Kochen Der Küchenphilosoph
Der Literaturkritiker Bill Buford kündigte beim "New Yorker", um für ein Jahr Koch und Metzger zu sein. Ein Gespräch über Hausschlachtungen und die Erotik von Erdbeeren
Mister Buford, was bringt den Literaturkritiker des »New Yorker« dazu, als besserer Küchenjunge bei einem New Yorker Edelitaliener zu schuften?
Wissensdurst und Hunger nach Abenteuern. Im Rückblick fällt mir natürlich auch auf, dass ich dadurch wohl meine Midlife-Crisis bewältigt habe. Aber viel wichtiger und für mich persönlich alles entscheidend war, dass ich eine Leidenschaft fürs Kochen entwickelte, eine Passion, die mich immer stärker in Bann schlug und fesselte.
Wie hat Ihre Frau reagiert, als Sie ihr eröffneten, dass Sie jetzt Koch und Metzger werden wollen?
Sagen wir so: Sie hat es durchgestanden. Es war alles andere als ein schmerzloser Prozess.
Etwas genauer bitte?
Mir hat unlängst jemand gesagt, die heimliche Botschaft meines Buchs bestehe darin, dass ich eine sehr tolerante Frau habe, dich mich wirklich liebt. Es fing schon damit an, dass ich ziemlich abrupt aus ihrem Leben verschwand, weil sich mein Rhythmus durch die Arbeit in Mario Batalis Babbo bis in die sehr späten Nachtstunden hinein verschob. Und als ich dann in die Toskana ging, um bei Dario Cecchini Einblick ins Metzgerhandwerk zu gewinnen, waren dafür nur ein paar Wochen geplant. Inzwischen überlegen wir, zumindest für einen Teil des Jahres nach Italien überzusiedeln. Mein Faible fürs Kochen hat unser Leben total auf den Kopf gestellt.
Wird Essen inzwischen nicht heillos überbewertet?
Sicher erleben wir gerade einen Schlüsselmoment im Verhältnis des Menschen zu seiner Nahrung. Wir haben noch nie so viel darüber gewusst, was in unser Essen wandert – oft auch überaus schädliche, widerwärtige und schlimme Sachen, und gleichzeitig hatten in der Geschichte unserer Zivilisation noch nie so viele Menschen so wenig Ahnung vom Kochen. Es ist diese Dissonanz zwischen Wissen und Ignoranz, die das Thema so spannend macht. Im Grunde lag darin das Hauptmotiv für mein Buch.
Was haben Sie gelernt?
Essen ist mindestens so sehr Ausdruck eines bestimmten Orts wie einer bestimmten Kultur. Kochen ist ein Zugang zur Welt. Ich bin gerade in Brasilien gewesen, im Regenwald. Dort habe ich Zutaten und Zubereitungsweisen kennengelernt, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Was die Menschen dort zum Beispiel aus Bohnen machen, ist einfach unglaublich. Im Essen spiegeln sich uralte Traditionen – man lernt sozusagen nicht nur das kennen, was die Menschen irgendwo auf der Welt heute über Essen denken, sondern auch das, was ihre Großmütter und Urgroßmütter gedacht haben. Je mehr ich übers Kochen in Erfahrung bringe, desto größer wird meine Neugier auf alles, was damit zusammenhängt: kulinarisch, ästhetisch-kulturell und politisch.
Wie politisch ist Kochen?
Was wir essen, hat immer mit Politik zu tun. Denken Sie nur an das frühere Wildprivileg des europäischen Adels oder heute an die französischen Roquefort-Bauern, die McDonald’s-Filialen in Brand stecken. Wenn unsere Nahrung ein Ausdruck der Landschaft ist, in der wir leben, also der jeweiligen Region, dann folgt daraus, dass Essen auch etwas mit Staatlichkeit und Nation zu tun hat. Die politische Brisanz des Kochens ist heute am ehesten mit der von Lokalpolitik vergleichbar. Gerade das macht in den USA etwa die Slow-Food-Bewegung für viele Menschen so anziehend: dass es im Grunde um eine sehr einfache politische Haltung geht, die nicht so radikal, ausformuliert und allumfassend ist wie die Biobewegung vor 20 oder 30 Jahren.
