War es wirklich nur ein Täuschungsmanöver Stalins, als er 1952 den drei westlichen Besatzungsmächten vorschlug, einen gesamtdeutschen, doch neutralisierten Staat zu schaffen? Der Grazer Historiker Peter Ruggenthaler konnte im Russischen Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte bisher geheime Akten durchforschen - zwar nicht die immer noch unzugänglichen Stalins, sondern fast ausschließlich aus dem Sekretariat seines außenpolitischen Hauptfunktionärs Molotow. Diese 141 Dokumente beleuchten die Entstehung der Note und manche ihrer Hintergründe. Die relativ unproblematische, seit 1952 betriebene und 1955 erreichte Neutralisierung des Kleinstaates Österreich sollte kein Modell für Deutschland sein, dessen Bonner Republik bald zum Nato-Bündnis gehörte, während Stalin seine DDR beherrschte. Können aber die hier vorliegenden Dokumente, wie ihr Herausgeber schreibt, "endgültig klarstellen", dass Stalins Neutralisierungsangebot "nicht ernst gemeint war"? Als Alternative zur politischen und militärischen Westintegration eines wiedervereinigten Deutschlands könnte dieses Angebot für den Kreml-Herrscher in seinem letzten Lebensjahr durchaus als das kleinere Übel gegolten haben.

Peter Ruggenthaler (Hrsg.): Stalins großer Bluff

Die Geschichte der Stalin-Note in Dokumenten der sowjetischen Führung - R. Oldenbourg Verlag, München 2007 - 256 S., 24,80 Euro