US-Justiz Geraubtes Leben

Jerry Miller aus Chicago saß fast 25 Jahre wegen Vergewaltigung im Gefängnis – mehr Jahre, als er bis dahin in Freiheit verbracht hatte. Erst ein DNA-Test erwies seine Unschuld. Sein Fall deckt die Schwachstellen des US-Justizsystems auf

Vielleicht ist er jetzt, ganz zum Schluss, unvorsichtig geworden. Vielleicht hätte er den Stapel ruhen lassen sollen wie all die Jahre. Jerry Miller legt die in Plastiktüten gewickelten Papiere – die Gerichtsmitschrift, Polizeiunterlagen, Verhörprotokolle – zurück auf die Matratze am Boden. Er steht auf, geht durch den kahlen Flur des Hauses seines jüngsten Bruders, an den zerlöcherten Sofas und dem großen LCD-Fernseher vorbei, tritt vor die Tür und atmet durch. Es ist früher Abend in Südchicago, dem schwarzen Teil der Stadt. Leichter Wind geht durch die Bäume, vor den Türen der spartanischen Nachbarbungalows lungern Jugendliche vor ihren verbeulten Autos herum. Man kann den Highway hören.

Seit 26 Jahren gibt es diesen Stapel. Miller hat jedes neue Blatt, das seit dem 1. Oktober 1982 dazukam, sorgsam obendrauf gelegt und dann die Plastiktüten wieder dicht darum verschlossen. Die unteren Blätter sind mittlerweile fest miteinander verklebt. Miller hat diese Papiere beschützt wie sein Leben. Er hat gelernt, dass die Wahrheit ohne Beweise nichts wert ist. Auf Montag, 23. April 2007, ist das oberste, bislang letzte Dokument datiert. »Ihre Verurteilung ist aufgehoben«, steht dort knapp. Ein DNA-Vergleich hat erwiesen, dass Jerry Miller die Vergewaltigung, wegen der er 1982 verurteilt worden war, nicht begangen hat. Knapp 25 Jahre saß er unschuldig im Gefängnis. Länger, als er jemals in Freiheit war.

Jerry Miller blickt die Straße hinab und geht zurück ins Haus. Er, der seit Jahren ein Blatt auf das andere legt, hat in ihnen seit vielen Jahren nicht mehr gelesen. »Ich hätte da auch jetzt nicht reingucken sollen, Mann. Das wühlt mich zu sehr auf.« Als sei das Unrecht, das ihm geschah, jetzt in Freiheit schwerer auszuhalten als in den 25 Jahren seiner irrtümlichen Gefangenschaft.

Die Geschichte, wie sie das Polizeiprotokoll dokumentiert, beginnt an einem Mittwoch. 16. September 1981, 21.30 Uhr, Downtown Chicago, die weiße Nordstadt. Draußen regnet es. Im Büro ist es spät geworden, aber bis zum Parkhaus sind es nur ein paar Schritte. Roberta S. überquert die North Rush Street, nimmt den Aufzug zum obersten Stock und geht zu ihrem Auto. Seit acht Jahren parkt sie hier, seit sie diese abendlichen Computerseminare gibt. Roberta ist 44, nicht verheiratet und lebt mit ihrer Mutter zusammen. Sie schaltet die Alarmanlage ihres Autos aus und legt die Handtasche auf den Rücksitz, als sie hinter sich Schritte hört. Sie will sich umwenden, aber eine Stimme befiehlt: »Dreh dich nicht um!«

Ein Mann drängt sie ins Auto, schlägt sie ins Gesicht, würgt sie. Er sagt: »Wenn du mich anguckst oder schreist, bring ich dich um.« Sie gehorcht. Er nimmt ihr Geld, reißt ihre Bluse auf, zieht ihr die Goldkette vom Hals und drückt sie auf den Rücksitz. Als er fertig ist, zieht er seine Hose hoch. Er sperrt Roberta in den Kofferraum, nimmt das Parkticket, schaltet das Radio an und fährt in Richtung Ausgang.

Die Frau an der Kasse kennt Roberta schon seit Langem, den Mann hat sie noch nie gesehen. Sie fragt ihn erstaunt, wem das Auto gehöre, bittet ihn, etwas zurückzufahren. Von hinten tritt ein zweiter Parkhausmitarbeiter auf das Fahrzeug zu. Der Mann steigt aus, geht langsam in Richtung Kasse, beginnt dann zu laufen, rennt durch das offene Tor und verschwindet in der Nacht. Er trägt dunkle Kleidung und ein Haarnetz.

Die Geschichte, wie sie Jerry Millers erzählt, beginnt 72 Stunden später, an einem Samstag. 19. September 1981, Südchicago. Es ist ein Abend wie viele andere. Jerry liegt zu Hause bei seinen Eltern in der Hoxie Street auf dem Bett und blättert in einem Buch über Schweißtechnik. Er ist 22 Jahre alt und vor drei Jahren aus Korea heimgekehrt. Dort hatte er die letzten sechs Monate seiner Armeezeit für seine Einheit gekocht. Seitdem will er vor allem Spaß haben. Sein Sold ist dabei längst draufgegangen. Den Küchenjob in einem Restaurant auf der Nordseite der Stadt hat er gekündigt, weil sie ihm fürs Zuspätkommen Geld vom Lohn abgezogen haben. Das fand er nicht cool.

Gegen Viertel vor neun klopft es an die Haustür. Es ist der Polizist, der Jerry knapp eine Woche zuvor auf der weißen Nordseite von Chicago angehalten hat, um seine Personalien zu überprüfen. Jerry hatte eine Bewerbung bei einem Donut-Laden abgegeben und war auf dem Weg zum Bus. Der Polizist sagt jetzt, er habe noch Fragen an ihn, legt ihm Handschellen an und nimmt ihn mit aufs Revier. Jerry trägt eine braune Lederjacke und ein Haarnetz.

