In den ersten hundert Jahren der Operngeschichte ist die Orpheus-Sage das Sujet schlechthin. Der Gesang des Orpheus, der die Götter bittet, ihm seine Euridike zurückzugeben, offenbart die früheste Form von Subjektivität. Das Subjekt (als autonom handelndes und ein dem Gesetz unterworfenes) wendet sich an die Gottheit mit der demütigen Bitte, sich gnädig zu erweisen. Und was geschieht, wenn der Held die Chance verspielt, die ihm die göttliche Gnade gewährt hat? In Claudio Monteverdis Orfeo (mein Favorit ist die Harnoncourt-Aufnahme, Teldec/Warner) haben wir es mit der reinsten Form von Sublimation zu tun. Nachdem sich Orpheus, um einen Blick auf Euridike zu werfen, umdreht und sie so verliert, tröstet ihn die Gottheit: Fürwahr, er habe sie als Mensch aus Fleisch und Blut verloren, von nun an aber werde er ihre wunderschönen Gesichtszüge überall erblicken können, in den Sternen am Himmel, im Funkeln des Morgentaus Orpheus akzeptiert den narzisstischen Gewinn dieser Verkehrung prompt: Ihn betört die Aussicht auf Euridikes poetische Verherrlichung es ist, kurz gesagt, nicht mehr sie, die er liebt, sondern die Vorstellung seiner selbst der seine Liebe zu ihr zelebriert.

Das wirft natürlich ein anderes Licht auf die Frage, warum Orpheus alles vermasselt hat. Vielleicht tat er es ja, um sie in der Realität zu verlieren und damit als Objekt der erhabenen dichterischen Inspiration zurückzugewinnen (wie Klaus Theweleit dargelegt hat)?

Vielleicht brachte Euridike ihn sogar absichtlich dazu, sich umzudrehen, und dachte sich dabei etwa Folgendes: "Ich weiß, dass er mich liebt - doch er hat das Zeug zu einem großen Dichter, und er kann diese Bestimmung nicht einlösen, wenn er glücklich mit mir verheiratet ist."

Hierfür gibt es zahllose Beispiele: Wie Euridike stellt auch Elsa in Wagners Lohengrin absichtlich die verhängnisvolle Frage. Dadurch errettet sie Lohengrin, dessen tiefster Wunsch natürlich ist, ein einsamer Künstler zu bleiben, der sein Leiden schöpferisch sublimiert.

Das Paradebeispiel aber ist Wagners Brünnhilde: Sie strebt ihre eigene Vernichtung an, um den geliebten Mann in einem Akt der Liebe zu erlösen. Von Orfeo bis La Traviata ist die Lehre, die uns die Oper erteilt, somit klar: Die vornehmste Mission der Frau besteht darin, die Erlösung des Mannes zu ermöglichen, indem sie sich selbst ausradiert.

Aus dem Englischen von Bettina Engels