Es ist schon eine Weile her aber ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken, vor allem an seine kleinen, braunen Frauenhände. Er trug einen dunkelblauen Kiton-Anzug, und trotz des eisigen Windes, der an diesem letzten Herbsttag durch die Cora-Berliner-Straße pfiff, war sein schwarzer, enger Mantel die meiste Zeit offen. Er stand auf einem kleinen provisorischen Holzpodest bescheiden neben den anderen Rednern es waren mindestens zehn , und als er an die Reihe kam, ging er langsam zum Mikrofon und sprach kurz und traurig über den Genozid in Darfur. Während er redete, sahen die meisten auf dem Podium nach vorn, ins Nichts, nur die Schauspielerin Mia Farrow blickte ihn von der Seite mit einem leichten Lächeln an, das vielleicht aber auch nur von dem Wind kam, der ihnen allen dort oben ins Gesicht blies.

Es war nicht Michous längste oder beste Rede. Er presste nicht wie früher jedes Wort verzweifelt aus sich heraus, und meistens hatte ich das Gefühl, er rede nicht zu uns, sondern zu sich selbst. Als er zum Schluss sagte, nicht jeder Genozid sei ein Holocaust, hörte ich ihm kaum noch zu, wahrscheinlich, weil ich genauso darüber dachte. Ich sah auf das hässliche, dunkle Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals hinter ihm und erinnerte mich daran, wie wir beide vor zwanzig Jahren auf den Gleisen von Birkenau gestanden hatten und er mir erzählt hatte, dass seine Mutter seinen Vater rettete, weil in ihrem Mantel Edelsteine eingenäht waren. Mit ihnen bestach sie jemanden im Lager, der dafür sorgte, dass ihr Mann Michous späterer Vater nicht in die Gaskammer musste. " Ohne diese sechs, sieben Diamanten", hatte Michou damals mit dem legendären Michou-Pathos gesagt, "würde ich jetzt nicht hier vor dir stehen!" In diesem Moment, an den Gleisen von Birkenau, mit dem Blick auf das berühmte Tor von Birkenau, mochte ich ihn ein bisschen mehr als sonst.

Nach Michou ging eine Frau ans Mikrofon, die während des Jugoslawienkriegs fast ums Leben gekommen wäre, nach ihr sprach ein Mann, der das Massaker von Ruanda überlebt hatte. Dann stiegen sie alle von ihrer kleinen Holztribüne zu uns herunter. Wir waren nicht mehr als vierzig oder fünfzig Leute, die ihnen zuhörten, und es waren auch ein paar Kinder da. Sie hatten Fackeln mitgebracht, die sie zusammen mit Mia Farrow und der Frau aus Jugoslawien anzündeten, und dabei sprachen sie einen kurzen Text, der auf den kleinen Zetteln stand, die vor der Veranstaltung verteilt wurden. " Diese Flamme ehrt jene, die ihr Leben verloren haben, und jene, die leiden müssen", murmelten sie düster, und ich kam mir vor wie bei einer Teufelsaustreibung.

"Komm", sagte Michou, der jetzt plötzlich neben mir stand, "ich nehm dich mit. Oder willst du nicht mehr zur Pressekonferenz in die Humboldt-Uni?"

Ich nickte, obwohl ich nichts von der Pressekonferenz wusste, und er hakte sich bei mir ein, und wir gingen zu seinem Wagen einem gepanzerten BMW, der von einem großen, stummen Deutschen gefahren wurde. Kaum saßen wir, fing Michou an, über die Zeit zu reden, als er aufhören musste, Michel Friedman zu sein, weil ihn ausgerechnet deutsche Polizisten bei etwas erwischt hatten, das jeder Mann schon mal gemacht hatte, außer er war zu feige dafür.

"Und wie gehts dir jetzt?", sagte ich. Mir fiel auf, dass es im Auto nach Medikamenten roch.

"Gut, toll, ausgezeichnet", sagte er schnell, und er zog einen Inhalator aus der Seitenablage und presste ihn gegen seinen Mund. " Bis auf die Erkältung, die ich gerade habe."