Auf dem Revier vernimmt man ihn, fragt, was er am 19. September gemacht habe. Und Jerry erzählt. Dass er am Morgen früh aufgewacht sei, weil ihn die Leiste schmerzte. Dass er zum Veterans Hospital gefahren sei, so gegen acht, und dort eine Blut- und Urinprobe abgegeben habe. Dass er dort schon länger wegen der Leistensache in Behandlung sei. Dass er sich gegen Mittag zu Hause wieder ins Bett gelegt habe. Dass, als er aufwachte, seine Mutter, sein Onkel Gilbert und sein Vater da gewesen seien, weil sie den Meisterschaftsboxkampf zwischen Tommy Hearns und Sugar Ray Leonard im Fernsehen gucken wollten. Dass er, Jerry, seinen Onkel hinterher nach Hause gefahren habe.

Jerry hat keine Angst. Warum sollte er sich Sorgen machen? Er hat so viele Zeugen. Die Polizei wird ihren Irrtum schon noch einsehen.

Am nächsten Tag führt man Jerry mit vier anderen schwarzen Männern in einen Raum und stellt ihn vor einen großen Spiegel. Jerry hat bis jetzt keinen Anwalt gesehen. Auf der andern Seite des Spiegels steht Elaine Boston, die Kassenfrau des Parkhauses. Neben ihr zwei Polizisten, die wissen, dass Jerry der Tatverdächtige ist. Elaine Boston guckt sich die fünf Männer an, vergleicht sie, Nummer zwei mit drei, eins mit vier, eins mit drei. Dann zeigt sie auf den Ersten in der Reihe, Jerry. Das ist der Täter. Milton Steward, der zweite Parkhausmitarbeiter, kommt in den Raum. Auch er sieht sich die fünf Männer an. Er ist unsicher. Der da? Er zeigt auf den Ersten in der Reihe, Jerry, der sieht so aus, aber er weiß nicht – na ja – oder doch, ja, doch, das ist er.

Jerry Miller wird der Vergewaltigung, Körperverletzung und der versuchten Entführung angeklagt.

Was ihm geschieht, ist kein Einzelfall. In den USA saßen im Juni 2006 2,3 Millionen Menschen im Gefängnis, und viele dieser Gefangenen behaupten, sie seien zu Unrecht eingesperrt. Aber wer glaubt einem Vergewaltiger, einem Mörder? Erst der DNA-Test hat in vielen Fällen die Möglichkeit geschaffen, solchen Klagen nachzugehen und herauszufinden, ob es sich um das Lamento eines Verbrechers handelt oder um den verzweifelten Hilferuf eines Justizopfers.

Als der DNA-Test 1987, drei Jahre nach seiner Entwicklung in England, zum ersten Mal als Beweismittel vor einem amerikanischen Strafgericht zugelassen wurde, dachte man, endlich ein Mittel gefunden zu haben, um Täter besser und schneller überführen zu können. Die genetischen Daten eines Verdächtigen konnten nun mit dem am Tatort sichergestellten genetischen Material abgeglichen werden. Im Gegensatz zu älteren Methoden wie der Haaranalyse liefert die DNA-Analyse eine Wahrscheinlichkeit von eins zu mehreren Hundert Millionen. Laut FBI wird inzwischen ein Drittel aller Hauptverdächtigen in Vergewaltigungsfällen schon vor der Verhandlung per DNA-Test ausgeschlossen. Das entlastet die Gerichte. Das gefiel George W. Bush. Und so hat er von 2003 bis 2008 eine Milliarde Dollar bereitgestellt, um mehr Testlabore einzurichten.

Aber der DNA-Test funktioniert auch andersherum: Er vermag rechtskräftig Verurteilte zu entlasten. Dass bislang 211 als Verbrecher Abgeurteilte mit derselben Methode ihre Unschuld beweisen konnten, verunsichert Amerika. In Chicago wurde im Jahr 2000 aus diesem Grund sogar die Todesstrafe ausgesetzt. 14 zu Unrecht Verurteilte hatten auf ihre Hinrichtung gewartet. Wie viele waren schon hingerichtet worden?

Der DNA-Test hat die Schwachstellen des Justizsystems bloßgelegt. Dass es schlechte Anwälte gibt, ist kein Geheimnis. Aber dass 75 Prozent der Freigesprochenen aufgrund einer falschen Augenzeugenidentifizierung verurteilt worden sind, das ist neu. Natürlich ist auch der DNA-Test keine Wunderwaffe. Nur bei 20 Prozent aller Straftaten taugt er, um über Schuld und Unschuld zu entscheiden. Um in den übrigen Fällen zu einem gerechten Urteil zu finden, müssen die Schwachstellen im System beseitigt werden.

Einige Staaten haben daher begonnen, die Verfahrensmethoden ihrer Strafjustiz zu überprüfen. Es werden neue Regeln für die Identifizierung von Tatverdächtigen erarbeitet. So soll es in Maryland, North Carolina, Vermont und West Virginia in Zukunft Augenzeugen nicht mehr möglich sein, die Gegenübergestellten miteinander zu vergleichen, weil auf diese Weise per Ausschlussverfahren oft nur der wahrscheinlichste Kandidat ausgewählt wird. Zudem soll der begleitende Polizist selbst nicht wissen, wer der Tatverdächtige ist, um suggestive Fragestellungen zu vermeiden.

Mit Ausnahme von acht Staaten haben Gefangene mittlerweile bundesweit die Möglichkeit, DNA-Beweismaterial nachträglich anzufordern. In North Carolina wurde die erste Unschulds-Kommission gegründet, an die sich Verurteilte wenden können. Die Kommission entscheidet, ob der Fall auch nach Ablauf aller Berufungsfristen noch einmal aufgenommen wird. Und in Houston beginnt man gerade, mehr als 600 Ergebnisse des Polizeilabors zu kontrollieren, nachdem 2005 ein Gefangener freigesprochen wurde, der wegen eines Laborfehlers zu 60 Jahren Haft verurteilt worden war.

