Ich bin kein übertriebener Gutmensch, aber ich habe von Grausamkeiten erfahren, die so unbeschreiblich und unvorstellbar sind, dass ich nicht mehr weggucken konnte. Ich spreche vom Terror in Darfur, der die Menschen dort seit bald fünf Jahren drangsaliert. Im Südsudan und im Osttschad leben zweieinhalb Millionen schwarzafrikanische Flüchtlinge in Lagern, in denen sie vor dem Völkermord durch die Regierungsmilizen und die arabischen Dschandschawid, auf Deutsch die »Teufel auf Pferderücken«, nicht sicher sind. Die Nächte sind am schlimmsten. Nachts, wenn die Hilfsorganisationen die Lager verlassen, werden junge Mädchen vergewaltigt und die Jungen verschleppt. Nicht mal in ihren Träumen können diese Kinder und ihre Eltern Ruhe vor der grausamen Wirklichkeit finden.

Vor allem die Frauen in Darfur, die alles verloren haben, was sie lieben – ihre Kinder, ihre Männer, ihre Heimat –, haben mich bei meinen Reisen, unter anderem mit der Organisation Dream for Darfur, viel über Lebensmut und über die Unverwüstlichkeit der menschlichen Seele gelehrt. Vor allem aber haben sie mir gezeigt, was es heißt, eine gute Mutter zu sein, mehr als irgendjemand vor oder nach ihnen. Diese Frauen haben unglaubliche Verluste erfahren. Ihre Kinder wurden in ihren Armen von Kugeln durchlöchert, ihre Männer vor ihren Augen gemeuchelt, sie selbst wieder und wieder vergewaltigt. Täglich müssen diese Frauen bis zu 30 Kilometer zu Fuß zurücklegen, um Feuerholz für ihre kärglichen Mahlzeiten zu finden; ein Weg durch neuen Terror und manchmal auch in den Tod.

Ich könnte nicht sagen, ob ich nur halb so standhaft wie diese Frauen wäre. Das Leben jeden Tag aufs Neue anzunehmen, obwohl die Bedingungen unmenschlich und die Gräuel ohnegleichen sind?

Das Mantra meiner eigenen Familie lautet: »Durch Wissen entsteht Verantwortung«. So bin ich erzogen worden, und so habe ich auch meine 14 Kinder großgezogen: in dem Wunsch, ihre Herzen für Verantwortung und den Respekt vor anderen zu öffnen.

Wenn sie über eine Brücke laufen, und im Wasser schwimmt ein hilfloses Baby, fühlen sich 99 Prozent aller Menschen moralisch verpflichtet, das Baby zu retten. Wie aber würden Sie reagieren, wenn Sie jemand auf dem Weg zur Arbeit plötzlich anspricht und sagt, dass ein Baby in einen nahe gelegenen Tümpel gefallen ist? Und was unternehmen Sie, wenn dieses Baby seinen Todeskampf Tausende Kilometer weit weg kämpft?

Ich hatte schon als junge Schauspielerin in einer prominenten Fernsehserie Erfolg, auch finanziell; trotzdem habe ich schon ziemlich früh gemerkt, dass mich beides nicht glücklich macht. Ich sehnte mich nach einem anderen, bedeutungsvolleren Leben. Wie dieses Leben aussehen könnte, wurde mir klar, als ich zum ersten Mal von den Schrecken in Darfur erfuhr. Ich wollte alles in meinen Möglichkeiten Stehende dazu beizutragen, diesen Völkermord zu beenden. Indem ich begann, anderen davon zu berichten, konnte ich meine Verantwortung mit ihnen teilen. Heute lebe ich für meine Kinder – und um für diejenigen zu sprechen, deren Stimme nicht gehört wird.

Als ich neun war, bekam ich Kinderlähmung. Das war 1954. Die Krankheit war noch unerforscht, die Panik vor Ansteckung extrem. Kinder wie mich trennte man von ihren Familien und steckte sie in Einzelzimmer in der Klinik. Als ich nach einem Jahr in einer Eisernen Lunge als geheilt entlassen wurde, hatten meine Eltern unseren Hund weggegeben, meine Plüschtiere verbrannt, die Sofas neu bezogen und alle Wände neu gestrichen. Damals habe ich verstanden: Das, was uns keiner nehmen kann, macht unseren wahren Kern aus. Das Leben hat mich mit dieser Erfahrung früh verwöhnt. Dafür bin ich dankbar. Jeder von uns hat irgendwelche schmerzhaften Erfahrungen in seiner Kindheit und Jugend gemacht. Aber was sind sie gegen das, was Menschen in Darfur täglich erleiden?