UniversalbibliothekDas digitale AlexandriaSeite 2/4

Das Internet Archive ist eine gemeinnützige Organisation, ihr Hauptquartier liegt im Presidio, einem alten Militärgelände mitten in San Francisco. Auf dem üppig begrünten, weitläufigen Gelände fühlt man sich ins 19. Jahrhundert versetzt. Vor dem weißen Holzhaus weht eine leicht verschlissene blaue Fahne mit dem Logo der Open Content Alliance, die möglichst viele Inhalte frei verfügbar machen will. Drinnen das für nicht profitorientierte Initiativen übliche Chaos: eine etwas verramschte Küche mit ungespülten Kaffeetassen, enge Büros, die sich mehrere Mitarbeiter teilen, Kisten und Kartons überall.

Auch Robert Miller, auf dessen Visitenkarte »Director of Books« steht, hat kein eigenes Büro, sondern lediglich einen vollgemüllten Schreibtisch. Trotzdem fühlt sich der Mann, der gut dotierte Jobs in zwei Top-Unternehmen hatte, an seinem Arbeitsplatz wohler denn je. Er soll Partner für das Scan-Projekt finden. Meist sind es Universitätsbibliotheken, die ihren Bestand digitalisiert haben möchten. Da sie sich die zehn Cent pro Seite nicht leisten können, müssen Geldgeber her. Neben der Sloane Foundation, die zwei Millionen Dollar spendete, finanziert vor allem Microsoft die Arbeit – zu 85 Prozent. Miller hat es geschafft, das Projekt zum zweitgrößten Archiv digitaler Literatur zu machen – und zum größten, das seine Schätze frei zur Verfügung stellt. 250.000 Bücher stehen bereits online. Das ist zwar nur knapp ein Prozent der Weltliteratur, aber darunter sind wichtige Werke, die Normalsterbliche sonst nie sähen.

Angeworben wurde Miller von Brewster Kahle, dem Gründer des Internet Archive. Information muss frei sein, das ist Kahles Credo. Der 47-Jährige erfand in den achtziger Jahren das erste Suchverfahren für das damals noch überschaubare Internet. Er verkaufte seine Technik an AOL und wurde reich. Dann wuchs das Netz explosionsartig, und er stellte fest, dass schon nach wenigen Jahren von den Ursprüngen weniger Zeugnisse übrig waren als von der Römerzeit. Websites kamen und gingen, niemand speicherte das Vergangene. Die Pionierjahre gelten heute als das »dunkle digitale Zeitalter«.

Kahle beschloss 1996, das Internet zu speichern. Das klang fantastisch, aber eigentlich machen die »Roboter« der Suchmaschinen genau das: die Links des Netzes abgrasen, die Seiten speichern und bereits bekannte Webadressen in regelmäßigem Abstand besuchen. Nur tun Suchmaschinen das, um ein möglichst genaues Bild des aktuellen Zustands zu haben (Experten gehen davon aus, dass Suchmaschinen wie Google auch alte Daten nicht wegwerfen, aber sie nicht öffentlich anbieten). Kahle gründete einen Verein, eben das Internet Archive, und saugt seitdem den Inhalt des Netzes auf viele Festplatten. Auf zwei Petabyte ist die Sammlung inzwischen angewachsen, das sind zwei Millionen Gigabyte oder 20.000-mal der Speicherinhalt der Festplatte im handelsüblichen PC. Zum Glück wächst das Netz nur ungefähr in dem Maß, wie sich die Speichertechnik entwickelt.

Auf die alten, seit 1996 gespeicherten Seiten hat jeder über die »Wayback Machine« des Internet Archive Zugriff: Unter www.waybackmachine.org gibt man eine Webadresse ein und erhält eine Liste von »Schnappschüssen« dieser Seite aus den letzten Jahren. Wer etwa zeit.de eintippt, der findet die älteste brauchbare Homepage der ZEIT am 1. März 2000.

Das Internet ist nur ein extremes Beispiel dafür, was passiert, wenn sich niemand um die Archivierung kümmert. »Bibliotheken haben immer parallel zur Medienindustrie existiert«, sagt Kahle. Die Produzenten von Büchern, Zeitschriften, aber auch von Fernseh- und Radiosendungen sind erstaunlich nachlässig bei der Dokumentation ihres Schaffens. So ist die Frühzeit des Fernsehens weitgehend verloren, auch weil es damals an geeigneten Aufzeichnungsmedien mangelte. Und wenn ein Verlag seine Publikationen säuberlich sammelt, dann sind diese Archive meist nicht öffentlich.

Das Netz hat die Nutzer auch bequem gemacht. Warum eine Bibliothek aufsuchen, wenn man zu jedem Thema Tausende Treffer im Netz findet? Schüler und Studenten (und ihre Lehrer) geben sich gern mit Internetrecherchen zufrieden. Das Buch, das man sich erst einmal erarbeiten muss, physisch wie intellektuell, ist hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Es kann nur wieder konkurrenzfähig werden, sagen die Experten, wenn es ähnlich leicht erreichbar ist wie das Netz und via Webbrowser ins Haus kommt. Daher der Traum von der digitalen Bibliothek, die alle Bücher umfasst.

Leserkommentare
  1. ... zunächst einmal wird hier ein weiteres Stück von Ted Nelsons Xanadu-Vision zur Wirklichkeit. Wikipedia kann als die andere Hälfte angesehen werden. Ob jedoch die Gewalt über das digitalisierte Gedruckte bei Google dauerhaft in besten Händen ist, darf angezweifelt werden. Google EPIC 2015 ist mehr als nur ein Joke von Netzjunkies. Den jetzigen Zustand verdanken wir einer armen, blinden Kulturpolitik und der Feigheit der Verlage.- Die geflüsterte Antwort des Börsenvereins - Libreka - wird bald verstummen. Was bleibt? - Das digitale Alexandria, virtuell abgebrannt ...Artikel zur Geschichte >> www.amokwriter.com

  2. Ich war begeistert, dass die ZEIT das Thema der digitalen Bibliotheken aufgreift, und dann - wird nur über die Vormacht von Google gejammert und das Internet Archive vorgestellt. Zugegeben, das sind die Größten. Aber das "Project Gutenberg" (und zwar die internationale Seite www.gutenberg.org, nicht die deutsche) hätten Sie als "Gegenmittel" für die beschworene Gefahr eines Wissensmonopols schon wenigstens erwähnen können, immerhin bietet dieses allein schon 20.000 Bücher an, deren Texte von Freiwilligen u.a. über die Seite www.pgdp.net auch korrekturgelesen werden - da ist sichergestellt, dass auch wirklich keine Seiten im Buch fehlen, und der Leser scheitert am Ende nicht an unleserlichen Scans. <strong>Und</strong> niemand erhebt - anders als bei gutenberg.de - irgendwelche urheberrechtlichen Ansprüche für die Bearbeitung; es ist ein echtes Open Content Projekt, an dem auch viele Deutsche mitarbeiten.

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  • Serie Bildungskanon
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
  • Schlagworte Google | AOL | Archiv | Bibliothek | Digitalisierung | Internet
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