Wo sehen Sie den Unterschied?
Damals war der politische Anspruch revolutionär und betraf alle Lebensbereiche. Die amerikanische Biobewegung wurde von Hippies gegründet, denen als Fernziel ein Leben in sich selbst versorgenden Kommunen und andere menschheitsbeglückende Gesellschaftsexperimente vorschwebten. Diese Hippies sind zwar in die Jahre gekommen, aber ihre Ziele sind immer noch die gleichen. Die Menschen, die sich heute dafür interessieren, was auf ihrem Teller landet, haben im Vergleich dazu einen viel kleineren, aber realistischeren politischen Anspruch. Im Grunde läuft alles auf den Slogan hinaus: Regional essen!
Was heißt das konkret?
Regional essen bedeutet zunächst schlicht besser essen. Regionale Produkte sind einfach frischer und damit schmackhafter – vor allem im Sommer. Es ist doch der schiere Wahnsinn, tiefgefrorene, bestrahlte, begaste oder sonstwie haltbar gemachte Produkte aus einem Supermarkt zu holen, die über den halben Kontinent gekarrt wurden, wenn man auf dem lokalen Wochenmarkt Gemüse kaufen kann, das gestern noch in der Erde steckte. Hier die richtige Wahl zu treffen ist eminent politisch und gleichzeitig ganz einfach: regional essen! Ein Salat aus dem Supermarkt ist ein Verbrechen, wenn man auf dem Markt die Wahl zwischen acht, zehn oder zwölf einheimischen Salatsorten hat, die frisch sind, nach Gegenwart schmecken und voller guter Dinge stecken.
Was haben Sie gegen Supermärkte?
Je mehr man vom Kochen versteht, desto mehr hasst man Supermärkte. Supermärkte tragen die Hauptschuld am Niedergang der amerikanischen Esskultur. Sie sind der allerletzte Ort, wo man Essen kaufen sollte. So praktisch und wirtschaftlich erfolgreich Supermärkte auch sein mögen, für unsere Ernährung bedeuteten sie den Ruin. Und Sie werden jedenfalls in den USA kaum jemand finden, der mir da widerspricht. Nichtsdestotrotz sind die meisten von uns Kinder der Supermärkte. Dass wir nicht mehr wissen, wie man kocht und was die Spezialitäten unserer Region sind, haben wir den Supermärkten zu verdanken. Außer wässrigen Gurken, aromalosen Tomaten und grauenhaften Fertiggerichten haben Supermärkte nämlich noch etwas im Angebot: Dummheit! Sie sind für unsere bodenlose kulinarische Unwissenheit verantwortlich. Genau diese Frage stand am Anfang meines Buchs: Warum weiß ich nicht mehr? Wieso kann ich nicht besser kochen? Weshalb kann ich nicht einfach auf den Markt gehen und kochen, was da gerade angeboten wird – auch wenn ich es vielleicht noch nie zubereitet habe? Inzwischen mache ich das, aber früher hätte mir das Selbstvertrauen gefehlt.
Verstehen Sie sich als kulinarischen Aufklärer?
Am Anfang standen keine so hochtrabenden Begriffe. Ich war ganz einfach von dem Wunsch beseelt, so viel wie möglich übers Kochen zu erfahren. Deshalb suchte ich nach einem plausiblen Vorwand, in eine Profiküche zu kommen und dort alles zu lernen, was nur menschenmöglich war. Anschließend bin ich zu einem Metzger in die Toskana gegangen und habe mir von ihm alles beibringen lassen, was ich aufnehmen konnte. Dasselbe geschah ein drittes Mal, als ich in Italien mit Menschen arbeitete, die Pasta herstellten und von denen ich mich in diese Kunst einführen ließ. Erst jetzt, wo diese Erfahrungen hinter mir liegen, erkenne ich, dass mein Wunsch, mich mit Wissen vollzusaugen wie ein Schwamm, vielleicht in einem größeren Zusammenhang steht.