Peter Neufeld, einer der Direktoren des Innocence Project in New York, sieht in Urteilsaufhebungen qua DNA-Analyse den stärksten Impuls der vergangenen 40 Jahre für eine Justizreform. Seit 1992 hat seine Organisation die größte Anzahl unschuldig Verurteilter nachgewiesen. Kritiker fürchten jedoch, dass solche Reformen Anwälten noch mehr Möglichkeiten böten, bei Prozessen die Verwendung von Beweismitteln wegen Verfahrensfehlern zu unterbinden. In Kalifornien kämpft die Vereinigung der Sheriffs bereits gegen ein Gesetz, das ihnen vorschreibt, jede Befragung eines Verdächtigen aufzuzeichnen.

Mit seinem kurzen Haar und dem akkurat schmalen Oberlippenbart erinnert Jerry Miller heute, mit 48 Jahren, an einen Reverend aus den sechziger Jahren. Mit dem Nacken eines Stiers und dem Bauch eines Befreiten – er klopft darauf. »Das Essen hier draußen ist so gut.« Er liebt Barbecue. Miller trägt weiße Turnschuhe, schwarze Jeans und ein dunkles T-Shirt, alles frisch gebügelt, keine Tätowierungen. »Wenn man mich sieht, würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass ich im Gefängnis war.«

Seit seiner Entlassung fährt Miller einen der Busse seiner Cousine Karen Hicks. Sie betreibt ein kleines Transportunternehmen für alte und behinderte Menschen, bei dem sie ihre halbe Familie beschäftigt. Zu Karen will er jetzt, nachdem er seine Tasche wieder hinter der Matratze seines Bruders verstaut hat. Das Haus der Cousine steht auf der anderen Seite des Highways. Ihr Garten ist bepflanzt und gepflegt wie alle Gärten in der Nachbarschaft dort, die Innenwände des kleinen, einstöckigen Hauses sind dezent hellgrün und beige gestrichen, der Holzboden ist frisch abgeschliffen, auf dem Kamin stehen silberne Kerzenständer und Bilderrahmen, an der Küchenwand hängen große, gerahmte Bilder von Martin Luther King und Louis Farrakhan. Hier ist der Kühlschrank voll. Miller greift sich einen süßen Softdrink.

Als er verhaftet wurde, war Jerry alles andere als ein braver Junge und die Hoxie Street eine Straße voller Probleme. Sie liegt im Stadtteil Jeffrey Manor, einem ehemals jüdischen Einwandererviertel. In den sechziger Jahren zogen die ersten schwarzen Arbeiterfamilien zu, die es zu etwas Wohlstand gebracht hatten. Viel Industrie hatte sich in der Nähe angesiedelt, Jerrys Vater arbeitete als Werkzeug- und Formenbauer bei den Ford-Motorwerken. Die Weißen begegneten der Veränderung in ihrem Viertel mit wenig Gegenliebe, es kam zu Protesten gegen die neuen Nachbarn. Nach und nach verließen die Weißen Jeffrey Manor. In den siebziger und achtziger Jahren litt das Viertel stark unter der amerikanischen Wirtschaftskrise. Eine große Stahlfabrik, ein Hauptarbeitgeber, schloss, viele Väter verloren ihre Arbeit. Anfang der Achtziger lag die Arbeitslosenquote bei knapp 25 Prozent. Jerrys Vater allerdings war nie arbeitslos.

Mit 17 brach Jerry Miller die Highschool ab. Auf die Armeezeit sei er damals stolz gewesen, sagt er, doch seit seiner Heimkehr aus Korea saß er meistens im Haus seines ledigen Onkels Gilbert herum. Was sein Vater ihm sagte, worum er ihn bat, vergeude nicht dein Leben – all das habe ihn damals nicht interessiert. Jerry Miller hatte zwar keinerlei Vorstrafen, aber er liebte alles, was schnell dazu führen kann. Frisierte Motorräder, Glücksspiele, Mädchen, schnelles Geld.

An einem dieser Tage bei seinem Onkel traf er sich mit einem Freund, dessen Freundin und ihrer Schwester. Sie spielten Karten, es wurde spät. Die Schwester behauptete später bei der Polizei, Jerry Miller sei in jener Nacht an ihr Bett getreten, in dem sie mit ihren beiden Kindern schlief, habe sie geschlagen und zum Oralsex gezwungen. Miller sagte aus, sie habe ihm Geld gestohlen. Der Richter ließ die Klage fallen. Die Geschichten der Schwestern waren widersprüchlich. Ein typischer Streit für diese Gegend. »Damals dachte ich, ich bin der Größte«, sagt Miller. Er steht in Karens Küche und öffnet eine Chipstüte. »Wer weiß, wäre ich nicht ins Gefängnis gekommen, würde ich heute vielleicht gar nicht mehr leben.«

Nach seiner Verhaftung im Fall Roberta S. wartet er ein Jahr lang auf die Gerichtsverhandlung. Seine Eltern besorgen ihm einen Anwalt, Sheldon Sorosky – ein ehemaliger stellvertretender Staatsanwalt –, doch Miller traut ihm nicht. Sorosky besucht ihn kein einziges Mal im Gefängnis, er erledigt alles telefonisch. Richtig misstrauisch wird Miller, als es seinem Verteidiger nicht gelingt zu beweisen, dass Jerry am Morgen der Vergewaltigung im Krankenhaus behandelt wurde. Miller ist sicher, dass auf seinem Entlassungsschein ein Datum stand. Und niemand in der Klinik soll sich erinnern, dass er an jenem Morgen dort war? Als der Anwalt auch noch den vielleicht nur tröstend gemeinten Satz sagt: »So was passiert manchen Menschen nun mal«, da beginnt Jerry Miller an eine Verschwörung zu glauben. Wer tut ihm das an?

