Martenstein Kein Wort zuviel
Harald Martenstein wird von Fieberschüben geplagt und wünscht sich, ein zweiter Raymond Carver zu sein.
Ich bin krank gewesen. Ich starb. In den Lungen glühten Hufeisen. Im Kopfe flossen purpurne Flüsse. Zum ersten Mal im Leben habe ich von einer Klobürste geträumt. Sie war schön. Sie stand in einem blauen Porzellanschüsselchen, schlank und alterslos wie Jane Birkin, sie wirkte nicht schmutzig oder schmuddelig, im Gegenteil, irgendwie hatte sie Klasse. Man kann nämlich in jedem Beruf bella figura machen.
Plötzlich fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht träumte. Während der Nacht, in nie erlebte Seinszustände hineingepeitscht von einem erbarmungslosen asiatischen Fieber, war ich, vielleicht auf der Suche nach der verlorenen Zeit, quer durch die Wohnung zur Toilette gekrochen und dort auf dem Boden eingeschlafen, dem Kopf der Klobürste zugeneigt.
Ein Literaturkritiker hat mir erklärt, dass die meisten deutschen Autoren, vor allem die jüngeren, im gleichen Sound schreiben wie Raymond Carver. Der Literaturkritiker hat gesagt, dass man in der deutschen Gegenwartsliteratur zwei Hauptströmungen unterscheiden könne, und zwar die guten Raymond-Carver-Imitatoren, zu denen er Judith Hermann rechnet, sowie die schlechten Raymond-Carver-Imitatoren, da nannte er eine längere Namensliste.
Raymond Carver, Amerikaner, gestorben 1988, hat nur wenig veröffentlicht, ein paar Bände mit Erzählungen, zum Beispiel Würdest du bitte endlich still sein, bitte. Das Besondere an seinem Stil besteht darin, dass kein Wort zu viel ist. Carver klingt so lakonisch, dass einem Hemingway wie eine Plaudertasche vorkommt.
Das Einzige, was einfach nicht weggeht, ist der Husten. Ich habe Angst vor Lungenkrebs. Andererseits, ich habe eigentlich nicht viel Angst vor dem Tod. Was mich am Tod wirklich stört, ist die Tatsache, dass man persönlich dabei sein muss.
Dann schlug ich die Süddeutsche Zeitung auf und fand, versteckt auf einer der hinteren Seiten, die Weltsensation. Die letzte Lebensgefährtin von Carver hat nach langem Zögern seine Originalmanuskripte veröffentlicht, die Zeitschrift New Yorker hat eine Carver-Geschichte in der Urfassung gedruckt. Daraus geht hervor, dass der Lektor von Carver mehr als die Hälfte des Originaltextes gestrichen hat, in manchen Passagen sogar zwei Drittel. Den Rest schrieb er um.
Man sieht eine Manuskriptseite, die mit dem Satz beginnt: »Herb trank sein Glas aus.« Den Rest der Seite, auf dem Herb dies und jenes tut und interessante Fragen erörtert, hat der Lektor gestrichen. Stattdessen schrieb er mit der Hand den Satz hin: »Gin ist alle, sagte Herb.« Carver selbst war, wie aus seinen Briefen hervorgeht, völlig einverstanden. An den Lektor, einen Menschen namens Gordon Lish, schrieb er: »Ich liebe Dich, mein Freund. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal mein Leben mit dem Schreiben finanzieren könnte.«
Dabei konnte Carver, wie es in dem Zeitungsartikel heißt, durchaus gut schreiben. Er war auch ein guter Mensch. In einer seiner berühmten Geschichten hat er warmherzig die innige Liebe eines alten Paares beschrieben. Dann kam der Lektor und hat daraus eine lakonische, bittere Story über die Unmöglichkeit des Liebens gemacht.
Das hat mich beeindruckt. Deswegen bitte ich meine Freunde, die Redakteure, die Kolumne in ein paar Wörtern zusammenzufassen. Macht mir den Lish! Dann werde ich vielleicht ein Carver.
Anmerkung der Redaktion: Hochverehrter Kolumnist! Nichts liegt uns ferner, als Ihre Zeilen zu kürzen.
- Datum 16.01.2008 - 02:05 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 17.01.2008 Nr. 04
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Martenstein + Lish = Carver / Bernhard * Kafka / Brod.Gibt es in der Mathematik keinen Konjunktiv?Nun ja: www.interimist.net
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