Stimmt's / Stimmt's : Fäkale Wölkchen

Eine Kolumne von
Im Radio habe ich gehört, dass man seine Zahnbürste desinfizieren soll. Als Begründung wurde genannt, dass im Bad die Zahnbürste meist relativ nah am Klo aufbewahrt wird und dass bei jedem Spülen viele Bakterien durch die Luft wirbeln, die sich im ganzen Bad, auch auf der Zahnbürste, verteilen. (Karina Strasky, Cambridge (England))

Wenn wir die Toilettenspülung bedienen, wird ein Teil des Spülwassers zum Aerosol – also zu einem Wölkchen aus feinsten Tropfen, die nicht sofort zu Boden fallen, sondern bis zu sechs Meter durch den Raum schweben. Das jedenfalls hat Philip M. Tierno vom Medical Center der New York University gemessen. Dann erst lassen sie sich nieder und mit ihnen die Bakterien, die sie enthalten. Fäkale Kolibakterien sind praktisch überall im Bad nachweisbar, auch auf offen herumstehenden Zahnbürsten. Tiernos Kollege Charles Gerba, ein Mikrobiologe von der University of Arizona, ließ sich zu dem geschmacklosen Vergleich hinreißen, ein mikroskopischer Blick auf diese Keime erinnere an » Bagdad bei Nacht während einer US-Militärattacke«.

Das klingt äußerst abstoßend. Aber ist es gesundheitsgefährdend? Bakterien lassen sich mit modernen Methoden fast überall nachweisen, und das Bad sollte uns dabei am wenigsten Sorge machen. Ein weiterer drastischer Spruch von Gerba: »Wenn ein Außerirdischer zu uns käme und die Bakterien zählen würde, so käme er wahrscheinlich zu dem Schluss, er solle seine Hände in der Toilette waschen und in die Küchenspüle scheißen.« Denn dort, insbesondere auf dem Spüllappen, siedeln mit Abstand die meisten Keime.

Trotzdem kann es sicher nicht schaden, beim Spülen den Klodeckel zu schließen und die Zahnbürste in einem verschließbaren Schränkchen aufzubewahren. Christoph Drösser

Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Anzeige

Forschende Fachhochschulen

Die deutschen Fachhochschulen entwickeln sich von reinen Lehranstalten zu Schmieden der anwendungsbezogenen Forschung - unterstützt von Politik und Wissenschaftsrat.

Mehr erfahren >>

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2
Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

pssssst

nicht zu laut,wird wohlmöglich wieder Anlass zu einer EU Verordnung tja was soll da einer sagen der noch das Plumpsklo im Freien kennengelernt hat,sogesehen klinisch einwandfrei und heute,vorm Zähneputzen Bürste desinfizieren,Zahnbürste wohlgemerkt!arme Welt,so grosse Sorgen!

Hah!

Ich wußte schon immer, dass es durchaus Vorteile hat, in einer Altbauwohnung mit Toilette auf dem Flur zu wohnen (zumindest, wenn man sie nicht mit anderen Bewohnern teilen muß). Meine Zahnbürste steht in der Küche und da gibt es keine Fäkalien.Ansonsten gibt dieser Artikel einer uralten Streitfrage neue Nahrung: Soll man die Zahnbürste mit dem Bürstenkopf nach oben oder nach unten in den Becher stellen? Das übliche Argument für "nach oben" ist die Tatsache, dass die Borsten so besser trocknen und weniger Nährboden für Bakterien bieten, das für "nach unten" die Tatsache, dass die Zahnbürste so wesentlich sicherer steht und nicht so leicht herausfällt (was in manchen Badezimmern einer Katastrophe gleichkommt, weil man sie anschließend garantiert nicht  mehr in den Mund nehmen möchte). Die Bakterienwolken sind ein weiteres Argument dafür, die Bürsten nicht in die Luft ragen zu lassen. Danke dafür.Sehr nett in diesem Zusammenhang sind übrigens auch die Badezimmer, in denen stehpinkelnde Männer das Handtuch direkt zwischen Toilette und Waschbecken hängen haben. Ich bin nicht besonders pingelig, aber dort ziehe ich es vor, mir die Hände am Pullover abzutrocknen...

Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.