Anwalt Sorosky ist der Auffassung, dass Jerry Millers Verhaftung rechtswidrig war, weil er nie ausreichend darauf hingewiesen wurde, dass er Anspruch auf einen Anwalt habe. Er beantragt daher, die Identifizierung durch Augenzeugen aus den Unterlagen zu streichen. Der Richter lehnt den Antrag ab, woraufhin Sorosky sich darauf verlegt, den Augenzeugen Fehler bei der Identifizierung nachzuweisen.

Doch Elaine Boston und Milton Steward – die Augenzeugen aus dem Parkhaus – sind in dieser Nacht zu Helden geworden. Sie haben Roberta S. das Leben gerettet und einen Citizen Award dafür erhalten. Als Sorosky sie vor Gericht darauf aufmerksam macht, dass es zwischen ihrer Beschreibung des Täters und dem Aussehen Jerry Millers große Unterschiede gebe, verteidigen sie sich, als wolle man ihnen ihren Heldenstatus nehmen.

Es geht vor allem um Jerrys Bart. Bei der Verhaftung, 72 Stunden nach der Tat, trägt er einen etwa drei Zentimeter langen Kinnbart. Boston hat den Täter aber als einen Mann mit Oberlippenbart und Bartflaum beschrieben. Von einem Ziegenbart war nie die Rede. Wie konnte Elaine Boston den übersehen, wenn der Mann nur eine Armlänge von ihr entfernt war? Keinem wächst ein solcher Bart in 72 Stunden.

Sorosky will beweisen, dass die Erinnerung der Augenzeugen durch äußere Einflüsse getrübt war. Er will zeigen, wie sich der Wunsch nach einem Täter über die Realität legte. War das Parkhaus ausreichend beleuchtet? Warum ließ man Elaine Boston und Milton Steward nicht zwei separate Phantombilder anfertigen? Warum taten sie es zusammen? Bereinigten sie damit nicht jegliche Unstimmigkeiten? Mit welchen Kommentaren wurden sie in die Gegenüberstellung geschickt? Jerry Miller stand beide Male als Erster in der Reihe – hatte das einen Einfluss auf die Identifizierung?

Elaine Boston hält einen Irrtum für unmöglich. Auch Milton Steward ist mittlerweile hundertprozentig sicher, dass Miller der Täter ist. Gegen zwei Helden hat Sorosky keine Chance.

Roberta S. wurde nach der Vergewaltigung ins Krankenhaus gefahren. Ihre Augen waren zugeschwollen, das Gesicht blutverschmiert, die Nase gebrochen, ihre Scham gerissen. Den zwei Polizisten, die sie damals befragten, sagte sie, dass sie den Täter nicht identifizieren könne. Nun, ein Jahr später vor Gericht, ist sie sich plötzlich sicher.

Roberta S. weiß, dass die Staatsanwaltschaft Jerry Miller für den Täter hält. Sie weiß auch, dass die beiden Parkhausmitarbeiter ihn identifiziert haben. Hat das ihre Erinnerung beeinflusst? Sorosky fragt Roberta S.: »Seitdem Sie aus dem Krankenhaus entlassen wurden, hat man Sie da jemals zu einer Gegenüberstellung mit dem Angeklagten Jerry Miller gebeten?«

»Nein.«

»Hat die Polizei Sie jemals gebeten, bei einer Phantomzeichnung des Täters zu helfen?«

»Nein.«

»Ist es nicht so, dass die Polizei Sie weder um die Teilnahme an einer Gegenüberstellung noch um eine Phantomzeichnung gebeten hat, weil Sie gesagt haben, dass Sie den Angreifer nicht identifizieren können?«

Staatsanwalt: »Einspruch!«

Richter: »Einspruch stattgegeben. Die Zeugin kann nicht wissen, aus welchen Gründen die Polizei ihr Fragen stellte oder nicht stellte.«

Als der Staatsanwalt Roberta S. fragt, ob sie den Täter im Gerichtssaal sehe, antwortet sie: »Der junge Mann dort drüber sieht ihm ähnlich.« Sie zeigt auf Jerry Miller.

Der Richter Thomas J. Maloney zeigt während des gesamten Verfahrens viel Verständnis für die Einsprüche des Staatsanwalts und ausgesprochen wenig Verständnis für die Argumente Soroskys. So muss das auch die Jury wahrgenommen haben. Auf der Jurybank sitzen zwölf Chicagoer, einige haben Freunde bei der Polizei. Die Buchhalterin aus dem Norden und die arbeitslose Lehrerin aus dem Süden der Stadt sind beide schon einmal ausgeraubt worden. Die Täter wurden nie gefasst. Sie glauben nicht, dass diese Erfahrung Einfluss auf ihr Urteil haben wird.

Millers Verhandlung dauert drei Tage. Am 1. Oktober 1982 spricht die Jury den mittlerweile 23-Jährigen der Vergewaltigung, Körperverletzung und versuchten Entführung von Roberta S. schuldig. Der Richter verurteilt ihn zu 45 Jahren Haft.

In der Küche seiner Cousine überlegt Jerry Miller, ob er damals noch irgendetwas gesagt habe, bevor sie ihn abführten. Die Szene ist in seiner Erinnerung verblasst wie ein sehr altes Foto. »Ich war einfach nur niedergeschlagen. Ein Jahr hatte ich im Gefängnis auf die Verhandlung gewartet. Und dann sieht keiner die Beweise für meine Unschuld? Das gibt’s doch nicht. Welchen Sinn macht es da noch, etwas zu sagen?«

Er wird ins Stateville Correctional Center gebracht, ein maximum security- Gefängnis, eine knappe Stunde Autofahrt vom Haus der Eltern entfernt. Das Gefängnis wurde 1925 nach den Plänen des englischen Philosophen Jeremy Bentham als Panoptikum gebaut: ein rundes Gebäude, in dessen Mitte ein bewaffneter Wachturm steht.

Jerry Miller weiß nicht mehr weiter. Das Geld seiner Eltern reicht nicht aus, um einen neuen Anwalt zu beauftragen. Soll er aufgeben? In der ersten Nacht legt er sich auf die Pritsche und wippt hin und her, hin und her, bis zum nächsten Morgen.