Inwiefern?
Überall auf der Welt erkennen immer mehr Menschen, dass Nahrungsmittel aus dem Supermarkt schlicht und einfach scheiße sind. Das tut mir unglaublich gut. Die meisten industriell hergestellten Lebensmittel zerstören alles, was Essen interessant macht. Aber es gibt eine andere Welt des Essens, und diese Welt entdecken wir gerade. Ich sehe mich nicht als Teil einer Bewegung, aber jetzt, nach Abschluss meines Buchs, erkenne ich in den USA, in England und auf dem europäischen Festland jede Menge Verbündete. Wir leben, was Essen angeht, in interessanten Zeiten. Ob es auch gesunde Zeiten sind, wage ich nicht zu beurteilen. Immer mehr Menschen gelangen zu der Erkenntnis, dass es einen anderen Zugang zum Essen gibt, der aufregender und befriedigender ist. Wenn man das aufklärerisch nennen möchte, soll’s mir recht sein. Ich nenne es Spaß.
Exzess charakterisiert den amerikanischen Lebensstil im Allgemeinen und die New Yorker Restaurantszene im Besonderen. Warum immer diese übervollen Teller?
Diese Üppigkeit ist das Erbe der Einwanderer, die nach dem Motto »Lieber zu viel als zu wenig« kochten. Heute ist aus dieser Großzügigkeit reine Verschwendung geworden, und das ist ein Jammer. Ich war heute Mittag mit meiner Frau in Andy Nussers Tapas-Restaurant Casa Mono und bestellte als Beilage Artischocken. Wir erhielten 18 kleine Artischocken. Natürlich würde kein Mensch privat solche Mengen servieren. Aber man geht auch nicht aus, um zu essen wie zu Hause. Wer ausgeht, will das Glück erfahren, dass andere Menschen für einen kochen, und ein Teil dieses Glücks ist eine gewisse Überreichlichkeit.
Was würden Sie einer 13-Jährigen erwidern, die angesichts des Hungers auf der Welt diese Fixierung aufs Essen und diese Überreichlichkeit schlicht pervers nennt?
Wir sind gewohnt, in Entweder-oder-Kategorien zu denken. Die Welt ist aber nicht schwarz-weiß, sondern schwarz und weiß, und dazwischen gibt es unendlich viele Graustufen. Es ist richtig, an die Hungernden in der Welt zu denken und die globalen Auswirkungen lokaler Ernährungsgewohnheiten im Blick zu behalten. Es ist aber auch richtig, dass wir uns nun einmal ernähren müssen und dass die Art, wie wir das tun, unsere Identität, unsere Kultur und unsere Tradition zum Ausdruck bringt. Ich würde der 13-Jährigen also erklären, dass ich ihren Zorn auf die Verantwortlichen für den Hunger teile, ihr aber gleichzeitig eine grünere und politischere Perspektive aufs Essen vermitteln. Gutes Essen ist eine Möglichkeit, eine Beziehung zur Natur aufzubauen.
Diese Beziehung ist schwer gestört. Die Ekelschwelle vieler Menschen in westlichen Industrienationen wird immer niedriger…
Auch hier sehe ich unsere guten alten Bekannten, die Supermärkte, in der Hauptverantwortung. Noch der gammeligste Supermarktburger wirkt in seiner Folienverpackung ultraclean. Die hygienischste Hausschlachtung sieht dagegen aus wie ein Massaker.
Was löst Ekel in Ihnen aus?
