Österreich Schneewalzer tanzen wir
Endlich mal verboten fahren, den Gelenken und der Kunst zuliebe. Ein Skikurs im Bregenzerwald erfindet den Abfahrtslauf neu mit Bewegungen aus dem Ballett
Früher war Wintersport Mord und Abfahrtslauf die mörderischste Disziplin von allen. So elegant die Schnellschwingexperten der siebziger Jahre daherwedelten, so verbissen übten sie. Ihr ballettschöner Stil – die aufrechte Haltung, die subtile Beinarbeit und das überlegene Rampenlichtlächeln – war ja Ergebnis harter Arbeit an sich selbst. Nicht nur rasant fuhren sie, sondern auch ausdauernd, nicht nur waghalsig, sondern unerschütterlich im Glauben an die allein selig machende Schmalspurtechnik. Locker wurden sie erst abends beim Obstler, wenn die wund gescheuerten Schienbeine Schonfrist hatten und der Schmerz in den Oberschenkeln nachließ. Daran änderte auch die Ausrufung des Carving-Zeitalters Mitte der Neunziger zunächst nichts: Das Dogma der engen Bögen wurde durch das neue Dogma weiter Radien ersetzt. Selbst heute, da die Generation Funpark alle Regeln über den Haufen fährt, verteidigen viele Skischulen weiter die starre Ästhetik und das Macho-Image eines Risikosports, der den meisten Profitänzern per Vertrag verboten ist. Man kann sich also ausmalen, was es bedeutet, wenn plötzlich ein geprüfter Vorarlberger Skilehrer Kurse anbietet, bei denen man »tanzend Ski fahren lernen« kann: eine Revolution, vor der sich Ballettintendanten ebenso wie Verbandspräsidenten fürchten – und sogar die Kursteilnehmer selbst.
Pistensäue sind keine Tutu-Mädchen, ein klassischer Parallelschwung ist keine Pirouette, und weil gestandene Skisportler nicht mit Primaballerinen verwechselt werden wollen, erscheint unsere halbe Mannschaft am ersten Morgen ohne Tanztrainingskleidung zum Tanzen. Harald, Ulrike und Julia starten in Skiunterhosen. Die blauen Beinkleider vom Rechtsanwalt Harald sind an den Nähten schon etwas fadenscheinig, wie es sich für einen eifrigen Pistenkilometerfresser gehört. Die schlanken Füße der Hautärztin Ulrike stecken in unpraktischen hellen Wollsocken. Die Psychotherapeutin Julia trägt einen viel zu warmen Norwegerpullover. Damit signalisieren die drei Wiener Wedelkönige, dass sie das neueste Bregenzerwälder Wintersportexperiment, für das sie quer durch Österreich gereist sind, so ernst denn doch nicht nehmen und hier, im Dorfschulsaal von Schoppernau, nur eine lästige Vorübung für die Piste absolvieren. Steifbeinig, mit hochgezogenen Schultern und verschränkten Armen betreten sie das knarzende Parkett des Übungsraums.
Will man einen Skitag wirklich auf dem Trockenen beginnen? Schoppernau liegt im Hinteren Bregenzerwald, wo die gemütlichsten Skilandschaften wachsen, und der Bregenzerwald liegt im kleinen Bundesland Vorarlberg, wo dank der Staulage entlang der Nordalpen immer noch richtig dick Schnee fällt, durchschnittlich neun Meter pro Saison. Sehnsüchtig schaut Kristin, unsere Innsbrucker Tiefschneekoryphäe, aus dem Fenster nach den Gipfeln, als bereute sie schon jetzt ihren Entschluss, dem üblichen Winterurlaub zu entsagen. Mit Ketzermienen scharen die Schüler sich um ihren Skilehrer, der soeben auf einer Yoga-Matte Platz nimmt.
Weil er die Ballettscheu der Mannschaft spürt, lässt er sie erst einmal Fußgelenke lockern, Schultern kreisen, Köpfe schütteln, um dann zu fragen: »Wie fühlt ihr euch heute?« Da müssen wir überlegen. Wer von den Skifeldwebeln alter Schule den autoritären Mir-nach-Unterricht kennt, den können sanftere Methoden verschüchtern. Schon diese Hintergrundmusik. Und erst die Gymnastikkulisse: In einer Ecke stapeln sich Decken, in einer anderen liegen bunte Medizinbälle.