Sein Vater besucht ihn mit seinen beiden Brüdern und der Schwester. Seine Mutter kommt nicht. »Jerry«, sagt der Vater, »das hat nichts mit dir zu tun.« Die Mutter könne es nur einfach nicht ertragen, von den Wachen durchsucht zu werden. »Sie liebt dich, Jerry.« Sie wird ihn nicht ein einziges Mal besuchen in all den Jahren. Ab und zu sprechen sie am Telefon. Die Mutter sagt: »Du klingst deprimiert. Lies, mein Junge, nimmt dir Bücher und lies.«

Viel mehr als dieser Rat wird ihm von ihr nicht bleiben. 2007 verunglückt seine Mutter mit dem Auto. Seitdem liegt sie im Koma. Als er sie gemeinsam mit seinem jüngsten Bruder im Krankenhaus besucht, tritt er an ihr Bett, ganz nahe, und betrachtet lange ihr Gesicht inmitten der Schläuche. Dann streichelt er sie kurz und dreht sich schnell weg.

45 Jahre Gefängnis, wie erträgt man den Gedanken an ein solches Urteil? Jerry Miller hat kaum Zeit, sich Gedanken zu machen. Während der ersten Jahre ist er damit beschäftigt, sich einen sicheren Platz in der Hackordnung zu erkämpfen. Überall gibt es Drogen, Schlägereien, vor allem zwischen Gangmitgliedern, immer wieder sterben Gefangene bei solchen Kämpfen. Die Wärter kümmert es kaum. Und es gibt immer ein paar Gefangene, die einfach Blut sehen wollen, die fünf oder sechs Menschen umgebracht haben und jetzt mit Jerry in der Schlange nach Essen anstehen. Die muss er überleben. Als ihn ein Gefangener bei einem seiner ersten Baseballspiele zu hart foult, foult Jerry hart zurück. Sie geraten in eine Schlägerei und landen in Einzelzellen. Man überlebt, indem man auf seinen Respekt pocht, sein Eigentum beschützt und seine Instinkte trainiert. Es sind dieselben Regeln wie in der Hoxie Avenue.

Aber kein Mensch kann permanent kämpfen. »Wenn du das Gefängnis überleben willst, musst du Ruhe bewahren«, sagt ihm ein älterer Gefangener. »Lass dir einen Job geben, um wenigstens tagsüber aus der Gefahrenzone des Zellentrakts rauszukommen.« Er rät ihm, das Leben im Gefängnis zu akzeptieren. »Man kann nicht mit dem Körper drinnen sein und mit dem Kopf draußen.« Er sagt auch: »Ich bin seit elf Jahren hier.« Jerry Miller ist geschockt. Elf Jahre, das ist sein halbes Leben.

Miller wird Veganer. Er will gesund bleiben, und er ist sicher, dass niemand das normale Gefängnisessen 45 Jahre lang überlebt. Er leiht sich die Bibel aus der Bücherei, und immer, wenn er unruhig wird, liest er darin. »Ich bin stärker als das Gefängnis«, sagt er sich, »ich werde diese Prüfung bestehen.« Er macht den Schulabschluss, beginnt in der Möbelfabrik zu arbeiten. Er besorgt sich einen Fernseher und klebt die Bilder seiner Familie daneben. Das Gefängnis wird ihm zur Normalität, die Welt draußen zu einem anderen Kontinent, mit dem man manchmal telefoniert. Jerry Miller passt sich an. Er ist erstaunt, wie schnell das geht.

Zur Normalität auf dem Gefängnisarchipel gehört auch, dass er mit offenen Augen duscht. Die sind hinterher zwar rot geschwollen, aber er sieht, was im Duschraum vor sich geht, es kann ihn keiner überraschen. Er schlingt das Essen in wenigen Minuten hinunter, damit er nach einem plötzlichen Zählappell nicht hungrig schlafen gehen muss. Er ist immer auf der Hut. Wird er in Stateville zum Tier? Das nur seine Instinkte trainiert und versucht zu überleben? Er will die Hoffnung auf eine Frau, eine Familie, ein Haus, dessen Tür er schließen kann, nicht aufgeben. Er will den Kontinent da draußen nicht vergessen.

1982 legt Jerry Miller erstmals Berufung ein. 1984 wird sie ohne Begründung abgelehnt. 1990 beantragt er erneut die Wiederaufnahme des Verfahrens. Abgelehnt. 1991 stellt er einen weiteren Antrag. Abgelehnt. Im selben Jahr legt er in zweiter Instanz Berufung ein. Abgelehnt. Damit sind seine juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft.

Dass 1993 der Richter, der ihn verurteilte, Thomas J. Maloney, selbst zu 16 Jahren Haft verurteilt wird, regt Miller schon nicht mehr auf. Maloney hatte sich jahrelang bestechen lassen und Verhandlungen manipuliert. Über Nichtzahler urteilte er vergleichsweise hart.

Elf Jahre ist Miller mittlerweile in Haft. Zu den Besuchszeiten kommt nur noch sein Vater. Er weiß, dass Jerry unschuldig ist, manch einer der restlichen Verwandten ist sich da offensichtlich nicht so sicher. Oder es ist ihnen einfach egal. Sie haben genug mit ihrem eigenen Leben zu tun. Auch sein jüngster Bruder schafft es nur zweimal zum Besuch. Warum, weiß er heute auch nicht mehr. Der Vater ist Jerrys letzter Halt. 1993 stirbt er an einem Herzinfarkt.

An der Beerdigung darf Jerry nicht teilnehmen. Ihm wird nur erlaubt, seinen Vater am Sarg zu verabschieden und sich ins Kondolenzbuch einzutragen, bevor die Trauergemeinde eintrifft. Sein Name steht ganz oben. Er verspricht seinem Vater, dass er seinen Namen reinwaschen wird.

