Amerikas Wunsch nach Wandel erfasst auch die Justiz. Wer ihn erspüren will, muss tief ins Land schauen. Dort revolutioniert die DNA-Methode nicht nur die Kriminalistik, sondern das gesamte Rechtsdenken. Dank ihr werden derzeit Hunderte von Gewaltverbrechen aufgerollt und furchtbare Justizirrtümer aufgedeckt. Fast jede Woche öffnet sich irgendwo ein Gefängnistor, um einen zu Unrecht Verurteilten nach jahrzehntelanger Haft zu entlassen.

Auf einmal fragt sich Amerika: Ist unser Rechtssystem noch zeit- und verfassungsgemäß? Nicht dass sämtliche Bundesstaaten nun die Todesstrafe abschaffen wollten, sie wird vielerorts fortbestehen wie auch die anderen auf Vergeltung und Abschreckung basierenden Sanktionen, die Prangerstrafe zum Beispiel und die öffentliche Bekanntmachung des Wohnortes von Sexualstraftätern. Doch 15 Staaten praktizieren die Todesstrafe schon nicht mehr.

Justiz und Politik werden weitere Grenzen neu ziehen. Bis zum Sommer will das Oberste Gericht, der Supreme Court, befinden, ob der mittels einer Spritze injizierte tödliche Giftcocktail derart schreckliche Schmerzen verursacht, dass er gegen Artikel 8 der Verfassung verstößt.

Dieser verbietet eine grausame und unmenschliche Bestrafung.

In die Kritik geraten sind auch das rabiate Gefängnissystem und der politische Einfluss auf die Justiz. Sah sich der alte Justizminister in Washington noch als verlängerter Arm des Präsidenten, bemüht sich der neue, politisch allzu willfährige Staatsanwälte abzulösen. Die Strafanstalten platzen aus allen Nähten - Untersuchungen belegen, dass vor allem jugendliche Delinquenten hinter Mauern erst recht zu Kriminellen werden. Ausgerechnet das konservative Missouri hat eine Kehrtwende vollzogen, hin zu kleineren Anstalten in der Nähe der Heimat der Gefangenen, mit umfangreichen Ausbildungs-, Arbeits- und Therapieangeboten.

Der Wandel könnte auch bald das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba erfassen. Aller Voraussicht nach wird der Supreme Court den Inhaftierten im Sommer ein weiteres Mal das Recht auf einen fairen Prozess zusprechen. Alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten haben angekündigt, im Falle ihrer Wahl Guantánamo zu schließen. Selbst der Republikaner Mike Huckabee hat sich dieser Forderung angeschlossen.