Michael Widmer-Willam stammt aus Vorarlberg, hat aber in den Niederlanden zeitgenössischen Tanz studiert. Fünf Jahre verbrachte er am Arnheimer New Dance Development Centre, einer Hochburg des antiklassischen Erneuerungsfurors. Er vertiefte sich in die Philosophie des »permanenten Wandels« und schaute sonntags als Einziger im Fernsehen Weltcuprennen. Er trainierte die verschiedensten Bewegungsformen – von Aikido über Akrobatik bis Alexandertechnik – und notierte in einem Skitagebuch all die Elemente, die für seinen eigentlichen, von Kindheit an betriebenen Sport nützlich schienen. Mit avantgardistischen Ideen fürs Hangabwärtsschweben kehrte er zurück ins traditionsbewusste Käsebauernländle zwischen Bodensee und Kleinwalsertal, wo er mittlerweile »Ski!Projekt«-Kurse für alle Könnensstufen gibt.
Mit Fliehkraft carven, schön breitspurig wie die Eisenbahn
»Für mich ist Skifahren Tanz«, sagt Michael an diesem schneewolkenverhangenen Morgen zu seinen fünf Fortgeschrittenen der Kurskategorie Schwingen und Kanten, »ein freies Spiel mit der Bewegung, dem Gelände und der Schwerkraft«. Der zierliche Mittdreißiger könnte seinem Habitus nach auch Dirigent sein, tatsächlich lebt er sommers als Performancekünstler in Wien. Er kennt die Vorurteile der Künstler gegen den Sport wie die der Sportler gegen die Kunst. Lächelnd lässt er jetzt seine Pappenheimer ihren Schwerpunkt suchen, die Standfestigkeit testen, auf Kreiselscheiben balancieren.
Aber das Schwierigste steht uns noch bevor, und zwar am Berg. Als wir oben an der Liftstation aussteigen, wo man die frisch aufgeschüttelte Schneedecke überblickt von Saloberkopf bis Diedamskopf, von Widderstein bis Hochtannberg, und die Wedelkönige denken, nun seien sie in ihrem Element, sagt Michael, wir sollten mal fahren, wie wir sonst nie fahren. Schon schlingert er talwärts. Beugt den Oberkörper seitlich über die Hüfte, rollt ihn vornüber, lässt die Arme baumeln, hebt den Talski an, saust auf dem Bergski den Gegenhang rauf wie ein Stuntclown, fällt in plötzliche Vorlage…
Die Wiener finden es grauslich. Zaghaft folgen sie, wobei sie ein wenig in die Hocke gehen oder in der Kurve die Arme ausbreiten – aber immer auf Eleganz bedacht. Auch Kristin traut sich nicht so richtig, falsch zu fahren. Automatisch hält sie die Knie zusammen, schwingt im Rhythmus. Nur die Reporterin aus dem Flachland, die ohnehin nie Perfektion erreichen wird, hat gleich Spaß am Durcheinanderstil. Endlich mal verboten fahren: in extremer Rücklage, haltlos rutschend, wild die Stöcke wirbelnd. Was wir hier lernen sollen, ist aber etwas Ernsthaftes: die eingefahrenen Muster zu durchbrechen. Je mehr Bewegungsvielfalt in eine Abfahrt kommt, desto gelenkschonender ist sie, desto reaktionsschneller und entspannter wird der Fahrer.
»Achtzig Prozent der guten Sportler, die meinen, dass sie souverän unterwegs sind«, sagt Michael, »bleiben vier Stunden in einer Position und schaffen dadurch Überbelastung.« Deshalb endet unser Skitag nicht in einer Baude, sondern beim Entspannungstraining im Dorfschulsaal. Ausstrecken, tief atmen, dehnen. Lendenwirbelsäule entlasten. Massieren lassen. Träge übers Parkett kugeln. Das Wunder dieser Wohlfühlpädagogik wird aber erst am Ende der Woche offenbar, wenn niemand aus der Gruppe den üblichen Muskelkater verspürt und Ulrikes Knie erstmals seit Jahren nicht vom Skifahren geschwollen sind.
Michael bringt uns ja keine Pirouetten bei, sondern treibt uns nur die Verbissenheit aus. Am zweiten Tag machen wir im Schnee Atemübungen, um unseren »Schwungradius mit dem Atemrhythmus« zu koordinieren. Dann »falten« wir den Körper an so vielen Gelenkstellen wie möglich, wobei wir aussehen wie diese hölzernen Spielzeugtierchen an Gummistrippen. Dann sollen wir »mit Fliehkraft carven«, schön breitspurig wie die Eisenbahn. Michael macht auch vor, wie wir es nicht machen sollen, indem er 100 Meter in perfekter, kniegepresster Kurzschwingtechnik tänzelt. »Ach, sieht das schön aus!«, ruft Julia. Wie sie dasteht im blau-weiß-roten Daunenanorak der klassischen Arlberg-Urlauberin und ihrem Lehrer halb bewundernd, halb wehmütig nachblickt, verabschiedet sie sich vom 20. Jahrhundert. Was wir hier betreiben, könnte ja eine Trendwende im Skitourismus werden.
Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Am dritten Tag sieht man unsere Mannschaft gebückt im Schneckentempo auf der blauen Piste kreuzen. Mit dem Talstock stechen wir, flopp-flopp-flopp, in den Schnee, als hätten wir etwas verloren. Die Knirpse von der Schoppernauer Schneesportschule ziehen lachend an uns vorbei. Aber unser Trainer sagt, das Staksen diene der Bodenhaftung, vor allem bei schlechter Sicht. Stimmt! Beim Mittagessen in der Wedelstube, wo wir wie Verschwörer um den Tisch sitzen und Ski!Projekt-geprüfte Teesorten kosten, verkündet Julia, sie revidiere ihre Meinung über Alternative. »Bis ich Michael getroffen habe, dachte ich, das sind alles müslimampfende Latzhosenträger in Herrgottsschlapfen.« Michael, der ökobewusste Lokalpatriot, dessen Pullover für die heimische Firma Allsport wirbt, der seinen Gästen Bonuspunkte für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel gibt und gerade erst mit dem EU-Preis für umweltfreundliches Reisen ausgezeichnet wurde, verspeist zufrieden seinen Kaiserschmarren.
Er ist ja nicht bloß Trainer, Alleinunterhalter, Vorturner seiner kleinen Skitanzgruppen, sondern auch ihr Erzieher. Wenn wir in der Gondelbahn sitzen und aus der Vogelperspektive das gewellte Tal mit seinen weit verstreuten Gehöften bewundern, weckt er unsere Sympathie für die futuristischen Holzneubauten, die wie fremdartige Gewächse aus weißen Wiesen sprießen. Wir befänden uns hier im Silicon Valley der alpenländischen Architektur. Dass aber weit und breit keine Fremdenverkehrssünden zu sehen seien, weder wuchtige Hotelklötze noch brutale Supermärkte, liege an der weitsichtigen Lokalpolitik. Sie stärke das Handwerk, die Dreistufenlandwirtschaft und die Sennereigenossenschaften. Warum also sollte es nicht auch im Skisport Gegenmodelle zur Globalisierung des schlechten Geschmacks geben? Viele Ski!Projekt-Schüler kommen ja von weit her, weil sie das sture Pistenkratzen satt haben, von den Rambazamba-Arenen genervt sind und ein stressfreies, intensives Naturerlebnis suchen.
Während wir über Tannenwipfel himmelwärts schaukeln, erzählt uns Michael vom berühmt-berüchtigtsten Schoppernauer. Franz Michael Felder war Bauer, Schriftsteller und Sozialreformer in der Mitte des 19. Jahrhunderts, ein rebellischer Kauz, der die Monopolisten des Käsehandels bekämpfte und eine gerechte Verteilung der Gemeindelasten erstritt, eine der ersten Volksbüchereien der österreichisch-ungarischen Monarchie gründete und nebenher empfindsame Porträts seiner Landsleute verfasste. Sein bester Roman, Die Sonderlinge, handelt vom Konflikt zwischen innovativen und konservativen Kräften im Bregenzerwald. Mit diesem Felder, sagt Michael, sei er wahrscheinlich um zehn Ecken verwandt. Jedenfalls hoffe er das.
Denn Felder mit seiner weltoffenen Heimatverbundenheit war ein Grenzgänger, und so einer ist auch unser Trainer, der das Skifahren als Kulturtechnik propagiert. Es ist der vierte Tag, wir stehen wieder am Hang und sollen nun unsere »Performance«, »Bühnenpräsenz«, »Ausstrahlung« verbessern. Michael trägt eine rote Baseballkappe und filmt uns: meine komische Seitwärtsneigung des Kopfes, Julias mutige Linkskurven, Ulrikes Ausgeglichenheit, Kristins Lässigkeit und Haralds neuartige Beckenarbeit. Zu seiner eigenen Überraschung sieht es sehr professionell aus. »Du weißt ja«, sagt Harald, der schon das dritte Mal hintereinander am Ski!Projekt teilnimmt, und klopft seinem Lehrer kräftig auf die Schulter, »dass ich es schrecklich finde, was du uns beibringst. Aber vielleicht ist es ja gar nicht so abwegig.« Ein größeres Kompliment kann man sich als Sonderling von einem Wedelkönig kaum erhoffen.