Er fängt an, Briefe zu schreiben, an Anwälte, Journalisten, Politiker. Jeden Tag. Zuerst schickt er immer denselben kopierten Brief. »Mein Name ist Jerry Miller, # N-23581. In meinem Fall handelt es sich um eine Personenverwechslung.« Später schreibt er persönliche Briefe, jeden einzelnen von Hand. Und erhält jedes Mal die gleiche Antwort. »Es tut uns leid, aber wir sind überlastet.« An solchen Tagen setzt er sich zu Gefangenen, deren Frauen gerade mit einem anderen durchgebrannt sind, oder zu Häftlingen mit einer Krebsdiagnose. 1998 wird er ins Pontiac-Gefängnis verlegt, 18 Monate später nach Menard, elf Monate später nach Graham, in ein medium security- Gefängnis. Es ist viereinhalb Stunden von Chicago entfernt, aber Besuch bekommt er sowieso nicht mehr.

Ein Abend 1999. Miller sitzt wie so oft vor dem Fernseher in seiner Zelle. Er liebt den Kochsender. Er schaltet zu den Nachrichten. Dort läuft ein Beitrag über das Innocence Project. Noch so ein Projekt, denkt Miller. Er weiß schon nicht mehr, wie vielen er geschrieben hat. Er schreibt dennoch.

Fünf Jahre vergehen.

2005 übernimmt das Innocence Project Jerry Millers Fall. Noch bevor der Antrag auf einen DNA-Test bei Gericht eingeht, wird er im März 2006 nach knapp 25 Jahren auf Bewährung in den Hausarrest entlassen. Man legt ihm eine elektronische Fußfessel an, aber das ist ihm egal. Er ist überglücklich. Endlich aus dem Gefängnis raus. Seine Cousine Karen nimmt ihn auf. Sein Bild wird samt Tatbeschreibung und Adresse ins Internet gestellt, gemeinsam mit dem von 26 Sexualstraftätern, die auch in der Gegend wohnen. Kontakt zu Kindern ist ihm verboten. Er darf aber einer Arbeit nachgehen. Bei jeder Bewerbung ist er verpflichtet, »Sexualstraftäter« anzukreuzen. Zum ersten Mal muss Miller sich nun selbst als Sexualstraftäter bezeichnen.

Die Euphorie der ersten Monate in Freiheit verfliegt. An manchen Tagen liegt er stundenlang auf dem Sofa und starrt an die Decke. Hätte seine Cousine ihn nicht in ihrer Busfirma angestellt, er stünde manchmal gar nicht auf. Er verliebt sich, hofft, versteht Zeichen falsch. Er weiß mit Hass und Angst umzugehen. Die Liebe ist ihm fremd. Über seine Gefühle spricht er einmal im Monat, wenn er zu seinen verpflichtenden Gruppentreffen für Sexualstraftäter geht.

Seine Cousine sitzt im Morgenrock am Küchentisch. Karen Hicks trinkt aus einer großen Tasse Kaffee und guckt Martin Luther King an der Wand an. Auf dem Herd köchelt Hühnersuppe. Sie hat ihre eigene Theorie über Millers Verurteilung. Theorie. »Ich glaube, dass das mit seinem Prozess alles so schnell gegangen ist, hatte etwas mit den gerade steigenden Immobilienpreisen zu tun.« Anfang der 80er wurden in der Gegend viele alte Häuser abgerissen, um neue schicke Wohnungen zu bauen. »Eine Vergewaltigung ohne Täter, das wäre nicht gut für die Preise gewesen.«

Eigentlich sollte Cousin Jerry jetzt dort sitzen, wo Karen sitzt, aber von ihm ist weit und breit nichts zu sehen, und die Cousine wird langsam wütend. »Er muss lernen, dass so was nicht geht. Er hat ein Mobiltelefon, er kann anrufen.« Aber Zeit ist ein schwieriges Thema. Wie bringt man einem bei, seine Zeit einzuteilen und zu planen, der 25 Jahre lang alle Zeit der Welt hatte?

Karen Hicks hat ihren Cousin aufgenommen, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. »Kein einziges Mal hab ich ihn besucht, nicht einen Brief hab ich ihm geschrieben. Manche in der Familie glauben, dass ich das nur mache, weil Jerry irgendwann einen dicken Batzen Geld vom Gericht zugesprochen bekommt. Aber die können mich alle mal.«

Ende 2006 landet der Antrag des Innocence Project auf einen DNA-Test auf Mark Ertlers Schreibtisch im 11. Stock des Chicagoer Gerichtsgebäudes. Ertler bestellt Millers Gerichtsunterlagen. In der Regel ist nach so vielen Jahren kaum noch etwas vorhanden. Oft wurden Beweise oder Akten aus Platzgründen entsorgt. Erst seit 2002 ist in Illinois gesetzlich vorgeschrieben, dass Gerichtsmaterialien von Mord- und Vergewaltigungsfällen für unbegrenzte Zeit aufbewahrt werden müssen.

In Millers Fall sind die Gerichtsakten noch da, auch der Slip des Opfers mit dem Sperma des Täters, den die Polizei damals sichergestellt hatte. Ertler geht die Akten durch. Der Fall ist perfekt geeignet für einen DNA-Test. Das Opfer hatte angegeben, vor der Vergewaltigung lange keinen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, der Samen kann also nur vom Täter stammen. Allerdings glaubt Ertler nicht, dass ein DNA-Test Jerry Miller entlasten werde. Die Berichte der Augenzeugen, die beide mittlerweile verstorben sind, lesen sich so überzeugend. Er stimmt einem Test dennoch zu.

Jerry Miller weiß an diesem Punkt seines Lebens nicht mehr, was er denken soll. Hauptsächlich hat er Angst. Was, wenn der Staat den DNA-Test manipuliert? Warum sollte er diesmal glauben, dass alles mit rechten Dingen zugeht?