Tofu. Keine Ahnung, warum Menschen so was essen. Für mich schmeckt Tofu wie gestockter Quallenrotz.
In allen westlichen Industrieländern geht der Verzehr von Innereien stark zurück, in Deutschland zum Beispiel in den letzten 20 Jahren um 75 Prozent. Woran liegt das?
Es ist symptomatisch für einen allgemeinen Trend beim Fleischgenuss. Die Entfremdung vom Tier und vom Schlachten führt dazu, dass lediglich noch die sogenannten prime cuts , also die vermeintlich edelsten Teile wie Filet und Steak, in Restaurants der Oberklasse angeboten werden. Einerseits war die Sterneküche natürlich immer schon auf die besten Fleischstücke fokussiert. Andererseits gibt es heute aber schon eine regelrechte Angst der Köche, von diesen prime cuts abzuweichen und auch einmal etwas anderes auf die Karte zu setzen. Mir persönlich scheint es viel einleuchtender, ein Tier vom Schwanz bis zu den Ohren aufzuessen. Auf diese Weise Fleisch zu verzehren ist einfach viel kreativer, komplexer und authentischer. Zudem schränkt man auf diese Weise ganz unwillkürlich den eigenen Fleischkonsum ein, denn wer so kocht, erhält ganz automatisch ein viel klareres Bild davon, dass ein Rind nun mal nicht ausschließlich aus Filet besteht.
Hat der explosionsartige Anstieg von Magersucht und Bulimie etwas mit dieser Entfremdung zu tun?
Für eine Antwort darauf fühle ich mich offen gestanden nicht kompetent. Ich habe zwar das Gefühl, dass es so einen Zusammenhang geben könnte, aber ich weiß es nicht mit Sicherheit.
Hatten Sie selbst je Probleme mit Ihrem Gewicht?
Es gab Zeiten, da hatte ich starkes Übergewicht. Ich habe radikale Diäten, richtige Rosskuren hinter mir.
Und heute?
Mein Leben hat sich drastisch verändert, seitdem ich darauf achte, immer gut zu essen. Ich habe 20 Pfund in drei Monaten abgenommen, und zwar ganz ohne Diät. Einfach dadurch, dass ich darauf geachtet habe, was ich zu mir nehme, und indem ich gut gegessen habe. Jetzt, wo ich beruflich ständig mit Essen zu tun habe und sich insbesondere meine Haltung zum Fleischkonsum stark gewandelt hat, glaube ich, eine etwas ausgewogenere Einstellung zu meiner Ernährung gefunden zu haben.
Wieso haben denn so viele Menschen Probleme mit dem Essen?
Weil der Wunsch, schlank zu sein, in einer Welt voller vor Fett und Zucker triefender Nahrungsmittel langfristig Irrsinn produziert. Wenn ich hier in New York einen Schritt auf die Straße setze, bin ich umgeben von tausend Kalorienbomben, die nur eine Botschaft aussenden: »Iss mich, iss mich, iss mich!« Unser Schlankheitsideal ist die Folge einer Ernährungswelt, die schlicht verrückt geworden ist – das Symptom einer viel umfassenderen Krankheit. Manchmal denke ich, in den USA ist diese Krankheit am weitesten fortgeschritten.
Warum und wodurch ausgelöst?
Ich lebe in einem Land, in dem keiner kochen kann. Wahrscheinlich war diese Entwicklung seit der Erfindung der geschlossenen Kühlkette nicht aufzuhalten: Die Kühlung ermöglichte die Supermärkte, und die Supermärkte ermöglichten die Art, wie Menschen in Amerika sich heute ernähren. In meinen schwärzesten Stunden halte ich die USA mitunter für den Quell alles Bösen, was Ernährung anlangt. Ob die Amerikaner sich in Filialen von Fast-Food-Ketten ernähren oder aus Supermärkten, läuft auf dasselbe hinaus. Wer in einen Fast-Food-Imbiss geht, verzehrt das Essen in der Tüte in der Regel im Auto. Und wer in einen Supermarkt geht, trägt die Tüte eben nach Hause und erwärmt das Gekaufte in seiner Küche. Im Grunde sind die Nahrungsmittel, die Sie dort kaufen können, ebenfalls Fast Food. Nur muss man mit dem Zeug aus dem Supermarkt eben noch irgendwas machen: es erwärmen, eine Packung aufreißen und in die Mikrowelle stellen.
