Eine Sensation – und niemand hats gemerkt! Bereits 2005 publizierte sie der Heidelberger Kunsthistoriker Armin Schlechter im Ausstellungskatalog Die edel kunst der truckerey, doch keiner der rührigen Leonardo-Forscher kümmerte sich drum. Tatsächlich könnte man das Ganze auf den ersten Blick für eine Marginalie halten: Es geht um eine Randbemerkung in einem 1477 erschienenen Frühdruck der Briefe Ciceros. Sie stammt von dem Florentiner Kanzleischreiber Agostino Vespucci, ist datiert auf Oktober 1503 und nennt drei wichtige Bilder Leonardo da Vincis: die Mona Lisa , eine Anna Selbdritt und die Anghiarischlacht .

Dass gleich drei prominente Werke Leonardo Vincis in einer zeitgenössischen Notiz erwähnt werden, ist schon deshalb bemerkenswert, weil die wenigen Gemälde des notorisch unproduktiven Künstlers zu seinen Lebzeiten nur selten kommentiert wurden. Am interessantesten ist der Verweis auf die Mona Lisa . Tatsächlich stammen die frühesten bislang bekannten Notizen über das Porträt erst aus den Jahren 1517 bis 1531. Weitere Angaben finden sich in den Leonardo-Biografien Giorgio Vasaris von 1550 und 1568. Seine Angaben galten in der neueren Forschung oft als unzuverlässig – doch zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt.

Die Randbemerkung im Heidelberger Cicero bestätigt unzweifelhaft Vasaris Angabe, dass Leonardo um 1500 ein Bildnis der Lisa del Giocondo malte. In seiner Notiz kommentiert Vespucci eine Passage bei Cicero, in der es darum geht, dass der antike Maler Apelles an einem Gemälde der »Venus den Kopf und den oberen Teil der Brust kunstvoll ausgeführt, die übrigen Teile des Körpers jedoch unfertig gelassen« habe. Hierzu merkt Vespucci an, dass »auch Leonardo da Vinci es in allen seinen Bildern« so mache, beim »Haupt der Lisa del Giocondo und dem von Anna, der Mutter der Jungfrau Maria«.

Bislang wurde die wissenschaftliche Auseinandersetzung um die Mona Lisa von zwei Kontroversen bestimmt. In einer geht es um die Identität der dargestellten jungen Frau. Schon immer wiesen die meisten Indizien darauf hin, dass es sich bei dem Bild um ein Porträt der 1479 geborenen Lisa Gherardini handelt, die den Kaufmann Francesco del Giocondo geheiratet hatte und Ende Dezember 1502 einen Sohn gebar. Dessen Geburt sowie Francescos Gründung eines neuen Hausstandes 1503 waren wohl der Grund für die Bestellung des Porträts. Gleichwohl werden seit dem frühen 20. Jahrhundert immer wieder alternative Namen ins Spiel gebracht und diskutiert. Diese Irrtümer basieren im Wesentlichen auf den wenigen Lücken der erhaltenen Quellen. Vespuccis Notiz schließt nun die früheste und damit wichtigste Lücke.

Die andere Kontroverse der Forschung kreist um die Frage, ob es sich bei der Mona Lisa überhaupt um ein Porträt handele. Manche behaupten, es sei eine kunsttheoretisch bedingte Idealdarstellung. Dagegen sprechen allerdings diverse Porträts, die Raffael nach seiner Ankunft in Florenz 1504 malte – nach dem Vorbild der Mona Lisa . Ganz unzweideutig sah er darin das persönliche Bildnis einer lebenden Person. Und das wird von Vespuccis Marginalie nun abermals bestätigt. Leonardo hatte das Bildnis der Lisa del Giocondo bereits im Oktober 1503 relativ weit vollendet.

Bedeutsam ist möglicherweise auch Vespuccis Bemerkung zur Anna Selbdritt . Von den drei belegten Entwürfen Leonardos zu diesem Thema sind nur zwei erhalten: der 1499 entstandene Burlington House Cartoon und ein im Louvre verwahrtes Gemälde. Ein drittes Bild ist durch Kopien und eine Beschreibung aus dem Jahr 1501 bekannt. Es war vermutlich für eine Grabkapelle der Tebalducci-Familie bestimmt, für die Agostino Vespucci als Sekretär arbeitete. Wenn sich diese Vermutung angesichts des exzellenten Kenntnisstands Vespuccis erhärten ließe, könnte seine Marginalie die Frage beantworten helfen, warum und für wen Leonardo in Florenz eine Anna Selbdritt malte. Auch das wäre eine Sensation, wenn auch eine etwas kleinere.

Frank Zöllner ist Professor für Kunstgeschichte in Leipzig. Von ihm erschienen unter anderem Bücher über Michelangelo und Leonardo da Vinci, beide im Taschen Verlag