»Jerry war damals unerträglich«, sagt Karen Hicks. »Er hatte nur noch schlechte Laune. Entweder starrte er an die Decke, oder er klebte an mir. Ich hab ihm gesagt, dass ich endlich wieder meine eigene Wohnung und mein eigenes Leben haben will. Dass ich will, dass er auszieht. Ich meine: Er ist ein großartiger Kerl, aber ich kann Depressionen nicht ertragen.« Wenige Minuten nach dem Rausschmiss klingelt Karens Telefon. Schon wieder Jerry. »Ich denke: Was will der immer noch? Dann höre ich am anderen Ende nur einen schreienden Jerry: ›Ich bin unschuldig! Ich bin unschuldig! Gerade ist das Ergebnis des DNA-Tests gekommen!‹« Es ist der 28. März 2007, der Todestag seines Vaters. Jerry Miller ist der 200. Häftling in den USA, dessen Unschuld durch einen DNA-Test bewiesen wurde. Der Umzug ist erst mal vergessen.

Und das ist noch nicht alles. Es gibt einen Treffer unter den 4,8 Millionen genetischen Fingerabdrücken der amerikanischen DNA-Datenbank: Robert Weeks. Er ist heute 45 und hat nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit dem Jerry Miller von damals. Weeks’ Haut ist erheblich heller, das Gesicht kleiner, runder, und er hat eine Tätowierung am Hals. Wegen der Vergewaltigung von Roberta S., die er beging, kann er nicht mehr verurteilt werden. Die Tat ist längst verjährt.

Sieben Monate nach der Tat, Jerry Miller saß noch in Untersuchungshaft, vergewaltigte und misshandelte Weeks in derselben Gegend eine zweite Frau. Er wurde gefasst, bekannte sich schuldig und bekam zwölf Jahre. Nach neun Jahren kam er auf Bewährung frei. 1996 wurde er wegen Diebstahls erneut zu drei Jahren verurteilt. Nach zwei Jahren kam er abermals auf Bewährung frei, wurde kurz darauf wieder verhaftet und zu einem Jahr verurteilt, weil er die Auflagen für Sexualstraftäter nicht erfüllt hatte. 2001 bekam er drei Jahre wegen Tätlichkeiten gegen Polizisten. 2004 wurde er entlassen, zwei Monate später erneut verhaftet und zu vier Jahren verurteilt, die er zurzeit verbüßt. Durch DNA-Tests wurde er seitdem zweier weiterer Vergewaltigungen überführt. Die Verhandlungen stehen noch aus.

Jerry Miller ist wie im Rausch. Ihm wird die Fußfessel abgenommen, das Innocence Project veranstaltet eine Party für ihn, er fährt nach New York, Reporter kommen, er ist im Fernsehen und im Radio. In den ersten Wochen hat er fast täglich Termine, dann ebbt es langsam ab. Er schläft weiterhin in Karens Arbeitszimmer auf zwei gefalteten Decken, ein Bett will er sich nicht kaufen. Er spart. Freitag und Samstagabend brät er zusätzlich für 300 Dollar im Monat Fisch und Fleisch bei WooWoo’s, einem Fast-Food-Restaurant um die Ecke. Sonntags geht er in die Kirche.

»Ich will ein gutes Leben haben«, sagt Miller. Er sitzt vor Karens Computer, ignoriert ihre Aufforderungen, die Heizung zu reparieren, und spielt mit seiner neuen Uhr, die ihm ein Freund besorgt hat. Bulgari. Echt? Er nimmt die Uhr ab, wiegt sie in der Hand. »Fühlt sich so eine unechte Uhr an?« Dann steht er doch auf und sieht sich die Heizung an. Als er zurückkommt, sagt er: »Ich will Las Vegas sehen, und ich will meiner Nichte ein Mobiltelefon kaufen können. Ich finde, dass mir das nach all den Jahren zusteht.«

Es ist ein Gefühl wie damals nach Korea. Er will das Leben genießen, und er ist nicht der Typ, dem ein Waldspaziergang Spaß macht. »Fang an zu leben«, sagt Karen, »geh aufs College, such dir eine Wohnung, vergeude deine Zeit nicht schon wieder mit Warten.« Miller ist stolz, dass er die Jahre im Gefängnis durchgehalten hat. Jetzt muss er diese komplizierte Freiheit in den Griff kriegen.

Laut Gesetz stehen ihm etwa 150.000 Dollar als Wiedergutmachung zu. Reicht das? Wie viel sind 25 Jahre Leben wert? 22 Staaten der USA haben ein Wiedergutmachungsgesetz, jeder Staat hat eine andere Antwort gefunden. In Kalifornien gibt es 100 Dollar pro Tag, in North Carolina sind es 20.000 Dollar pro Haftjahr, in Texas 50.000 Dollar, in Maine hat man sich für einen Fixpreis von 300.000 Dollar entschieden. Was ist genug?

Zwei Häftlinge, die 2001 freigesprochen wurden, nachdem sie 13 Jahre wegen eines Mordes einsaßen, den sie nicht begangen hatten, fanden, dass es nicht reicht. Sie haben die Stadt Chicago auf zusätzliche Wiedergutmachung verklagt. Im April wurden ihnen acht Millionen Dollar zugesprochen. Und Jerry Miller?

Er wartet. Darauf, was das Gericht ihm zuspricht. Darauf, dass seine Anwälte die Stadt Chicago verklagen. Jerry Miller wartet darauf, dass sein Leben endlich beginnt.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein sehr interessanter Artikel, der zeigt, wie die Rechtsprechung in diesem sogenannten freien Bush-Land funktioniert. Schwarze Hautfarbe reicht, um verdächtig zu sein und letzlich verurteilt zu werden. Beweise? Spielen offenbar keine grosse Rolle. Justizirrtümer können überall passieren, auch bei uns in der BRD. Dass die Justiz, zumindest in den sogenannten Rechtsstaaten, Probleme mit der Rechtsfindung hat, ist allgemein bekannt. Aber Gott sei Dank, in Europa funktioniert die Rechtsprechung  immer noch besser als in dem Cowboy-Land von Georg Dubbleyou. Den Nachnahmen erspare ich mir. Es bleibt zu hoffen, das dem zu Unrecht verurteilten Mann eine ordentliche Entschädigung zukommt.