Weshalb muss man denn kochen können? Warum kann man das in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht getrost Experten überlassen?
Wer nicht kochen kann, hat auch kein echtes Verhältnis zu seiner Nahrung. Man mag vielleicht sehr viel über Giftstoffe wissen, man mag biologisch-dynamisch erzeugte Nahrungsmittel bevorzugen und darüber aufgeklärt sein, was für perverse Sachen heutzutage mit Schweinen angestellt werden. Aber das nützt alles gar nichts, wenn man nicht kochen kann. Kochen ist nun mal der grundlegende Zugang zum Verständnis der Ernährung. Wer will schon in einem ganzen Land voller Nichtköche leben?
Gleichzeitig explodiert die Zahl der Fernsehköche – in den USA gibt es sogar den Fernsehsender Food Network. Lässt sich durch Fernsehgucken kochen lernen?
Die Kocherei im Fernsehen ist ein Symptom derselben Krankheit unserer Epoche. Ich begreife bis heute nicht, warum hundert Millionen Menschen, die nicht kochen können und irgendwelchen Mist aus dem Supermarkt in sich hineinstopfen, auf ihren Sofas sitzen und anderen Leuten in grenzdebilen Sendungen dabei zugucken, wie man Essen zubereitet.
Die Parallele zur Pornografie liegt auf der Hand: Auch Pornos werden nicht von Leuten konsumiert, denen es ums Know-how geht…
Das Fernsehen hat entdeckt, dass dem Kochen eine erzählerische Dramatik innewohnt. Beim Kochen wird eine Art Urgroßmutter-Drama inszeniert. Jeder Koch führt dieses Drama auf: erster Akt – die rohen Zutaten. Zweiter Akt – die verschiedenen Zubereitungsweisen. Dritter Akt – das gekochte Essen. Wir können uns buchstäblich nicht satt sehen an diesem Drama, das die ewig gleiche, ewig neue Geschichte erzählt: wie aus Rohem Gekochtes entsteht. Dieses Drama liegt sämtlichen Kochsendungen der Welt zugrunde. Jeder, der kocht, ist unbewusst damit vertraut. Unser Essen steckt voller Geschichten. Einen Abglanz davon erhält sogar, wer ein Restaurant besucht, von der Vorspeise bis zum Espresso danach.
In der deutschen Provinz flüsterte der Metzger früher bei Hausschlachtungen dem Tier vor der Tötung eine Formel ins Ohr, mit der er es um Vergebung bat…
Das gefällt mir. Immer mehr Menschen machen sich zu Recht Gedanken über die ethischen Implikationen des Fleischessens. Das Problem ist ja nicht damit gelöst, dass wir sagen, wer nicht damit einverstanden ist, dass Tiere um ihres Fleisches willen getötet werden, der soll eben Vegetarier werden. Ich finde, wenn man Fleisch isst, dann sollte man wissen, von welchem Tier das Fleisch stammt und unter welchen Umständen dieses Tier getötet wurde. Auch das hat etwas mit Respekt zu tun. Und zudem ist es in der Regel so: Je mehr sich über das Tier in Erfahrung bringen lässt, desto besser ist die Qualität des Fleisches.
Warum haben Sie sich nicht damit zufrieden gegeben, kochen zu lernen, sondern sind in die Lehre zu einem Metzger in die Toskana gegangen?
