Jetzt geht es ins Konspirative", sagt Erich Moechel und nimmt einen Schluck aus seiner Bierdose. Der 50-jährige Journalist sitzt im Museumsquartier, in den Räumlichkeiten von quintessenz, einem Verein "für die Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter". Er will demonstrieren, wie man den Staat austrickst. Am Computer. Mit ihm am Besprechungstisch sitzen zwei junge Männer vor ihren Laptops. Sie stellen sich als Hacker vor. An der Wand ein Plakat: "Big Brother is watching you!" Moechel wirft seinen PC an. "Ein Mensch mit Hang zum Geheimen" nannte der deutsche stern Moechel in einem Porträt, nachdem der orf.at-Journalist brisante EU-Papiere veröffentlichte, die er im Netz aufgespürt hatte. Andere halten ihn für paranoid. Seit Jahren schon warnt der Oberösterreicher vor dem Überwachungsstaat. Jetzt fühlt er sich bestätigt. "Meine schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten. Tarnen reicht nicht mehr. Man muss täuschen", sagt Moechel und loggt sich auf einer Website ein. Und zwar "safe". So, dass die staatlichen Schnüffler keine Chance haben, ihm zu folgen.

Seit 1. Jänner gilt in Österreich ein neues Sicherheitspolizeigesetz. Es erlaubt den Behörden den Zugriff auf sensible Daten, sowohl im Internet als auch im Mobiltelefonnetz. Im Internet sind es die sogenannten IP-Adressen, circa zehnstellige Nummern, die jeder Nutzer hinterlässt, wenn er seine E-Mails abruft, ein Posting schreibt oder auch nur eine Website betrachtet. Mit dem neuen Gesetz kann die Polizei ohne richterliche Genehmigung nachvollziehen, wer im Netz welche Wege geht.

Allerdings nur dann, wenn es sich die User gefallen lassen. Hacker, Datenschützer und alle anderen, die Wert darauf legen, surfen weiterhin anonym. "Es erwischt also wieder einmal nur die Dummen", sagt Moechel. "Das Gesetz schafft nur Verunsicherung." Er glaubt, dass es in Zukunft für investigative Journalisten weniger auskunftsbereite Informanten gebe. Dabei lege er ohnehin Wert darauf, heikle Informationen nur über sichere Leitungen auszutauschen.

"Die einfachste Möglichkeit, sicher zu surfen, sind Anonymisierungsserver", erklärt Markus Klemen, Geschäftsführer von Secure Business Austria, einem Forschungsinstitut für IT-Sicherheit. Solche Anonymisierungsdienste kann jedermann gratis im Internet nutzen. Der eigene Computer geht dabei nicht direkt ins Netz, sondern steuert einen Server an, der seine Standortdaten verwischt. Die IP-Adresse dieses Servers ist alles, was die Behörden bei einer Ausforschung sehen können. Für genauere Infos müssten die Polizisten bei dem Serverbetreiber nachfragen – ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Die Mitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC), der bekanntesten deutschen Hackervereinigung, verschlüsseln ihren Webverkehr auf diese Weise. "Wir empfehlen das Tor-Netzwerk", sagt Frank Rosengart, einer der Sprecher des Clubs. "Das ist eine Kette von mehreren Servern, teils in obskuren Ländern wie Usbekistan oder Bangladesch, von denen jeder einzelne die Spuren verwischt." So können sich die Hacker fast völlig sicher im Netz bewegen.

Aber eben nur fast. Im Ernstfall könnten die Serverbetreiber gegenüber der Polizei mit den Daten herausrücken. "Machen wir einen Ausflug ins Paranoide", sagt IT-Sicherheitsexperte Klemen und sinniert über ein Szenario der absoluten Sicherheit: Anders als in Deutschland sind in Österreich mobile Modems und Datenkarten ohne Ausweispflicht beim Discounter um die Ecke erhältlich. Wer mit ihnen surft, bleibt namenlos. Selbstverständlich dürfe man diese Datenkarten bei aufgebrauchtem Guthaben niemals aufladen, sondern müsse sie samt den Modems wegwerfen. "Wenn ich wirklich sichergehen will, setze ich mir beim Einkauf eine Kappe auf, damit mich die Überwachungskamera nicht erwischt." Wer dann noch einen Anonymisierungsserver verwende, sei vielleicht auf der paranoiden, jedenfalls aber auf der sicheren Seite, sinniert Klemen.

Eine Anleitung für Verbrecher? Oder bloß ein Mittel für engagierte Bürger, die sich beim Surfen nicht zusehen lassen wollen? Barbara Helige, ehemalige Vorsitzende der österreichischen Richtervereinigung, nennt den Wunsch nach Anonymität im Netz ein "Bürgerrecht": "Man darf nicht gleich als verdächtig gelten, bloß weil man nicht alles auf den Tisch legt." Schließlich gebe es auch auf der Straße keine Ausweispflicht. "Ein Polizist darf nicht grundlos einen Spaziergänger nach seiner Identität fragen", sagt Helige. Auch Hacker Frank Rosenberg meint: "Meine Kontoauszüge werden schließlich auch in einem verschlossenen Kuvert verschickt. Wieso sollte ich es im Netz anders halten?"

Etwas schwieriger ist die Anonymität am Mobiltelefon. Die Polizei darf nun Stammdaten beim Anbieter verlangen oder Handys direkt überwachen. "Viele Menschen werden auf anonyme Wertkartenhandys umsteigen", prophezeit Helige. Abhörsicher sind Prepaidhandys aber auch nicht. Dafür muss man sich entweder ein speziell verschlüsseltes "Cryptophone" vom Schwarzmarkt leisten oder ausschließlich Internettelefonie benutzen. Letzteres hat der CCC institutionalisiert. "Wenn ich mit meinem Handy eine Nummer wähle", sagt Frank Rosengart, "geht das Telefon sofort über eine verschlüsselte Verbindung ins Internet." Im Netz werden dann – wieder über mehrere Server – alle Spuren verwischt, bevor das Gespräch an einem zufällig ausgewählten Punkt wieder ins Telefonnetz geht. Diese Variante ist wegen der Verschlüsselung nicht nur abhörsicher, es fällt auch schwer, herauszufinden, wer mit wem telefoniert hat.