    • Rotfux
    • 22.01.2008 um 5:53 Uhr

    Lesenswerter Artikel, leider wird er wieder dazu fuehren das
    einige Amerikahasser sich auf daran ergoetzen werden wie ach so ueberlegen die
    Rechtssprechung in der alten Welt doch sei. Natuerlich ist eine fehlerhafte
    Verurteilung unentschuldbar und inwieweit es ueberhaupt monetaer moeglich ist
    jemanden fuer seine verlorenen Jugendjahre im Knast zu entschaedigen sei
    dahingestellt. Ich wage doch zu behaupten,  solche tragischen Faelle von Justizirrtum
    kommen in jedem Rechtsstaat vor.  Verglichen mit Europa scheint so manchem
    das US-Amerikanische Rechtssystem etwas suspekt. Nichtsdestotrotz hat es auch
    seine guten Seiten, korrupte Manager in Handschellen, zum Beispiel "Mr.
    Enron", Ken Lay. Gaebe es wohl kaum irgendwo in der EU. Uebrigends bevor wieder die reichlich abgegriffene
    Rassistenkeuleverwendet wird, es trifft  zu das in den Gefaengnissen der
    Vereinigten Staaten Schwarze in Relation zu  ihrem Bevoelkerungsanteil
    ueberrepraesentiert sind jedoch sitzen die Meisten dort zu Recht. Gestatten sie
    die Bemerkung das wer  unter Afro-Amerikanern
    in den USA aufwaechst und interesse an Bildung zeigt haufig als “Oreo” (Aussen Schwarz
    innen weiss) von seinesgleichen verspottet wird. Solange der Gangster im
    Rapvideo oder der Drogendealer an der Ecke als Vorbild dem es nachzueifern gilt
    wird diese Bevoelkerungsgruppe  auch
    weiterhin ueberraepraesentiert bleiben.

    • Hi
    • 22.01.2008 um 7:30 Uhr
    3. KARMI

    KARMI sagt Hi

    Direkt Vergleichbares kann es in Zentraleuropa tatsaechlich nicht geben, weil derart lange Gefaengnisaufenthalte kaum vorkommen. Selbst bei lebenslaenglich sitzen ganz Wenige 25 Jahre. Es gibt hier auch keine Todesstrafe, damit kann kein Unschuldiger sein Leben verlieren. Dazu kommt, dass die Berufungsprozedur in den USA viel zu lange dauert und daher Jahre vergehen bis es zu einer Revision kommt. Auch das ist in Europa schneller. All das hat mit \"Hass\" auf die USA nicht das Geringste zu tun, es sind einfach Tatsachen.

  2. [Dieser Beitrag entsprach nicht den Regeln und wurde gelöscht. /Die Redaktion pt.]

  3. ...und praktiziert und aus solchen Vorgängen nicht die Konsequenz zieht, diese, unter zivlisierten Völkern längst geächtete Bestrafung abzuschaffen, sollte sich nicht auch noch das Recht nehmen, dem  Rest der Welt, notfalls mit Waffengewalt, beizubringen, was die richtige Staatsform ist.

    • Rotfux
    • 23.01.2008 um 21:49 Uhr

    @ Volker Steinkuhle

    Nun ja in Deutschland und Japan hat es ja eigentlich ganz gut geklappt, denken Sie mal darueber nach wenn die ach so aggressiven, schiesswuetigen und unzivilisierten Amerikaner vor ca 60 Jahren den Achsenmaechten die Wahl ihrer Staatsform selbst ueberlassen haetten. Aber irgenwie kann ich sie ja auch verstehen, auf die USA schimpft es sich halt so schoen....

  4. Ihren Kommentar habe ich zu Kenntnis genommen. Die Begriffe schiesswütige und unnzivilisierte Amerikaner haben Sie benutzt.Thema war Justizirrtum in einem Land, das die Todesstrafe praktiziert. Meine Bemerkung mit der Waffengewalt zwecks Durchsetzung der "richtigen" Staatsform bezog sich auf den moralischen Anspruch einer christlichen Nation, die in der Tat dazu tendiert, zumindest seitens der derzeitigen Administration, mittels Feuer und Schwert ungefragt anderen Nationen eine Staatsform nach ihrem Geschmack aufzuzwingen.(s.Irak)Die Berechtigung des amerikanischen Eintritts in den zweiten Weltkrieg habe ich nie bezweifelt. Im Gegenteil, den ehemaligen Alliierten darf man danken, dass sie das erledigten, was wir aus eigener Kraft nicht schafften: Die Befreiung von der Nazidiktatur. Zum Thema Änderung der amerikanischen Aussenpolitik empfehle ich Ihnen den exzellenten Aufsatz von John Kornblum "So ist Amerika nicht" in der heutigen Printausgabe der ZEIT.Zum Thema Justizirrtum noch folgendes: Justizzirrtümer gibt es mit Sicherheit in jedem demokratisch verfassten Staat. Ein Staat, der sich so, wie die USA es nun mal tun, als vom christliche Glauben geprägt, darstellt, in dem reihenweise Justizirrtümer stattfinden und dann immer noch auf Duchführung der Todesstrafe besteht, entzieht sich damit zumindest zu einem erheblichen Teil sein Recht auf den moralischen Anspruch, den er erhebt. Der Fall des bedauernswerten Jerry Miller könnte ja einen Denkanstoss über die Abschaffung der Todesstrafe in USA bewirken.  Dem Ansehen der USA würde ein solcher Schritt zweifellos sehr zugute kommen.

  5. Die USA waren und sind auch das Land der klassischen Lynch"justiz". Diese finstere Kapitel aus GOC wird wohl niemals historisch aufgearbeitet werden.

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