Im Grunde war diese Entscheidung die Fortsetzung eines Weges, den ich schon in meiner Jugend eingeschlagen habe. Als junger Mann habe ich angefangen zu jagen, obwohl ich ursprünglich sehr gegen die Jagd eingestellt gewesen war. Ich hielt sie für grausam. Aber als ich über die moralische Rechtfertigung des Fleischessens nachgrübelte, kam ich zur genau der gegenteiligen Meinung. Irgendwann wurde mir klar, dass es kaum gesünderes Fleisch geben kann als von einem Tier, das in der Wildnis lebt und jeden Tag in Bewegung verbringt. Gibt es einen besseren Weg, einen Wald zu essen? Natürlich kann man versuchen, sich einen Wald direkt einzuverleiben. Aber das wird selbst die Verdauung der überzeugtesten Vegetarier auf eine harte Probe stellen. Wenn man jedoch ein Reh verzehrt, ist das ein perfekter Weg, einen Wald zu essen.
Wo jagen Sie?
Meine Familie besitzt ein Stück Land in Florida. Ich gehe dort seit bald 30 Jahren ziemlich regelmäßig auf die Jagd. Da gibt es viel Rotwild, außerdem Wildschweine, wilde Truthähne, Tauben und Wachteln. Allerdings rücken die Menschen unserem Land immer näher, weshalb es vermutlich in ein paar Jahren damit vorbei sein wird.
Welche Art Essen bedeutet für Bill Buford Heimat?
Meine Familie stammt aus Louisiana, aber als ich fünf war, zogen wir nach Kalifornien. Köche erzählen in Interviews immer gern von ihren wunderbaren Großmüttern, die ihnen alles beigebracht haben, was sie übers Kochen wissen. Bei mir ist es genau umgekehrt. Meine Großmutter war eine katastrophale Köchin und hat eigenhändig den Geschmack einer ganzen Generation Bufords verdorben.
Wodurch?
Natürlich durch Supermarktessen. Mein verstorbener Vater und seine Geschwister waren Opfer ihres kulinarischen Erbes. Erst neulich konnte ich mich wieder davon überzeugen, als ich mich mit zwei meiner Onkel in der Toskana traf, wo wir eine herrliche Mahlzeit einnahmen, zu der unter anderem ein ganz tolles Gericht mit Rüben gehörte. Meine Onkel sagten sofort wie aus einem Mund: Ach Gott, bloß keine Rüben. Und ich hörte aus ihrer Ablehnung sofort die kulinarische Prüderie meines Vaters heraus, der genauso dachte. So was kommt davon, wenn man eine schreckliche Köchin zur Mutter hat.
Ihr liebstes Trostessen?
Pasta. Eine Trockenpasta wie Linguine oder aber Spaghetti mit irgendwas.
Was kochen Sie für Ihre Frau, wenn sie einen harten Tag hatte?
Um die Wahrheit zu sagen: Es ist ihr egal.
Das erotischste Nahrungsmittel?
Erotisch sind für mich alle Nahrungsmittel, die Aroma mit Vergänglichkeit kombinieren. Zum Beispiel Walderdbeeren, die es in perfekt reifem Zustand nur wenige Tage im Jahr gibt. In meinen Augen das ideale Essen für Liebespaare: Finger-Food, ganz und gar Ausdruck der Region und der Zeit. Das beste Essen hat immer etwas mit einer Feier der Gegenwart zu tun, weil es eben wirklich nur in diesem flüchtigen Moment genossen werden kann.
Ihre Henkersmahlzeit?
Linguine alle Vongole, dazu einen großen italienischen Rotwein und einen grünen Sommersalat, angemacht mit Zitrone und einem tollen Olivenöl.
Küchen von Sternerestaurants sind die disziplinhörigsten Einrichtungen, die man sich im Zivilleben vorstellen kann. Da geht’s zu wie auf dem Kasernenhof.
