Wenn der Kuss eine Währung wäre, was wäre er dann wert? Ohne die Freiheit auf Europas Straßen, Plätzen (und Plakaten) gering zu schätzen das öffentliche Küssen immer und überall , ist der Preis dieser Freiheit doch ein gewisser Kursverfall, zumindest was den Kuss angeht. Ist er noch Herzensangelegenheit? Oder schnell dahingeschmatzte Liebes-Rückversicherung? Womöglich nur noch unverbindliche Begrüßungsgeste unter Freunden? Wertlos ist er zwar noch lange nicht, der Kuss, von Inflation hingegen müssen wir wohl reden.

Hier aber sind plötzlich Bilder, rührend intim. Wir sehen Paare, Chamäleons gleich, ruhig, reglos, manchmal fast unsichtbar vor altem Gemäuer. Was tun sie? Sie küssen sich. Und wie!

Aufgenommen hat sie der Fotograf Olaf Unverzart in Galle, einer Festungsstadt an der Südküste Sri Lankas. Dort ziemt es sich nicht, sich vor aller Augen zu küssen, zumal für Unverheiratete. Das ist ungeschriebenes Gesetz. Ungeschriebenes Gesetz ist aber auch, den jungen Paaren Zeit und Raum zu geben, es doch zu tun, etwa in den Erkern und Nischen dieser verfallenden Festung oberhalb des Indischen Ozeans stets verborgen hinter Sonnenschirmen, die auf keinem Ausflug fehlen (und sei es bewölkt). Die Fotos entstanden innerhalb weniger Stunden. Sie zeigen einen Moment kulturell definierter Schuld, der Motive der Unschuld liefert und des Glücks, dem wiederum viel Melancholie innewohnt. Ist genau das nicht Liebe?

Wie gern (und wie verzaubert) schauen wir in diese Szenerie, in diese Welt, in der ein Kuss noch hoch im Kurs steht. Aber ganz leise, bitte.

Und nicht zu lang. Wir wollen ja nicht stören.