Politik ist immer auch die Frage des richtigen Moments. Weshalb also verraten nun so viele Unions-Politiker (darunter Roland Koch und Peter Ramsauer) gerade jetzt, dass Bundespräsident Horst Köhler für eine zweite Amtszeit wiedergewählt werden sollte? Für Koch ist jede Anlehnung an eine populäre Figur derzeit fast lebensrettend, vor allem, wenn ein paar Hessen mehr dabei erfahren, dass sie Koch wählen müssen, wollen sie Köhler behalten.

Ohnedies war zu erwarten, dass die Bundespräsidenten-Debatte spätestens nach den drei Landtagswahlen ausbrechen würde, denn dann wird man die Kräfteverhältnisse in der Bundesversammlung kennen. Ganz abgesehen davon, dass Horst Köhler angekündigt hat, er werde sich im Frühsommer zu einer zweiten Kandidatur äußern und nach allen Regeln des Anstands können ihn Union und FDP nicht durch Hinwegschweigen in die Lage bringen, sich selbst bewerben zu müssen.

Derzeit verfügen Union und FDP über 624 Sitze in der Bundesversammlung 614 brauchen sie, um Köhler aus eigener Kraft im erster Wahlgang durchzusetzen. Aber zehn Sitze könnten ihnen in den drei Landtagswahlen abhanden kommen. Freilich, selbst bei einem solchen Erdrutsch würden SPD und Grüne zusammen von derzeit 510 Sitzen keinesfalls auf 614 Sitze kommen - sie könnten sogar selbst in einem dritten Wahlgang allenfalls mit Stimmen aus der Linken (derzeit 86 Sitze) über Schwarz-Gelb triumphieren.

Deshalb ist die Verlegenheit der SPD im Grunde größer als die der Union. Eine eigene Kandidatur könnte sie mit Erfolgsaussicht nur anmelden, wenn die Sozialdemokraten bereit wären, sie entschlossen zusammen mit der Linkspartei am 23. Mai 2009 durchzusetzen. Dann freilich könnte die SPD den sich sofort anschließenden Bundestagswahlkampf 2009 gleich wieder einstellen, den sie ja mit dem Versprechen führen will: Keine Koalition mit der Linkspartei! Entweder kandidieren und verlieren oder aber einen "Rote Socken"-Wahlkampf (das Jahr 1994 und Scharpings Niederlage lassen grüßen!) die SPD ist nicht zu beneiden. Was Wunder, dass Steinmeier und Struck schon vor Monaten Köhlers Wiederwahl für möglich erklärten. Das war damals, nach Köhlers Rüffel gegen Schäuble, für Sozialdemokraten zwar leichter gesagt, bleibt aber auch jetzt der einzige Ausweg aus ihrem Dilemma.

Fragt sich nur, weshalb Köhler selbst immer wieder für eine Direktwahl des Präsidenten plädiert, und dies, obwohl er ja nicht ausgeschlossen hat, dass er sich nach dem hergebrachten Modus noch einmal wählen lassen würde. Oder wollte er die Parteitaktiker nur diskret darauf hinweisen, dass er bei einem Popularitätstest (und also auch einer Direktwahl) alle Parteien weit hinter sich lassen würde? In der Tat: Einen Präsidenten, den zwar die politische Klasse nicht eben bewundert (um es milde zu formulieren), der aber auf eine Zustimmungsquote von über 70 Prozent kommt, einen solchen Amtsinhaber für eine zweite Amtszeit nicht zu wählen und zudem keine(n) bessere(n) zu wissen , das müssten sich jedenfalls Volksparteien sehr genau überlegen. Und im Grunde haben sie das auch schon längst getan.

Audio www.zeit.de/audio