Stimmt. Die Küche dürfte der einzige Ort außer dem Militär sein, wo die Hierarchie unkritisch und ohne jede Hinterfragung einfach akzeptiert wird. Zudem ist die Küchenhierarchie eine besonders brutale Hierarchie. An der Spitze gibt es einen Boss, dem alle blindlings zu gehorchen haben, und so geht das die ganze Hackordnung herunter bis auf die allerunterste Sprosse der Leiter. Und wer das infrage stellt oder kritisiert, wird gefeuert.
Braucht das Kochen eine 68er-Bewegung?
Basisdemokraten in der Küche bauen Scheiße. Ich sage das nicht gern, aber es ist einfach so. Es gibt hier in New York sehr viele Restaurants, wo Sie als Gast an dem, was Sie auf dem Teller haben, sofort merken, ob der Chef da ist oder nicht. Das geht nicht.
Ist ein solches Küchenmanagement wirklich noch zeitgemäß?
Lassen Sie mich mit einer Anekdote antworten. Meiner Erfahrung nach wollen Köche, wenn sie einmal ausgehen, sich an einen Tisch setzen und von da an keinerlei Entscheidung mehr treffen und keinerlei Verantwortung mehr übernehmen. Sie sind buchstäblich unfähig, auch nur einen Wein auszusuchen. Eine Küche zu leiten bedeutet, konsistente Leistung unter inkonsistenten Bedingungen zu erbringen. Also auf gleichem Niveau zu kochen, obwohl die Qualität der Zutaten immer anders ist, die äußeren Faktoren bis hin zum Wetter sich ständig ändern, die Zahl der Gäste schwankt, der Zeitpunkt ihres Eintreffens variiert, an manchen Tagen alle dasselbe bestellen und an anderen alle was Unterschiedliches – von den Launen der Mitarbeiter in der Küche und im Service ganz zu schweigen, ebenso von der eigenen Tagesform. Herrschaft, Unterwerfung und Kontrolle, darauf läuft die Arbeit eines Kochs hinaus. Wenn diese Typen also ausgehen, wollen die nur noch eines: Passivität. Die sagen bloß noch: Gib uns was zu essen!
Ihr Mentor Mario Batali behauptet im Buch, Frauen seien die besseren Köche. Stimmen Sie ihm zu?
Ja, aber mit dem Zusatz, dass solche verallgemeinernden Beschreibungen immer nur sehr vergröbernd wahr sind und keinesfalls auf jedes Individuum zutreffen. Frauen in der Küche verhalten sich meist weniger einschüchternd, großmäulig und testosterongetrieben als Männer. Und Frauen haben – wiederum stark vergröbernd gesprochen – ein geringeres Interesse an kulinarischer Innovation als an der Zubereitung einer gelungenen Mahlzeit. Das sind ja im Grunde die beiden Extreme der kulinarischen Welt. Steht ein Mann in der Küche, hat man vielleicht ein präziser zubereitetes Gericht auf dem Teller. Einen netteren Abend verbringt man aber, steht eine Frau in der Küche – vor allem, wenn sie sich dann noch zu einem an den Tisch setzt.
Ihr Buch beginnt damit, dass Sie einen berühmten Koch bei sich zu Hause privat zum Essen einladen, worauf Ihre Frau Sie für verrückt erklärt. Haben die Menschen heute Angst, Sie zum Essen einzuladen?
Wir wurden in den letzten beiden Jahren exakt ein einziges Mal privat zum Abendessen eingeladen. Darüber sollte ich vielleicht mal nachdenken.
Das Gespräch führte
Denis Scheck
, Literaturkritiker und Moderator des Büchermagazins »Druckfrisch«
Bill Bufords Reportagebuch »Hitze. Abenteuer eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling« erscheint Anfang Februar auf Deutsch bei Hanser
- Datum 18.01.2008 - 03:02 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 17.01.2008 Nr. 04
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