Am letzten Tag machen wir freiwillig Gymnastik
Vielleicht wird ja aller Skiunterricht irgendwann so funktionieren: weg vom einbetonierten Standardstil hin zum fliegenden Wechsel zwischen kurzen und langen Schwüngen, zwischen aggressivem Kanten und leichtem Gleiten. Weg vom Höhenmeterschrubben hin zum Ganztagessport. Weg vom fertigen Idealbild hin zum »körperlich-mentalen High-Erlebnis«, bei dem der Bewegungsfluss harmonisch durch den Menschen geht. Was aber den Skitouristen guttut, könnte auch der Landschaft bekommen. Denn für solchen Fortschritt braucht man keine gigantischen Skischaukeln, keine beheizten Sessellifte und keine Schneekanonen bis in den hintersten Winkel. Sogar sehr gute Fahrer kommen eine Woche lang mit wenigen Pisten aus. Wir haben bei unserem Tanz mit dem Berg kaum gemerkt, wie oft wir dieselbe Strecke benutzten.
Als es am letzten Kurstag so heftig stürmt, dass uns die Schneeflocken ins Gesicht klatschen, findet die Mannschaft, sie habe bei solchem Sauwetter noch nie so gute Laune gehabt. Die wattig-neblige Piste ist unser Tummelplatz. Als Michael telefonieren geht, machen wir von allein die tollsten Kapriolen. Vor der Mittagspause absolvieren wir unaufgefordert unsere Gymnastik, und beim abschließenden Umherkullern im Saal legen wir uns mächtig ins Zeug. Die Wiener wollen diesen wunderbaren Kurs sämtlichen Freunden weiterempfehlen. »Das Wort Tanz«, sagt Harald, »werde ich natürlich nicht benutzen.« Denn Tanzen ist für Tänzer, Skifahren für Machos. Und man muss ja nicht jedem verraten, wie man seine Technik perfektioniert hat.
Information
Anreise:
Für umweltschonende Anfahrt mit der Bahn gibt es Ski!Projekt-Bonuspunkte, die man in Ski!Privatstunden umtauschen kann. ICE/IC bis Bregenz oder Dornbirn. Dann eine Stunde herrliche Busfahrt durch die Berge nach Au-Schoppernau
Unterkunft:
Gemütlich wohnt man im Wirtshaus Gämsle, Tel. 0043-5515/30062,
www.gaemsle.at
, in Schoppernau. Ab 63 Euro
Moderner ist das Hotel Krone, Tel. 0043-5515/22010,
www.krone-au.at
(neue Vorarlberger Holzarchitektur) im Nachbardorf Au. Übernachtung mit Halbpension 71 Euro
Familienanschluss und Biokäse aus Eigenproduktion gibt es auf dem Bauernhof von Xaver Felder, Tel. 0043-5515/2152,
www.felders.at
: Skiführer, Co-Leiter der Schneesportschule Schoppernau, Almbewirtschafter. Xaver unterstützt als Gastlehrer das Ski!Projekt. Ferienwohnung für zwei Personen pro Tag 50 Euro, für vier Personen 90 Euro
Skigebiet:
Diedamskopf (2090 Meter) mit 14,5 Kilometer blauen Pisten, 19,5 roten, 10 schwarzen Skirouten
Ski!Projekt:
Michael Widmer-Willams Programm umfasst drei Bereiche: Alpinski nach eigener Trainingsmethode (die Übungen leiten sich aus zeitgenössischen Tanzstilen und ganzheitlichen Bewegungslehren ab), physiotherapeutische Alpinkurse, Tiefschnee und Touren nach der Feldenkrais-Methode. Alle Kurse variieren nach Leistungsniveau und Lernzielen (Gleiten, Kurven, Kanten, Schwingen, Schweben). Skitag von 8.45 bis 17 Uhr. Rundumbetreuung mit Reisetipps, Skitransport, Abholung am Quartier. Kleine Gruppen (5 bis 8 Personen). 6 Tage Kurs inkl. Skipass kosten 549 bis 589 Euro. Kontakt über Monika Albrecht, Tel. 0043-5515/2288,
www.skiprojekt.at
Sehenswert:
Vor allem die bäuerlich geprägte Landschaft des Hinteren Bregenzerwaldes. Neue Architekturen wie das kombinierte Frauenmuseum-Feuerwehrhaus in Hittisau, das Stelzenrathaus Andelsbuch, der Werkraum in Egg und der Franz-Michael-Felder-Saal in Schoppernau
Auskunft:
Au-Schoppernau-Tourismus, A-6883 Au, Tel. 0043-5515/2288,
www.au-schoppernau.at
- Datum 21.01.2008 - 12:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.01.2008 Nr. 04
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