Einträchtig und in bestem Einvernehmen: So präsentieren sich der Parteiobmann und sein Vorgänger auch am Donnerstagnachmittag wieder in der Villa Toscana in Gmunden, einem Jugendstiljuwel am Traunsee, unweit der fernsehbekannten Happyend-Herberge Schlosshotel Orth. Politische Soap eben. Bei der »Jahresauftakt 2008«-Veranstaltung der Volkspartei verlangt die Inszenierung vor allem nach Harmonie, wenn der Kurs für das kommende Jahr festgelegt wird. Doch wer gibt tatsächlich bei der kleineren Regierungspartei die Richtung vor? Der gegenwärtige Chef? Oder der Ex? Das Thema bleibt tabu. Nur nicht dran rühren, nur nicht darüber reden und vor allem zu keinem der neugierigen Leute aus den Medien ein Wort. Alles nur Gräuelpropaganda der roten Spielverderber, lautet die offizielle Sprachregelung.

Doch ganz so, wie das parteiintern gefordert wird, läuft die Sache nicht. Franz Fischler beispielsweise, der vormalige EU-Landwirtschaftskommissär und ehemalige ÖVP-Landwirtschaftsminister, sagt in aller Offenheit: »Das ist eine einmalige Situation. Ich sehe nirgendwo in Europa etwas Vergleichbares. Diese Situation kann nicht von Dauer sein.« Deutlicher noch der ehemalige ÖVP-Vizekanzler Erhard Busek im Online-Standard: Der Vorgänger habe »zu gehen und sich einen neuen Job zu suchen«.

Die von Wahlverlierer Wolfgang Schüssel geschaffene Personalkonstellation ist ein österreichisches Novum: Wilhelm Molterer, einst Klubobmann, stieg zum Parteiobmann und Vizekanzler auf, derweil Altkanzler Schüssel die vakante Führung des Parlamentsklubs übernahm und auf dem Kutschbock der schwarzen Parlamentskarosse die Zügel straff zieht. Doch nicht die Rochade an sich ist das Problem, das der Partei zu schaffen macht. Es sind vielmehr die unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen der beiden Politiker, die sich in dieser Konstellation verhängnisvoll auswirken. Deshalb nimmt auch niemand an, Molterer, eher ein Freund des konzilianten Gesprächs, könne unter diesen Umständen aus dem Schatten seines ehemaligen Chefs treten. »Mit dem alten Parteichef im Rücken«, meint Fischler, »kann sich Molterer nicht emanzipieren. Er müsste sich selbstständig machen und klarstellen, dass er der Herr im Hause ist. Selbst wenn diese Situation für die Betroffenen im persönlichen Umgang wahrscheinlich großteils kein Problem darstellt, nach außen hin ist sie das falsche Signal.«

Die ÖVP spielt Mikado: Wer sich zuerst rührt, der verliert

In der Tat glaubten 47 Prozent der Befragten in einer von profil in Auftrag gegebenen OGM-Umfrage, Schüssel habe in seiner Partei weiterhin das Sagen. Nur 32 Prozent billigten dem tatsächlichen Parteiobmann Molterer das letzte Wort zu. Dementsprechend liegt der Nachfolger nach Umweltminister Josef Pröll und Schüssel deutlich abgeschlagen erst an dritter Stelle der Wählergunst.

Nur vorsichtig wagt sich Gertrude Brinek, die Wissenschaftssprecherin der ÖVP, an eine Analyse des Spannungsverhältnisses: »Früher war das stimmig – Schüssel Parteichef und Kanzler, Molterer Klubchef. Heute schlägt trotz Platz- und Aufgabenwechsel die alte Ordnung immer noch durch. Weil Molterer kein Machiavellist ist«. Dass Schüssel hingegen einer sei, für den der Zweck sehr wohl die Mittel heilige, denkt die Abgeordnete offenbar. Es auszusprechen getraut sie sich aber nicht. Auch Reinhold Mitterlehner, stellvertretender Generalsekretär der Wirtschaftskammer, beobachtet als Nationalratsabgeordneter Ähnliches: »Die beiden sind einander durch den bisherigen gemeinsamen politischen Weg so eng verbunden, dass sie selbst Konflikte, die jedem anderen in Österreich erkennbar sind, nicht austragen.« Um nach langer Pause hinzuzufügen: »Dies schon deshalb nicht, weil es den Konflikt gar nicht gibt.« Was immer dieser Nachsatz bedeuten soll.

Bezeichnend ist er jedenfalls. Meinen doch die meisten Mandatare der ÖVP, es wäre besser, vor ihrem Klubobmann auf der Hut zu sein. Deshalb verlieren sie kein offenes Wort über das heikle Thema, mit dem sie sich zitieren ließen. Die Fäuste ballen sie nur in der Hosentasche. Ein politisches Mikadospiel: Wer sich zuerst rührt, den würde wohl der Bannstrahl des insgeheimen Parteidominators treffen.