Ein Österreicher in den USA: Der 25-jährige Volkswirt Konstantin Wacker arbeitet seit vergangenem Herbst als Gedenkdiener im Center for Advanced Holocaust Studies am US Holocaust Memorial in Washington.

Im Archiv der Auslöschung. Schon lange war mir klar, dass ich nicht zum Bundesheer gehen würde. Während meines Volkswirtschaftstudiums in Wien entschied ich mich dann, ersatzweise zwölfeinhalb Monate Gedenkdienst zu leisten. Deshalb bewarb ich mich am Holocaust Memorial, wo ich seit Herbst arbeite. Meist recherchiere und beantworte ich Anfragen zu jenen kleineren Konzentrationslagern, über die es wenig greifbare Literatur gibt. Darüber hinaus kümmere ich mich auch um konkrete Personenanfragen.

Zuletzt war ich für einen gleichaltrigen Amerikaner aus New Jersey tätig. Der 25-jährige Filialleiter eines Supermarktes wollte Näheres über die Wiener Wurzeln in der Großelterngeneration seiner Familie erfahren. Weil wir hier Zugriff auf mikroverfilmte Akten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien aus der Zeit des Holocaust haben, konnte ich ihm weiterhelfen: 118000 sogenannte Auswanderungsfragebögen dokumentieren die systematische Zerstörung und Beraubung der jüdischen Gemeinde. In diesem Konvolut konnte ich mit Hilfe des ebenfalls erhalten gebliebenen Karteikartensystems sieben relevante Akten ausfindig machen. Damit der Mann die auch versteht, habe ich die Inhalte übersetzt und zusammengefasst. Jetzt hoffe ich, dass wir uns bei Gelegenheit auch noch persönlich kennenlernen, denn ich bin beeindruckt, wenn jemand neben seiner Arbeit im Supermarkt die Kraft aufbringt, nach seinen familiären Wurzeln zu suchen. Es ist sehr befriedigend, ihm dabei helfen zu können.

In der Box. Nebenher lasse ich mich zum Museumsführer ausbilden. Hier werden nicht nur Schüler, sondern auch Militärs und Polizisten gruppenweise durch das Museum geführt und über den Holocaust informiert. Das könnte man in Österreich durchaus als Anregung aufnehmen. Es kommen aber auch viele Touristen, die überhaupt keine Ahnung und über einen Reiseführer den Weg ins Memorial gefunden haben.

Weil aber auch hochqualifizierte Forscher aus aller Welt im Rahmen einzelner Fellowships hier tätig sind, ergibt sich eine in jeder Hinsicht anregende Atmosphäre. Besonders gerne habe ich die brown bag lunches, bei denen man sein Mittagssandwich aus der Tüte verzehrt, während ein Kollege zu einem seiner Spezialthemen referiert. Wenn ich mich anschließend wieder in meine drei Quadratmeter kleine Bürobox zum Lesen und Recherchieren zurückziehe, fühle ich mich richtig wohl: Ich hätte nicht gedacht, dass man in solch einem cubicle, wo die allerwichtigsten Bücher, ein Computer und ein Telefon in Griffweite stehen, so gut arbeiten kann.

aufgezeichnet von Ernst Schmiederer