Mit einem Tritt auf das Fußpedal senken sich V-förmig montierte Glasplatten auf das Buch, das in einer entsprechend geformten »Wiege« liegt. Adrian justiert die beiden Kameras, die je eine Seite im Blick haben, und klickt auf den Auslöser. Glas hoch, umblättern, Glas wieder runter, nächste Doppelseite fotografieren.

Adrian ist 21 und digitalisiert Bücher. Eigentlich ist er Musiker, aber über Wasser halten kann er sich nur mit Jobs wie diesem. Seine Haarpracht steckt unter einer Wollmütze, Kopfhörer berieseln ihn mit Musik. Acht Stunden dauert die Schicht, während dieser Zeit scannt er etwa 4000 Seiten. Gerade hat er ein 100 Jahre altes Buch über arabische Grammatik in Arbeit, aber ihm bleibt kaum Zeit, die Seiten näher anzusehen. »Manchmal haben wir Bücher mit Bildtafeln drin«, sagt er, »die schaut man sich schon einmal an.«

Die Scan-Station steht in Richmond am Ufer der San Francisco Bay, in einem Bibliotheksgebäude der University of California. Adrian bekommt pro Stunde umgerechnet sieben Euro. In zwei Schichten wird von acht Uhr bis Mitternacht gearbeitet, elf Mitarbeiter sitzen jeweils an ihrer Station, mit schwarzen Filzvorhängen voneinander getrennt. Gesprochen wird nicht, der Job erfordert volle Konzentration. Ist ein Buch komplett, werden alle Seitenzahlen kontrolliert, denn der häufigste Fehler ist doppeltes Umblättern. Nicht jeder ist für die stereotype Arbeit geeignet: »Zwanzig Prozent sind schon nach einer Woche wieder weg«, sagt die Betriebsleiterin Julie Lefevre.

Adrian und seine Kollegen sind die Mönche des digitalen Zeitalters. Scribes ist das englische Wort für die Schriftgelehrten in mittelalterlichen Klöstern, die alte Bücher kopierten. Scribes nennt man in Richmond nicht die Bediener der Kameras, sondern die Geräte – die menschlichen Kopierer heißen scanners. Sie spielen eine unverzichtbare Nebenrolle in einem ambitionierten Projekt: der digitalen Bibliothek der Zukunft. Das Ziel: alles, was jemals in Schriftform veröffentlicht worden ist, zu scannen, mittels Schrifterkennung in digitale Textdateien zu verwandeln und per Internet verfügbar und durchsuchbar zu machen. Das gesamte gedruckte Wissen der Menschheit in einer Bibliothek! Und nicht nur Bücher: Medien aller Art, Musik, Bilder, Filme und die Milliarden von Seiten, die im weltweiten Internet verstreut sind.

Die letzte Universalbibliothek stand im antiken Alexandria. Mit sanftem Druck erweiterten die Herrscher dort ihre Sammlung: Jedes Schiff, das in der ägyptischen Hafenstadt anlegte, musste die Schriftrollen, die es an Bord hatte, herausgeben. In der Bibliothek wurden die Papyri kopiert, der Kapitän erhielt sie wieder zurück. Etwa 40 Prozent der damaligen abendländischen Literatur umfasste die Bibliothek in ihrer Hochzeit. Fast alle Schriftrollen wurden ein Raub der Flammen, nur die babylonischen Keilschrift-Tontafeln überdauerten. Eine Lehre daraus: Man sollte sich gut überlegen, wie man wichtige Dokumente speichert.

Knapp ein Prozent der Weltliteratur ist bereits online frei verfügbar

In den folgenden zwei Jahrtausenden hat sich das Material, das eine mögliche Weltbibliothek umfassen müsste, vervielfacht. Mehr als 30 Millionen Buchtitel hat die Menschheit hervorgebracht, die meisten davon gibt es nur noch in wenigen Exemplaren, verstreut über Tausende Bibliotheken. Die Vorstellung, das alles digitalisieren zu können, erschien bis vor kurzem unmöglich. Vor zehn Jahren schrieb Dieter E. Zimmer in der ZEIT: »Die Große Virtuelle Weltbibliothek wird es nie geben.« Sein Hauptargument waren die Kosten: Zwar werde die Computertechnik immer billiger, aber noch müsse jedes Buch in die Hand genommen werden, die sorgfältige digitale Erfassung koste fünf Euro pro Seite. Das Scannen auch nur einer kleineren deutschen Universitätsbibliothek sei prohibitiv teuer.

Dass das Projekt inzwischen realistisch ist, liegt vor allem an der Industrialisierung der Scannerei. Dadurch sind die Kosten drastisch gesunken. Das Internet Archive, das neben der Anlage in Richmond noch elf weitere Scan-Center unterhält, berechnet pro Seite zehn US-Cent. Dafür bekommt die Bibliothek nicht nur das digitale Bild, sondern eine automatisch erstellte Textdatei (Korrekturlesen ist bei diesem Preis unmöglich), eine unveränderliche Internetadresse, unter der das Buch abgespeichert ist, und Speicherplatz »für immer« auf den Servern des Vereins – was immer man darunter versteht.