Gefühl und als solcher menschlicher Verfügungsgewalt entzogen. Wie die Forderungen "Fühle jetzt!" oder "Erfahre doch!"

absurd sind, so der Imperativ "Glaube!". Ist dieser Charakter des christlichen Glaubens erkannt, ist jeglicher Oppression ein Riegel vorgeschoben. Der sachgemäße Modus der Glaubensvermittlung besteht dann nicht im Zwang, sondern im Zeugnis.